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Europäische Kultur entdecken · 7. Oktober 2026

Barockschloss mit Zukunft

Erst fuhr ihre Werkstatt zu den Jugendlichen. Jetzt bauen Christian Zöllner und Sebastian Piatza ein fast 300 Jahre altes Barockschloss zu einem Ort um, an dem junge Menschen länger tüfteln, gestalten und experimentieren können.

Gezeichnete Szene vor dem Barockschloss Oberlichtenau. Jugendliche arbeiten an einem Tisch mit keramischem 3D-Druck, Computer und Werkzeugen; daneben steht das schwarze FABMOBIL.
Vom fahrenden Labor zum festen Ort: Mit dem FABMOBIL bringen Christian Zöllner und Sebastian Piatza seit Jahren digitale Werkstätten zu Jugendlichen. Im Barockschloss Oberlichtenau soll nun Platz für Projekte entstehen, die länger dauern dürfen. Bildquelle: ISKRA SMOKA

OBERLICHTENAU/DRESDEN – Ein schwarzer Doppeldeckerbus fährt durch die Oberlausitz. Im Inneren sitzen keine Reisegruppen. Dort stehen 3D-Drucker, Computer und andere Geräte, mit denen Jugendliche programmieren, Virtual Reality ausprobieren oder sich mit Robotik beschäftigen können.

Das ist das FABMOBIL. „Fab“ kommt von „fabrication“, also Herstellung oder Fertigung. Ein FabLab ist eine Werkstatt, in der mit digitalen Werkzeugen Dinge entworfen und hergestellt werden. Beim FABMOBIL bekam die Werkstatt Räder: Seit 2016 bringen Christian Zöllner und Sebastian Piatza damit Technik zu Jugendlichen im ländlichen Raum.

Die Idee löst ein Problem: Wer weit entfernt von einer größeren Stadt lebt, hat vielleicht keinen 3D-Drucker oder Lasercutter um die Ecke. Dann kommt die Werkstatt eben vorbei.

Aber irgendwann stößt selbst ein Doppeldecker an Grenzen.

Was nicht in einen Bus passt

Was geschieht, wenn aus einem Nachmittag ein Projekt über mehrere Tage werden soll? Wenn man nicht nur einen 3D-Drucker kennenlernen, sondern einen eigenen Entwurf mehrmals verändern möchte? Oder wenn zur Werkstatt auch ein Platz zum Schlafen, Essen und gemeinsamen Arbeiten gehören soll?

Zöllner und Piatza haben darauf eine ziemlich sächsische Antwort gefunden: Sie haben ein Schloss gekauft.

Das Barockschloss Oberlichtenau bei Pulsnitz wurde zwischen 1726 und 1730 im Stil des sächsischen Spätbarocks errichtet. 1744 kaufte es Heinrich Graf von Brühl. Es überstand Beschädigungen im Siebenjährigen Krieg und entging nach 1945 nur knapp dem Abriss. Von 1948 bis 2005 befand sich dort ein Kinderheim.

Nun soll das Schloss erneut ein Ort für junge Menschen werden – diesmal als Akademie mit Werkstätten, Laboren und Übernachtungsmöglichkeiten.

In der entstehenden „Akademie für angewandte Zukunft“ sind Digitalwerkstätten und ein Makerlab vorgesehen, dazu Seminar- und Veranstaltungsräume sowie Übernachtungsmöglichkeiten. 25 Gästebetten werden genannt. Hellerau führt außerdem Gewächshäuser und eigene Energieanlagen auf. Geplant sind Workshops, Summer Schools und Residenzen. Einiges davon existiert schon, anderes befindet sich noch im Aufbau; derzeit werden unter anderem das Dach saniert, Unterkünfte ausgebaut und Werkstätten eingerichtet.

Aus dem fahrenden Labor wird also nicht einfach ein größeres Labor ohne Räder. Es entsteht ein Ort, an dem man bleiben kann.

Nähen neben dem 3D-Drucker

Dabei bedeutet „Zukunft“ nicht, dass alle den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzen sollen.

Sigrun Krause, die in Oberlichtenau Angebote für Kinder und Jugendliche entwickelt, beschrieb dem MDR beispielsweise geplante Summer Camps: Jugendliche könnten dort zelten, am 3D-Drucker arbeiten, nähen und eigene Dinge entwerfen. Werkstätten werden bereits in einem der beiden Kavaliershäuser eingerichtet.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Beim FABMOBIL lernt man Technologien kennen und kann sie ausprobieren. Im Schloss soll daraus längerfristiges Arbeiten werden. Das Netzwerk Zukunftsorte beschreibt ausdrücklich die Weiterentwicklung der Erfahrungen aus der mobilen Digitalbildung zu festen Bildungsprogrammen und Kooperationen mit Schulen und Hochschulen.

