Die Zukunft von gestern – und das Morgen von übermorgen
Antwerpen blickt auf 2126: Die Metropolis Academy lädt Jugendliche ein, mit Kunst und Technik über die Zukunft nachzudenken. Eine Zeitreise von Jules Verne über Fritz Lang bis zur künstlichen Intelligenz.
Ein Blick ins Jahr 2126
Wie werden die Menschen in hundert Jahren leben? Werden Maschinen ihnen die Arbeit abnehmen? Werden Städte grüner, Gesellschaften gerechter und Grenzen bedeutungsloser sein? Oder entstehen ganz andere Probleme, für die wir heute noch nicht einmal Begriffe haben?
In Antwerpen richtet die Metropolis Academy am 19. Oktober den Blick auf das Jahr 2126. Junge Menschen sollen sich mit Zukunftsvorstellungen auseinandersetzen und eigene Ideen entwickeln. Dabei geht es nicht um wissenschaftliche Prognosen, sondern um die Möglichkeiten der Kunst: Theater, Musik, Bilder und Geschichten können Welten entstehen lassen, die es noch gar nicht gibt. Der Gedanke ist keineswegs neu. Schon vor mehr als anderthalb Jahrhunderten beschäftigte er einen französischen Schriftsteller, dessen Fantasie Generationen von Leserinnen und Lesern begeisterte.
Eine Zukunft, die zu früh kam
Jules Verne schickte seine Romanfiguren zum Mond und auf Reisen unter die Meeresoberfläche. Seine Geschichten entstanden in einer Zeit, in der Dampfmaschinen, Eisenbahnen und elektrische Experimente die Vorstellungskraft beflügelten. Die Welt schien voller technischer Möglichkeiten. Doch Verne konnte auch anders.
1863 schrieb er den Roman Paris im 20. Jahrhundert. Darin entwarf er eine Gesellschaft des Jahres 1960, in der technische Errungenschaften den Alltag beherrschen, wirtschaftlicher Erfolg über gesellschaftliches Ansehen entscheidet und Kunst und Literatur zunehmend an den Rand gedrängt werden. Sein Verleger Pierre-Jules Hetzel lehnte das Manuskript ab. Die Geschichte erschien ihm zu pessimistisch und wenig erfolgversprechend. Der Roman verschwand in der Schublade und wurde erst 1994 veröffentlicht.
Das ist eine bemerkenswerte Ironie: Als die Leser Vernes Zukunftsvision endlich kennenlernen konnten, lag das Jahr, in dem sie spielte, bereits mehr als drei Jahrzehnte zurück. Und die Frage, die Verne aufwarf, war keineswegs veraltet: Was gewinnt eine Gesellschaft durch technischen Fortschritt – und was könnte sie dabei verlieren?
Eine Stadt aus Maschinen
Am 10. Januar 1927 feierte in Berlin ein Film Premiere, der zu einem der einflussreichsten Werke der Filmgeschichte werden sollte: Fritz Langs Metropolis. Gewaltige Wolkenkratzer, mehrstöckige Verkehrswege, gigantische Maschinenhallen und ein künstlicher Mensch bestimmten das Bild einer zukünftigen Großstadt. Hoch über den Arbeitern lebte eine privilegierte Gesellschaft, während tief unter der Erde Menschen die Maschinen in Bewegung hielten.
Die Technik erschien überwältigend. Doch die eigentliche Bedrohung lag nicht in den Maschinen selbst, sondern in den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen sie eingesetzt wurden. Der Maschinenmensch, der die Gestalt einer Frau annehmen konnte, wurde zu einer der berühmtesten Figuren des frühen Science-Fiction-Kinos. Eine Maschine, die Menschen nicht nur Arbeit abnimmt, sondern sie auch täuschen kann – lange bevor es Computer im heutigen Sinne gab.
Zwischen Neugier und Angst
Was verbindet Jules Verne mit Fritz Lang? Beide beschäftigten sich mit technischen Möglichkeiten, die über ihre Gegenwart hinausreichten. Beide stellten aber auch Fragen nach den Menschen, die mit diesen Möglichkeiten leben müssen.
Vielleicht ist das ein Grundmuster menschlicher Zukunftsvorstellungen: Neugier und Angst begleiten einander. Die Neugier fragt, was möglich sein könnte. Die Angst fragt, welche Folgen es haben wird. Ohne Neugier gäbe es viele Entdeckungen nicht. Ohne die Fähigkeit, Gefahren vorauszudenken, würden wir manche Erfindung möglicherweise allzu sorglos begrüßen.
