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Europäische Kultur entdecken · 28. September 2026

Der richtige Klang für einen historischen Ort

Auf Rhodos ziehen acht Stimmen durch die mittelalterliche Stadt. Zwischen Steinmauern, antiken Spuren und der Legende vom Koloss entsteht eine ungewöhnliche Frage: Gibt es den richtigen Klang für einen historischen Ort?

Ein Chor singt am Hafen von Rhodos bei Sonnenuntergang; über der Hafeneinfahrt erscheint der Koloss als transparente, gezeichnete Vorstellung.
Geschichte oder Vorstellung? Während ein Chor am Hafen von Rhodos singt, erscheint der Koloss als durchscheinende Figur – so, wie spätere Jahrhunderte ihn sich vorgestellt haben. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Stell dir vor, du gehst durch eine schmale Gasse. Links und rechts stehen hohe Steinmauern. Acht Menschen beginnen zu singen. Wenig später stehen dieselben acht Stimmen auf einem offenen Platz. Würdest du dieselbe Musik hören?

Wahrscheinlich nicht. Die Stimmen haben sich nicht verändert. Aber der Ort hat es.

Heute beginnt auf Rhodos das European Polyphony Festival. Bis zum 10. Oktober gehören Konzerte, Ausstellungen und Workshops zum Programm. Am 4. Oktober führt ein musikalisch-historischer Spaziergang mit dem Vokaloktett Mikrokosmos und dem Altertumswissenschaftler Spyros Syropoulos durch die mittelalterliche Stadt. Dabei wird untersucht, wie sich Schall an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen akustischen Umgebungen ausbreitet.

Eine Stadt über einer Stadt

Für dieses Experiment hätte man sich kaum einen besseren Ort aussuchen können. Unter den Straßen der mittelalterlichen Altstadt liegen die Spuren des antiken Rhodos. Die Stadt wurde 408 v. Chr. gegründet und entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelszentrum des östlichen Mittelmeers.

Jahrhunderte später bauten die Johanniter hier ihre befestigte Stadt mit Mauern, Palästen und engen Gassen. Nach ihnen kamen die Osmanen, später die Italiener. Gebäude, Straßen und Befestigungen erzählen deshalb heute von sehr unterschiedlichen Epochen.

Und ausgerechnet das Bauwerk, für das Rhodos schon in der Antike berühmt war, fehlt.

Der Koloss von Rhodos.

Vor mehr als 2.200 Jahren gehörte die riesige Statue des Sonnengottes Helios zu jenen Bauwerken, die antike Autoren zu den bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten ihrer Welt zählten. Solche Listen waren gewissermaßen frühe „Must-see“-Sammlungen für Reisende.

Reisen war damals natürlich etwas anderes als heutiger Tourismus. Doch Menschen machten sich schon in der Antike auf den Weg, um berühmte Orte zu sehen, Heiligtümer zu besuchen oder bei angesehenen Lehrern zu studieren. Einer von ihnen ist noch heute ziemlich bekannt: Cicero.

Als junger Mann reiste der spätere römische Politiker und Redner nach Rhodos. Er lernte dort Rhetorik bei Apollonios und Philosophie bei Poseidonios. Plutarch erzählt sogar, dass Cicero eine Rede auf Griechisch hielt, damit Apollonios seine Fehler besser beurteilen konnte.

Für eine Begegnung mit dem aufrechten Koloss kam Cicero allerdings mehr als ein Jahrhundert zu spät nach Rhodos. Die riesige Statue war nur wenige Jahrzehnte aufrecht stehen geblieben. Zu Ciceros Zeit lag sie längst am Boden.

Und trotzdem war sie noch immer ein Weltwunder.

Ein Weltwunder, das wir uns vorstellen

Trotzdem besitzt fast jeder, der schon einmal vom Koloss von Rhodos gehört hat, ein Bild von ihm: Ein riesiger Mann steht breitbeinig über der Hafeneinfahrt. Zwischen seinen Beinen fahren Schiffe hindurch.

Nur: Sehr wahrscheinlich sah es niemals so aus. Die berühmten Bilder entstanden lange nach der Antike. Wie der Koloss tatsächlich aussah und wo genau er stand, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht vollständig rekonstruieren.

Das macht Rhodos zu etwas Besonderem: Wir besuchen nicht nur einen historischen Ort. Wir bringen unsere eigenen Vorstellungen seiner Geschichte mit. Und manchmal sind diese Vorstellungen selbst schon Jahrhunderte alt.

Was macht der Ort mit der Musik?

Jetzt beginnen die acht Stimmen wieder zu singen. In einer engen Gasse trifft der Schall schnell auf Steinwände und wird zurückgeworfen. Auf einem offenen Platz kann er sich anders ausbreiten. Ein großer Innenraum kann Töne länger nachklingen lassen. Was die Sänger erzeugen, ist also nur ein Teil dessen, was wir hören. Den anderen Teil erzeugt gewissermaßen der Raum.

Genau damit spielt der musikalisch-historische Spaziergang des Festivals. Die mittelalterliche Stadt wird nicht nur Kulisse für Musik. Ihre Mauern, Plätze und Wege werden selbst Teil des Klangerlebnisses. Doch damit entsteht eine zweite Frage.

Was macht die Musik mit dem Ort?

Stell dir noch einmal dieselbe Gasse vor. Zuerst hörst du eine mittelalterlich klingende Melodie. Danach elektronische Klänge. Schließlich singt jemand eine ganz neue Komposition. Die Mauern sind immer dieselben. Aber fühlt sich der Ort noch gleich an?

Vielleicht erwarten wir in einer mittelalterlichen Stadt automatisch „alte“ Musik. Doch warum eigentlich?

Das Festival stellt diese Erwartung selbst infrage. Am 30. September beschäftigt sich das Projekt „Odysseus“ mit acht Episoden aus Homers Odyssee. Auf Rhodos wird daraus der Abschnitt „Hades“ aufgeführt. Die Geschichte ist Jahrtausende alt – die Musik dazu ist neu. Das Projekt verbindet die antike Erzählung bewusst mit zeitgenössischer Komposition.

Am 2. Oktober geschieht etwas Ähnliches noch einmal. Der französische Komponist Christopher Gibert hat sich für sein Werk „Hymnus“ von einem okzitanischen Manuskript aus dem 13. Jahrhundert inspirieren lassen. Ein alter Text bekommt einen neuen Klang.

Und plötzlich funktioniert unsere ursprüngliche Frage nicht mehr so einfach.

Muss alte Geschichte alt klingen?

Vielleicht gibt es gar keinen „richtigen“ Klang für einen historischen Ort. Vielleicht kann neue Musik etwas hörbar machen, das wir bei einem gewöhnlichen Rundgang übersehen hätten. Und vielleicht gilt das erst recht für einen legendären Ort.

Der Koloss ist verschwunden. Niemand von uns hat seinen Klang gehört. Wir wissen nicht, welche Geräusche ein Besucher wahrnahm, der vor mehr als 2.000 Jahren durch den Hafen von Rhodos ging. Selbst das berühmte Bild des Kolosses in unseren Köpfen stammt nicht aus seiner Zeit. Trotzdem können wir versuchen, uns diesen Ort vorzustellen.

Die Menschen der Antike führten Listen mit Dingen, die man gesehen haben sollte. Mehr als zwei Jahrtausende später lädt das Festival dazu ein, Rhodos auch mit den Ohren zu entdecken.

Was sollte man an einem historischen Ort gehört haben?

Und wenn du für einen historischen – oder sogar legendären – Ort einen Klang auswählen könntest: Welcher wäre es?