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Europäische Kultur entdecken · 21. Oktober 2026

Cyankali – ein Film, der nicht schweigen wollte

Berlin zeigt „Cyankali“ (1930) in restaurierter Fassung. Ein Film über Armut, § 218 und Zensur kehrt zurück – mit Live-Cellomusik für verlorene Tonpassagen.

Gezeichnete Kinoszene: eine junge Frau aus einem Film von 1930 auf großer Schwarzweißleinwand; davor begleitet ein Cellist im dunklen Anzug die Vorführung. Filmprojektor und Zuschauer im Vordergrund.
Zwischen 1930 und 2026: Der Cellist Paul Rittel begleitet die restaurierte Fassung von „Cyankali“. Künstlerische Illustration; Leinwandfigur und Musiker nach historischen beziehungsweise fotografischen Vorbildern interpretiert. Bildquelle: ISKRA-SMOKA / KI-gestützt

Manche Filme verschwinden, weil niemand sie mehr sehen will. Andere verschwinden Stück für Stück, weil sie einst zu viel gezeigt haben. Als Cyankali 1930 in die deutschen Kinos kam, erzählte er von einer jungen Frau, von Armut und von einem Gesetz, das sie in ihrer Not alleinließ. Der Film löste heftige Kontroversen aus, wurde wiederholt der Zensur vorgelegt und zeitweise verboten. Fast ein Jahrhundert später kehrt er in Berlin zurück – restauriert, aber nicht vollständig. Ein Cellist hilft ihm, dort wieder hörbar zu werden, wo seine ursprüngliche Tonspur verloren ging.

Am Mittwochabend eröffnet die Deutsche Kinemathek mit der Weltpremiere der digital restaurierten Fassung von Cyankali ihr Festival Film Restored. Das diesjährige Motto lautet „Risky Business“: Es geht um Filme, die etwas riskierten, und um die Gefahren, denen ihre Überlieferung ausgesetzt ist. Kaum ein Werk könnte beide Seiten dieses Themas eindringlicher verbinden.

Hete möchte ein Kind

Hete ist jung, arbeitet als Büroangestellte und liebt Paul, einen Fabrikarbeiter. Als sie schwanger wird, möchte sie das Kind zunächst bekommen. Reich sind die beiden nicht, aber sie hoffen auf ein gemeinsames Leben. Dann beteiligt sich Paul am Kampf um höhere Löhne und verliert seine Arbeit. Was vorher schwierig war, erscheint plötzlich kaum noch möglich.

Die Geschichte spielt in der wirtschaftlichen Krise am Ende der Weimarer Republik. Arbeitslosigkeit, enge Wohnungen und soziale Unsicherheit bestimmen den Alltag. Für Hete wird die Frage, ob sie ein Kind bekommen kann, damit auch zu einer Frage des Geldes. Doch ein Schwangerschaftsabbruch ist nach dem damaligen Paragrafen 218 grundsätzlich strafbar. Ärzte weisen sie ab. Schließlich sucht sie Hilfe bei einer sogenannten Engelmacherin und erhält das Gift, das dem Film seinen Namen gibt: Zyankali.

Der Film erzählt keine abstrakte juristische Debatte. Er zeigt, wie sich wirtschaftliche Not, gesellschaftliche Erwartungen und ein Strafgesetz im Leben eines einzelnen Menschen miteinander verbinden. Gerade darin liegt seine Wucht: Hete wird nicht als Fallbeispiel vorgeführt, sondern als junge Frau, die zunächst voller Hoffnung ist und zunehmend weniger Handlungsmöglichkeiten sieht.

Von der Theaterbühne auf die Leinwand

Die Geschichte stammt von Friedrich Wolf, einem Arzt und Schriftsteller, der mit seinem Theaterstück Cyankali 1929 für Aufsehen sorgte. Die Uraufführung am Berliner Lessingtheater löste leidenschaftliche Reaktionen aus. Wolf hatte ein Thema auf die Bühne gebracht, über das öffentlich gestritten wurde, während die betroffenen Frauen oft kaum Gehör fanden.

Schon ein Jahr später verfilmte Hans Tintner das Stück für die Berliner Atlantis-Film. Die junge Hete spielte Grete Mosheim. Am 23. Mai 1930 feierte Cyankali im Berliner Kino Babylon Premiere.

Anders als bei einer bloßen Übertragung des Theaterstücks konnte der Film die soziale Umgebung seiner Figuren unmittelbar zeigen. Fabrikarbeit, Arbeitslosigkeit und die Enge des Großstadtlebens rückten neben die familiäre Tragödie. Das Schicksal einer jungen Frau wurde so zugleich zum Bild einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche Unterschiede darüber entschieden, welche Möglichkeiten Menschen offenstanden.

Ein Film vor der Zensur

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Cyankali wurde von den Zensurbehörden wiederholt geprüft, gekürzt und zeitweise verboten. Selbst nachdem er bereits wochenlang im Kino gelaufen war, wurde seine Zulassung erneut infrage gestellt.

Dabei ging es nicht allein um die Darstellung eines Schwangerschaftsabbruchs. Die Kritik des Films am Gesetz, seine Schilderung der Arbeiterarmut und sein offenkundiges Mitgefühl mit Hete wurden als gesellschaftlich gefährlich betrachtet. In den Zensurentscheidungen tauchten Vorwürfe auf, der Film könne den Klassenhass fördern oder die öffentliche Ordnung gefährden.

