Monster aus zweiter Hand
In Brighton bauen Jugendliche aus weggeworfenen Spielsachen fantasievolle Monster. Nach Workshops und digitaler Animation erwachen die Figuren beim B.fest als Filmprojektion zum Leben.
Was macht man mit einem Spielzeugroboter, dem ein Arm fehlt? Mit einem Kuscheltier, das niemand mehr haben möchte, oder einer Plastikfigur, die längst aus der Mode gekommen ist? In Brighton gibt es darauf eine ungewöhnliche Antwort: Man nimmt die Dinge auseinander, kombiniert sie neu und erschafft daraus ein Monster. Vielleicht bekommt der Roboter einen Tierkopf, vielleicht wachsen einer kleinen Plastikfigur plötzlich Tentakel. Was vorher ausgedientes Spielzeug war, erhält eine neue Gestalt – und am Samstagabend sogar ein zweites Leben auf einer großen Hauswand.
Monster Mashed heißt das Projekt, bei dem Jugendliche im Brighton Youth Centre aus ausrangierten Spielsachen fantasievolle Mischwesen entwickeln. Am 24. Oktober werden ihre Kreationen beim Auftakt des Jugendkunstfestivals B.fest als animierter Kurzfilm auf das Gebäude projiziert. Das Werk gehört zugleich zum Programm von Dreamy Place, einem Festival für digitale Kunst, kreative Technologie und neue Perspektiven auf unsere Umwelt.
Der Spielzeugfriedhof wird zur Werkstatt
Plastikfiguren, kleine Roboter, Stofftiere und allerlei Spielzeugreste haben eines gemeinsam: Wenn sie kaputtgehen oder nicht mehr gebraucht werden, landen sie häufig im Abfall. Dabei steckt in ihnen noch jede Menge Material, Farbe und Form.
Die Künstler David und Tamsin Allistone von Exploring Senses machten daraus die Grundlage eines ungewöhnlichen Kunstprojekts. Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren waren eingeladen, eigene Monster aus ausrangierten Spielsachen zu gestalten. Der erste Workshop fand am 29. September statt. Im Mittelpunkt stand nicht die Reparatur. Die Figuren sollten nicht wieder aussehen wie früher. Vielmehr durften die Jugendlichen sie zerlegen, neu zusammensetzen und verändern. Aus Teilen verschiedener Spielsachen entstanden Fantasiewesen, deren Aussehen keinen Regeln folgen musste.
Ein Wesen kann schließlich gleichzeitig Maschine und Tier sein, mehrere Augen besitzen oder Gliedmaßen tragen, die ursprünglich zu ganz unterschiedlichen Figuren gehörten. Was beim ersten Hinsehen wie eine ziemlich wilde Bastelei wirkt, stellt eine interessante Frage: Wann ist ein Gegenstand eigentlich am Ende seines Lebens angekommen?
Aus Plastik wird Persönlichkeit
Ein gekauftes Spielzeug besitzt normalerweise eine fertige Gestalt. Jemand hat vorher festgelegt, wie es aussieht, was es darstellen soll und welche Geschichte dazu passt. Beim Toy Hacking, wie das kreative Zerlegen und Verändern von Spielsachen genannt wird, kehrt sich dieses Verhältnis um. Nicht mehr der Hersteller bestimmt, welche Figur entstehen soll, sondern der Mensch, der die vorhandenen Teile neu kombiniert.
Dabei bekommen selbst vermeintliche Fehler einen neuen Wert. Ein schief sitzendes Auge, ein überdimensionierter Kopf oder ein Arm an einer unerwarteten Stelle wären bei einem industriell hergestellten Spielzeug möglicherweise ein Mangel. Einem Monster können gerade solche Besonderheiten seinen unverwechselbaren Charakter geben.
