Bündnisse verbinden Länder – Künstler verbinden Menschen
Lange vor der Europäischen Union versuchten Länder, sich politisch zu verbinden. Während Verträge Grenzen neu ordneten, waren Künstler, Musik, Bilder und Ideen längst quer durch Europa unterwegs.
Drei Königreiche, aber ein König. Was heute ungewöhnlich klingt, war im Europa des späten Mittelalters Wirklichkeit: Dänemark, Norwegen und Schweden gehörten seit 1397 zur Kalmarer Union. Die Länder verschwanden dadurch nicht. Sie behielten eigene Gesetze, Interessen und Machtgruppen, standen aber unter einem gemeinsamen Herrscher.
Die Idee war keineswegs einmalig. Immer wieder versuchten Herrscher und Länder in Europa, sich miteinander zu verbinden, ohne dass ein Reich das andere einfach eroberte. Manche dieser Verbindungen entstanden durch Verträge, andere durch Hochzeiten zwischen Herrscherfamilien. Einige hielten Jahrhunderte, andere zerbrachen wieder.
Am 7. September treffen sich Historikerinnen und Historiker im Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel, um genau solche politischen Unionen zu untersuchen. Die internationale Tagung beginnt mit der Kalmarer Union und führt anschließend unter anderem auf die Iberische Halbinsel und in die Habsburgermonarchie. Doch während Könige heirateten, Verträge geschlossen wurden und sich Grenzen verschoben, geschah noch etwas anderes: Menschen bewegten sich.
Eine Landkarte ist keine Mauer
Ein Musiker, der an einem fremden Hof spielen wollte, fragte nicht danach, wie Historiker diesen Staat einige Jahrhunderte später nennen würden. Maler nahmen Aufträge in anderen Ländern an, Baumeister brachten Formen und Techniken mit, Bücher, Melodien und Geschichten wanderten von Stadt zu Stadt.
Politische Grenzen konnten solche Wege erschweren, Bündnisse neue Verbindungen schaffen. Vor allem aber zeigt die europäische Kulturgeschichte immer wieder, dass Ideen nicht zuverlässig an einer Grenzlinie stehen bleiben. Das sieht man besonders deutlich an Künstlern, deren Lebenswege sich kaum auf ein einziges Land beschränken lassen.
Der spätgotische Bildhauer Gil de Siloé arbeitete im späten 15. Jahrhundert in Burgos. Woher er genau kam, ist bis heute nicht eindeutig geklärt; in den Quellen und in der Forschung werden unterschiedliche mögliche Herkunftsorte genannt. Sicher ist dagegen, dass sein Werk Einflüsse aus verschiedenen Teilen Europas mit der Kunstwelt Kastiliens verband. Sein Sohn Diego de Siloé wurde später selbst zu einem bedeutenden spanischen Architekten und Bildhauer. Ein Künstler kommt – und die nächste Generation gehört bereits zur Kunstgeschichte eines anderen Landes.
Noch weiter lässt sich der Weg des italienischen Bildhauers und Architekten Santi Gucci verfolgen. Er wurde um 1530 in Florenz geboren und zog nach 1550 nach Polen, wo er eine erfolgreiche Laufbahn als Hofkünstler begann. Renaissanceformen, deren Wurzeln südlich der Alpen lagen, wurden so Teil von Schlössern, Grabmälern und höfischer Kunst weit im Osten Europas.
Was reist mit?
Ein Musiker brachte nicht nur sein Instrument mit, sondern Melodien und Spielweisen. Ein Baumeister brachte Vorstellungen davon mit, wie eine Kirche, ein Schloss oder ein Rathaus aussehen könnte. Ein Maler konnte an einem anderen Hof Techniken kennenlernen, die später wiederum anderswo auftauchten.
Und niemand musste auf ein politisches Bündnis warten, um eine Grenze zu überschreiten. Künstler waren auch zwischen verfeindeten oder voneinander unabhängigen Ländern unterwegs. Händler transportierten neben Waren Geschichten und Lieder. Universitäten zogen Menschen aus weit entfernten Regionen an, Pilgerwege verbanden Orte, lange bevor jemand an offene europäische Binnengrenzen dachte.