Und das Wort „fabrication“ bekommt dabei seinen eigentlichen Sinn zurück: Es geht ums Herstellen.

Ein ziemlich schönes Beispiel dafür ist keramischer 3D-Druck. Dabei schmilzt nicht wie bei vielen gewöhnlichen 3D-Druckern ein Kunststofffaden. Eine formbare keramische Masse kann Schicht für Schicht zu einem Gegenstand aufgebaut werden, der anschließend weiterverarbeitet und gebrannt wird.

Ton trifft Computer.

Und ausgerechnet in Sachsen ist diese Kombination gar nicht so exotisch, wie sie klingt.

Der gedruckte Rüssel

Rund eine Autostunde von Oberlichtenau entfernt liegt Meißen. Dort wird seit mehr als 300 Jahren Porzellan hergestellt. Und selbst die berühmte Porzellantradition hat Bekanntschaft mit dem 3D-Druck gemacht.

Im Forschungsprojekt „RestaurAM“ arbeiteten die Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme und weitere Partner daran, fehlende kleine Teile historischer Porzellangegenstände digital zu rekonstruieren und additiv herzustellen.

Eines dieser Teile war ein Rüssel.

Zu einer historischen Elefantenkopf-Vase gehörte ein als Henkel gestalteter Elefantenkopf, dessen Rüssel abgebrochen war. Der fehlende Teil wurde digital rekonstruiert und mit einem keramischen 3D-Druckverfahren neu aus Porzellan hergestellt. Der Ersatzrüssel ist ungefähr zehn Zentimeter lang.

So kann moderne Fertigungstechnik dazu führen, dass ein alter Porzellanelefant seinen Rüssel zurückbekommt.

In Oberlichtenau geht es nicht um die Restaurierung Meissener Porzellans. Eine direkte Verbindung zwischen diesem Forschungsprojekt und der Zukunftsakademie gibt es nicht. Aber das Beispiel zeigt ziemlich gut, was an einer Werkstatt interessant sein kann, in der traditionelle Materialien und digitale Werkzeuge nicht als Gegensätze betrachtet werden.

Wer kommt auf so eine Idee?

Zöllner und Piatza sind keine Hobbybastler, die zufällig an ein Schloss geraten sind. Beide kommen aus dem Design.

Christian Zöllner studierte Produktgestaltung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden und schloss 2007 mit Diplom ab. Er arbeitete anschließend in Designstudios in Paris und Wien, gründete das Medienkunstkollektiv VR/Urban und lehrte an verschiedenen Hochschulen. Seit 2018 ist er Professor an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle; sein Arbeitsgebiet verbindet Industriedesign mit Gestaltung in digitalen Kontexten.

Sebastian Piatza ist Produktdesigner mit einem Schwerpunkt auf Arbeiten zwischen Design, Medien und Wissenschaft. Er leitete Workshops, gehörte ebenfalls zu VR/Urban und ist seit 2017 Projektmanager des FABMOBIL. Gemeinsam betreiben die beiden das Design- und Forschungsstudio The Constitute.

Und Oberlichtenau ist für sie nicht irgendein günstiger Standort. Zöllner, Piatza und Sigrun Krause sind nach Angaben des MDR in der Region aufgewachsen. Das Projekt führt die beiden Designer damit in eine Gegend zurück, aus der sie selbst kommen.

Heute fährt der Bus noch einmal vor

Ganz auf seine Räder verzichten muss das FABMOBIL trotzdem nicht. Heute steht der schwarze Doppeldecker ab 17 Uhr vor dem Festspielhaus Hellerau in Dresden. Der Eintritt ist frei. Bei der Eröffnung der HYBRID Biennale wird auch die Akademie für angewandte Zukunft vorgestellt.

Währenddessen wird in Oberlichtenau weitergebaut. Das Schloss ist noch kein fertiger Campus. Gerade das macht das Projekt interessant: Man kann beobachten, wie aus den Erfahrungen eines fahrenden Labors Schritt für Schritt ein dauerhafter Ort entsteht.

Fast 300 Jahre liegen zwischen dem Bau des Barockschlosses und der Idee, dort mit Robotik, Virtual Reality, 3D-Druck, Stoffen und anderen Materialien zu experimentieren.

Der Bus hat gezeigt, dass eine Werkstatt fahren kann. Jetzt soll das Schloss zeigen, was möglich wird, wenn sie bleibt.