Gerade diese Vorgänge erzählen heute eine zweite Geschichte. Cyankali sollte sichtbar machen, was viele lieber nicht sehen wollten. Die Eingriffe in den Film zeigen, wie umkämpft die Grenzen des öffentlich Darstellbaren waren. Was durfte ein Kinofilm zeigen? Wessen Lebenswirklichkeit durfte er ernst nehmen? Und wann wurde aus einer künstlerischen Erzählung in den Augen der Behörden eine politische Gefahr?

Die Auseinandersetzung blieb nicht auf das Kino beschränkt. Der Paragraf 218 war in der Weimarer Republik Gegenstand heftiger Debatten, Demonstrationen und Reformforderungen. Wolfs Stück und Tintners Film gehörten zu den kulturellen Stimmen dieser Auseinandersetzung.

Als die Bilder sprechen lernten

Auch filmtechnisch entstand Cyankali an einer Schwelle. Das Kino wechselte gerade vom Stumm- zum Tonfilm. Tintners Werk enthält noch Zwischentitel und lange stumme Passagen, aber bereits Musik, Geräusche und gesprochene Dialoge. Besonders am Ende gewinnt der Einsatz der menschlichen Stimme eine eigene dramatische Wirkung.

Diese Mischung macht den Film zu einem bemerkenswerten Zeugnis seiner Zeit. Für das Publikum von 1930 war Ton im Kino noch immer eine vergleichsweise neue Erfahrung. Plötzlich konnten Figuren nicht nur durch Gesten und eingeblendete Texte sprechen. Man konnte ihre Stimmen hören.

Ausgerechnet von diesem Film, für den das Sprechen und das Gehörtwerden so bedeutsam sind, ist heute ein Teil des Tons verloren.

Vier Tonrollen fehlen

Für die neue Restaurierung konnte die Deutsche Kinemathek auf das originale 35-Millimeter-Bildnegativ und das ebenfalls originale Lichttonnegativ zurückgreifen. Beide bestehen aus historischem Nitratfilm, dessen Bewahrung und Bearbeitung besondere Sorgfalt verlangt.

Doch das Material ist unvollständig. Das Bildnegativ weist Lücken auf, die unter anderem auf frühere Zensurschnitte und spätere Eingriffe in die Überlieferung zurückgehen. Von den ursprünglich zehn Tonrollen sind nur sechs erhalten. Trotz intensiver Suche ließen sich die fehlenden vier nicht wiederfinden.

Eine Restaurierung kann beschädigte Bilder stabilisieren und vorhandene Tonaufnahmen zugänglich machen. Sie kann jedoch nicht einfach behaupten zu wissen, wie verlorene Passagen ursprünglich geklungen haben.

Deshalb bekommt die Vorführung am Mittwochabend eine besondere musikalische Begleitung. Der Cellist Paul Rittel gestaltet die fehlenden Musikpassagen live. Seine Musik ersetzt nicht unbemerkt das historische Original, sondern macht hörbar, dass an dieser Stelle etwas fehlt – und dass ein heutiger Musiker eine Verbindung zu dem überlieferten Film herstellt.

So begegnen sich im Kinosaal zwei Zeiten: die Bilder und Stimmen von 1930 und ein Cello aus dem Jahr 2026.

Eine alte Frage in einer anderen Gegenwart

Wer Cyankali heute sieht, begegnet einer Gesellschaft, deren Lebensbedingungen und Gesetze sich in vielem verändert haben. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland inzwischen unter bestimmten Voraussetzungen straffrei möglich. Die damalige Situation lässt sich deshalb nicht einfach mit der heutigen gleichsetzen.

Die grundsätzlichen Fragen sind jedoch nicht verschwunden. Wie frei ist eine persönliche Entscheidung, wenn Geld, Wohnraum und soziale Sicherheit fehlen? Welche Rolle spielen Gesetze, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Erwartungen? Und wie verändert es eine öffentliche Debatte, wenn diejenigen, um deren Leben es geht, selbst eine Stimme erhalten?

Ein Film aus dem Jahr 1930 kann darauf keine fertigen Antworten für 2026 geben. Er kann aber zeigen, unter welchen Bedingungen frühere Generationen diese Fragen stellten – und welche Widerstände sie dabei erfuhren.

Ein Film, der nicht schweigen wollte

Am 21. Oktober läuft Cyankali wieder in Berlin. Die restaurierte Fassung dauert 91 Minuten. Sie ist kein vollständig wiederhergestelltes Original, sondern ein sorgfältig bearbeitetes Zeugnis dessen, was die Zeit, die Zensur und die Archive von ihm übriggelassen haben.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Bedeutung dieses Abends. Die Geschichte der Hete wurde 1930 erzählt, weil Menschen auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen wollten. Danach wurde um jedes Stück Film, um seine Zulassung und schließlich um seine Bewahrung gerungen.

Nun kehren die Bilder auf die Leinwand zurück. Wo die ursprüngliche Musik verloren ist, erklingt ein Cello. Und ein Film, dessen Geschichte vom Verbot und vom Verstummen handelt, bekommt nach 96 Jahren erneut die Gelegenheit, gehört zu werden.