Mit dem Zusammenbau der Monster war die Arbeit noch nicht beendet. Am 6. Oktober folgte ein weiterer Workshop, bei dem die Jugendlichen ihre Geschöpfe in die digitale Welt übertrugen. Sie fotografierten die Figuren und bearbeiteten die Bilder anschließend mit der Gestaltungssoftware Procreate. Digitale Collagen, neue Hintergründe und Animationen ermöglichten es, die zuvor unbeweglichen Wesen zum Leben zu erwecken.
Wenn die Hauswand zum Monsterkino wird
David und Tamsin Allistone führen die Arbeiten der Jugendlichen zu einem gemeinsamen Kurzfilm zusammen. Am Samstagabend soll er zwischen 18 und 21 Uhr wiederholt auf die Außenwand des Brighton Youth Centre projiziert werden. Die Vorführung ist kostenlos zugänglich.
Der Ort ist bewusst gewählt. Im Brighton Youth Centre können junge Menschen Musik machen, Theater spielen, gestalten und eigene Veranstaltungen organisieren. Mit B.fest bekommt diese Arbeit jedes Jahr eine öffentliche Bühne. Das Jugendkunstfestival läuft 2026 vom 24. bis zum 30. Oktober und versteht sich ausdrücklich als Veranstaltung von jungen Menschen für junge Menschen.
Zum Programm gehören unter anderem Konzerte, Tanz, Film und Streetart. Jugendliche sind nicht nur als Publikum vorgesehen, sondern an Planung und Gestaltung beteiligt. Monster Mashed passt dazu besonders gut: Die Figuren stammen aus den Ideen der jungen Teilnehmer, während erfahrene Künstler sie bei der Umsetzung unterstützen. Am Ende werden ihre Arbeiten für die ganze Stadt sichtbar.
Eine andere Antwort auf die Wegwerfgesellschaft
Das Projekt berührt zugleich ein Thema, das weit über Kunst und Spielzeug hinausreicht: unseren Umgang mit Dingen, die wir nicht mehr brauchen. Wiederverwertung muss nicht bedeuten, dass ein alter Gegenstand seine ursprüngliche Funktion zurückbekommt. Manchmal kann gerade die Veränderung etwas Neues ermöglichen.
Eine Plastikfigur bleibt auch nach ihrer Verwandlung in ein Monster aus Plastik. Das Materialproblem ist dadurch nicht gelöst. Doch die Jugendlichen lernen, Gegenstände anders zu betrachten: nicht nur als fertige Produkte, sondern als Material, mit dem sich weiterarbeiten lässt.
Das passt zu Dreamy Place, das vom 23. bis zum 25. Oktober in Brighton stattfindet. Das Festival beschäftigt sich mit Kunst, Technologie und unserem Verhältnis zur Umwelt. Monster Mashed nähert sich diesen Fragen auf spielerische Weise: Statt mit erhobenem Zeigefinger über Abfall zu sprechen, zeigt es, was aus scheinbar nutzlosen Dingen entstehen kann.
Ein neues Leben für alte Spielsachen
Am Samstagabend werden in Brighton keine Monster aus alten Sagen zum Leben erweckt. Hier stammen sie aus den Köpfen junger Menschen und aus einer Sammlung ausrangierter Spielsachen.
Ein Roboter, der einst seinen Arm verloren hat, könnte nun Teil einer völlig neuen Figur sein. Eine Plastikfigur, für die niemand mehr Verwendung hatte, bekommt vielleicht einen Platz in einem kleinen Film. Das ist keine große technische Revolution und auch keine Lösung für sämtliche Abfallprobleme. Aber es ist eine einfallsreiche Erinnerung daran, dass der Wert eines Gegenstandes nicht unbedingt mit seinem ursprünglichen Verwendungszweck endet.
Manchmal muss man etwas auseinandernehmen, um darin neue Möglichkeiten zu entdecken. Und manchmal braucht ein altes Spielzeug nur ein paar zusätzliche Augen, damit plötzlich alle wieder hinsehen.