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Europäische Kultur entdecken · 8. August 2026

Vierhundert Jahre Versteckspiel: Ein Stillleben wird Clara Peeters zurückgegeben

Ein lange anonym geführtes Gemälde im Depot des norwegischen Nationalmuseums gilt nun als Werk der flämischen Malerin Clara Peeters. Die Kuratorin Cynthia Osiecki folgte einer Spur aus Holz, Trauben, Haselnüssen und winzigen Spiegelungen.

Illustration einer möglichen Museumsszene: Eine Frau mit schulterlangem rötlich-braunem Haar betrachtet in einem Depot ein Stillleben mit Trauben, Haselnüssen, kleinen toten Vögeln und einer goldenen Schale.
Eine mögliche Recherche-Szene: Cynthia Osiecki betrachtet ein sinnbildlich dargestelltes Stillleben mit charakteristischen Motiven Clara Peeters’. Das gezeigte Gemälde ist weder das wiederentdeckte Original noch dessen Nachbildung. Bildquelle: Illustration: ISKRA SMOKA, erstellt in Zusammenarbeit mit KI. Die dargestellte Szene ist eine freie redaktionelle Interpretation.

Im Depot des norwegischen Nationalmuseums in Oslo hing ein Stillleben, das lange kaum Beachtung fand. Es zeigt neun tote kleine Vögel, Trauben, Aprikosen und Haselnüsse sowie eine vergoldete Tazza – eine flache Schale auf hohem Fuß. Selbst eine Fliege hat auf einer Weinbeere Platz genommen. Das um 1620 entstandene Gemälde wurde früher Ambrosius Brueghel zugeschrieben, später jedoch als Werk eines unbekannten Künstlers geführt und überwiegend eingelagert. Eine bewusste Aneignung durch Brueghel war das nicht: Die falsche Zuordnung entstand erst wesentlich später in der Kunstgeschichte.

2022 begegnete die Kuratorin Cynthia Osiecki dem anonymen Bild im Depot. Osiecki betreut am Nationalmuseum die Alten Meister und beschäftigt sich besonders mit niederländischer und flämischer Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts. Ihr berufliches Profil bei CODART führt außerdem nach Greifswald: Dort forscht sie über den Renaissancekünstler Jacob Binck und die Verbreitung antikisierender Kunst in Nordeuropa.

Osiecki vermutete, dass hinter dem anonymen Bild Clara Peeters stehen könnte. Das Holzpaneel stammte von einem Lieferanten, den Peeters mehrfach verwendete. Eine sehr ähnliche Tazza erscheint in anderen Werken der Malerin. Auch die Anordnung und Darstellung der Vögel, Trauben und Haselnüsse passten zu ihrer Handschrift. Nur die Signatur fehlte. Doch ausgerechnet der untere Rand, an dem Peeters häufig signierte, war durch Holzwurmfraß beschädigt.

Dann kamen die kleinsten Spuren hinzu. Peeters versteckte in glänzenden Gefäßen, Glas und Früchten wiederholt winzige Spiegelbilder ihrer eigenen Person. Auch auf einigen Trauben des Osloer Stilllebens lassen sich möglicherweise menschenähnliche Umrisse erkennen. Ob sie tatsächlich ein Selbstbildnis zeigen, lässt sich wegen alter Firnisschichten und früherer Restaurierungen nicht abschließend entscheiden. Die Fliege auf der Weinbeere ist dagegen deutlich zu sehen – ein winziger Beweis dafür, wie genau diese Malerin ihre Welt beobachtete. Die Recherche zur Neuzuschreibung führte dazu, dass das Bild 2026 offiziell Clara Peeters zugeordnet wurde.

Über das Leben der Malerin ist erstaunlich wenig bekannt. Ihre frühesten signierten Bilder stammen aus den Jahren 1607 und 1608; bis in die frühen 1620er-Jahre lässt sich ihre Tätigkeit verfolgen. Sie arbeitete wahrscheinlich in Antwerpen und gehörte zu den frühesten Künstlerinnen und Künstlern, die sich auf Stillleben spezialisierten. Belgien existierte damals noch nicht. Antwerpen gehörte zu den südlichen beziehungsweise Spanischen Niederlanden – einer Region, deren politische und religiöse Grenzen durch den Achtzigjährigen Krieg geprägt waren.

Peeters malte also nicht einfach nur kostbare Speisen und Gefäße. Reife Früchte, tote Vögel und glänzendes Metall erzählen von Genuss, Vergänglichkeit und der Kürze des Lebens. Zugleich schrieb sie sich mit ihren winzigen Spiegelungen selbst in eine Kunstwelt ein, in der Frauen nur selten sichtbar gemacht wurden. Bedeutende Werke von ihr sind regelmäßig im Museo del Prado in Madrid, im Ashmolean Museum in Oxford und im Metropolitan Museum in New York zu sehen.

Das wiederentdeckte Gemälde trägt heute den Titel „Stillleben mit kleinem Wild und Trauben auf einer vergoldeten Tazza“. Vom 8. Oktober 2026 bis zum 7. Februar 2027 wird es in Oslo erstmals als Werk von Clara Peeters in der Ausstellung „Woman Painter“ gezeigt. Danach reist die Ausstellung nach Rom.

Vielleicht ist genau das die schönste Wendung dieser Geschichte: Peeters versteckte sich in ihren Bildern, ihr Name verschwand später hinter einer falschen Zuschreibung – und Cynthia Osiecki fand sie wieder, weil sie genauer hinsah.