Die Kunst besitzt dabei eine besondere Freiheit. Sie muss weder technische Machbarkeit nachweisen noch eine zuverlässige Vorhersage liefern. Sie darf Hoffnungen überzeichnen, Ängste sichtbar machen und Widersprüche stehen lassen.
Die Goldenen Zwanziger – ein europäischer Aufbruch
Als Metropolis 1927 in Berlin Premiere feierte, erlebten viele europäische Städte eine Zeit des Aufbruchs. In Paris, Berlin, Brüssel und Antwerpen veränderten neue Technologien, moderne Architektur, Film, Musik und gesellschaftliche Umbrüche den Alltag.
Auch Antwerpen war Teil dieser Entwicklung. Der Hafen verband die Stadt mit der Welt, Handel und Industrie prägten das Leben. Zugleich experimentierten Künstler und Architekten mit neuen Ausdrucksformen. Die Moderne stellte nicht nur die Frage, wie die Welt aussehen könnte, sondern auch, wie Menschen künftig miteinander leben sollten.
Doch die Goldenen Zwanziger glänzten keineswegs überall gleichermaßen. Der Erste Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen. Wirtschaftlicher Aufschwung und soziale Unsicherheit existierten nebeneinander. Neue Maschinen versprachen Wohlstand, während Rationalisierung und gesellschaftliche Ungleichheit Ängste auslösten.
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 stand noch bevor. Doch die Widersprüche zwischen technischem Fortschritt und menschlichen Bedürfnissen waren bereits sichtbar. Metropolis verdichtete diese Spannungen zu einer düsteren Zukunftsvision – einer Vision, die weit über Deutschland hinaus verstanden werden konnte.
Die Zukunft ist Gegenwart geworden
Fast hundert Jahre später hat sich vieles verändert. Computer sind alltäglich geworden. Maschinen fertigen Produkte mit einer Präzision, die früher undenkbar gewesen wäre. Künstliche Intelligenz kann Texte verfassen, Bilder erzeugen, Sprachen übersetzen und mit Menschen Gespräche führen.
Der Maschinenmensch aus Metropolis ist dabei nicht einfach Wirklichkeit geworden. Die leistungsfähigsten KI-Systeme benötigen keinen menschenähnlichen Körper. Sie begegnen uns auf Bildschirmen, in Software und zunehmend als unsichtbare Bestandteile technischer Abläufe.
In Krankenhäusern übernehmen bereits Serviceroboter Transportaufgaben, bringen beispielsweise Medikamente oder medizinisches Material von einer Station zur anderen. Gleichzeitig werden Roboter für militärische Einsätze entwickelt. Zwischen einer Maschine, die Pflegekräfte entlastet, und einer, die im Krieg eingesetzt wird, liegen völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wofür technischer Fortschritt dienen soll. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht allein, was Maschinen können, sondern auch, wofür Menschen sie einsetzen.
Und dennoch klingen manche Fragen von 1927 erstaunlich vertraut: Wer bestimmt über den Einsatz neuer Technologien? Wem kommt ihr Nutzen zugute? Welche Arbeit bleibt Menschen vorbehalten? Und wie verhindern wir, dass technischer Fortschritt gesellschaftliche Ungleichheiten verstärkt? Vielleicht hätte Fritz Lang über unsere Gegenwart gestaunt. Vielleicht hätte er aber auch manches wiedererkannt.
Zurück nach Antwerpen – und weiter ins 22. Jahrhundert
Nun sind die jungen Menschen in Antwerpen an der Reihe. Die Metropolis Academy lädt sie ein, sich mit einer Zukunft auseinanderzusetzen, die für sie ebenso fern liegt wie das Jahr 2026 für die Zuschauer von Fritz Langs Film.
Dabei müssen ihre Vorstellungen nicht eintreffen. Auch Jules Verne hat die Zukunft nicht einfach vorhergesagt, und Metropolis war nie als technischer Bauplan gedacht. Entscheidend ist vielmehr, dass Menschen ihre Zukunft nicht nur erwarten, sondern gedanklich gestalten können. Dass sie sich fragen, welche Entwicklungen sie begrüßen, welche sie fürchten und in welcher Welt sie leben möchten.
Vielleicht werden die Menschen des Jahres 2126 einmal auf unsere heutigen Zukunftsbilder zurückblicken. Sie werden über manche Befürchtung schmunzeln und über manche Hoffnung staunen. Und vielleicht werden sie entdecken, dass sich hinter all den technischen Veränderungen zwei sehr menschliche Eigenschaften kaum verändert haben: die Neugier auf das Unbekannte und die Sorge um das, was uns wichtig ist.