Deshalb wäre es zu einfach zu sagen: Erst kamen die Bündnisse, dann kam der kulturelle Austausch. Oft waren Menschen längst miteinander verbunden, während die politische Landkarte über ihnen immer wieder verändert wurde.
Die Kalmarer Union verband den dänischen, norwegischen und schwedischen Raum über mehr als ein Jahrhundert. Auf der anderen Seite Europas verband die Hochzeit von Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón zwei mächtige Kronen der Iberischen Halbinsel. Weiter östlich entwickelte sich aus der Verbindung Polens und Litauens schließlich eines der größten politischen Gebilde Europas. Und die Herrschaft der Habsburger erstreckte sich über Gebiete, in denen ganz unterschiedliche Sprachen gesprochen und Traditionen gepflegt wurden.
Keine dieser Unionen war eine frühe Europäische Union. Dafür waren ihre Voraussetzungen, Machtverhältnisse und die Rechte ihrer Bewohner viel zu verschieden; friedlich waren diese Zeiten ebenfalls keineswegs. Aber sie zeigen eine Frage, die Europa immer wieder beschäftigt hat: Wie können Länder gemeinsam handeln und trotzdem verschieden bleiben?
Ein Europa aus vielen Versuchen
Genau deshalb lohnt sich der Blick zurück, den die Wissenschaftler in Brüssel wagen. Die Tagung trägt den Titel „Political Unions in European History“. Untersucht werden politische Unionen vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit und die Frage, wie später an sie erinnert wurde.
Dabei geht es auch um Zusammenschlüsse, die auf rechtlichen Vereinbarungen zwischen den beteiligten politischen Einheiten beruhten. Sie boten damit eine andere Möglichkeit der Verbindung als die bloße Erweiterung eines Reiches durch Eroberung.
Natürlich bedeutete ein Vertrag noch lange keinen dauerhaften Frieden. In der Kalmarer Union entstanden heftige Konflikte darüber, wie viel Macht der gemeinsame Herrscher haben sollte und wie viel die einzelnen Länder selbst bestimmen konnten. Einer der ersten Vorträge am Montag in Brüssel beschäftigt sich genau mit Aufstieg, Entwicklung und Ende dieser Union – von gemeinsamen Interessen bis zum Machtkampf zwischen Monarchie und Ständen.
Die schwierige Frage lautete also schon damals nicht nur, ob man etwas gemeinsam tun wollte, sondern auch: Wie viel wollen wir gemeinsam entscheiden – und was soll unser Eigenes bleiben? Darauf hat Europa in seiner Geschichte sehr unterschiedliche Antworten gegeben.
Die Linien ändern sich, die Wege bleiben
Heute liegt das Haus der Europäischen Geschichte nur wenige Schritte von den Institutionen der Europäischen Union entfernt. Das macht Brüssel zu einem besonderen Ort für diese Tagung. Denn die EU ist keine Fortsetzung der Kalmarer Union, Polen-Litauens oder der Habsburgermonarchie. Ihre demokratischen Grundlagen und ihre Institutionen gehören in eine völlig andere Zeit.
Aber vielleicht lohnt es sich, neben der Geschichte der politischen Bündnisse noch eine zweite Geschichte Europas zu betrachten, für die es keinen Gründungsvertrag gibt. Während politische Unionen entstanden und wieder zerfielen, Grenzen verschoben und neue Staaten gegründet wurden, waren Künstler weiterhin unterwegs.
Ein Bildhauer mit schwer festzulegender Herkunft arbeitete in Kastilien. Ein Florentiner gestaltete Werke in Polen. Musiker wechselten zwischen Höfen und Städten. Baustile, Bilder und Ideen wurden übernommen, verändert und weitergegeben. Mit jeder Reise geschah dabei etwas Entscheidendes: Das Mitgebrachte blieb nicht einfach fremd. Es begegnete dem, was bereits da war, und daraus konnte etwas Neues entstehen.
Auf einer politischen Landkarte Europas müssen die Linien deshalb immer wieder neu gezeichnet werden. Auf einer Karte seiner Kultur wäre das schwieriger.
Dort müsste man vor allem Wege einzeichnen.
Denn Bündnisse verbinden Länder – Künstler verbinden Menschen.