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Europäische Kultur entdecken · 9. September 2026

Die Stadt, nach der ein Meer benannt ist

Adria liegt heute rund 25 Kilometer vom Meer entfernt – obwohl sehr wahrscheinlich ein ganzes Meer nach der Stadt benannt ist. ADRIKÀ folgt dem Wasser durch Archäologie, Landschaft und Film bis zu einem römischen Boot, das tatsächlich genäht wurde.

Illustration eines römischen genähten Boots im Archäologischen Nationalmuseum von Adria. Der erhaltene flache Bootsboden liegt auf einer Ausstellungskonstruktion; durch ein Fenster ist der Kirchturm von Santa Maria Assunta della Tomba zu sehen.
Ein genähtes römisches Boot als Symbol einer Landschaft, die seit Jahrhunderten von Flüssen, Lagunen und dem Meer geprägt wird. Illustration nach dem Fund von Corte Cavanella bei Loreo. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Wer von Adria ans Meer möchte, sollte besser nicht einfach mit dem Handtuch loslaufen. Rund 25 Kilometer trennen die norditalienische Stadt heute von der Adriaküste.

Das ist ausgerechnet bei Adria ziemlich erstaunlich. Denn nach dieser Stadt ist sehr wahrscheinlich ein ganzes Meer benannt: die Adria. Zunächst bezeichnete der Name wohl nur den nördlichen Teil des heutigen Adriatischen Meeres, später wanderte er immer weiter nach Süden, bis schließlich das ganze Meer zwischen Italien und der Balkanhalbinsel so hieß. Ganz zweifelsfrei ist die Namensgeschichte allerdings nicht: Als anderer möglicher Ursprung wird auch das antike Hadria, das heutige Atri in den Abruzzen, diskutiert.

Aber wenn Adria einst so eng mit dem Meer verbunden war – wo ist das Meer dann geblieben?

Wenn ein Fluss die Landkarte verändert

Vor etwa 2500 Jahren sah die Landschaft hier anders aus. Adria lag nahe an einer Lagune und war über Wasserwege gut mit dem Meer verbunden. Im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus entwickelte sich die Stadt zu einem bedeutenden Hafen. Griechische Waren gelangten von hier in die Po-Ebene; Wein, Öl, Keramik, Metalle, Salz und Bernstein gehörten zu einer Handelswelt, die Adria mit weit entfernten Regionen verband.

Doch Flüsse transportieren nicht nur Wasser.

Der Po und andere Flüsse der Region bringen auf ihrem Weg zum Meer Sand, Schlamm und andere Sedimente mit. Über Jahrhunderte und Jahrtausende lagern sie sich ab. Neue Flächen entstehen, Flussarme verändern ihren Lauf, Lagunen verlanden und die Küstenlinie verschiebt sich. Zwischen dem antiken Adria und der heutigen Küste lassen sich sogar alte Dünenzüge finden – Spuren früherer Küstenlinien.

Der Name des Meeres blieb.

Die Stadt blieb auch.

Nur das Meer rückte davon.

Archäologie in einer Landschaft aus Wasser

Genau diese besondere Landschaft steht vom 9. bis 13. September 2026 im Mittelpunkt von ADRIKÀ, dem Internationalen Festival für archäologischen Film in Adria und im Po-Delta. Mehr als 40 Veranstaltungen verteilen sich auf Adria und weitere Orte der Region: Filme aus verschiedenen Ländern, Gespräche mit Archäologen und Regisseuren, Ausstellungen, Führungen, Workshops und Besuche archäologischer Grabungen.

Das Thema der zweiten Ausgabe könnte kaum besser gewählt sein: Wasser.

Dabei geht es nicht nur um Flüsse und Meer. Wasser steht auch für Reisen, Erinnerung und dafür, wie Menschen diese Landschaft seit Jahrtausenden nutzen und verändern.

Und manchmal findet die Archäologie dabei Dinge, bei denen man zweimal hinschauen muss.

Zum Beispiel ein genähtes Boot.

Moment – ein Boot kann man nähen?

Offenbar ja.

Anfang der 1980er-Jahre wurde bei Corte Cavanella nahe Loreo der Boden eines römischen Flussbootes ausgegraben. Er besteht aus drei nebeneinanderliegenden Holzbrettern. An ihren Rändern entdeckten die Archäologen regelmäßig angeordnete Löcher.

Durch diese Löcher waren Schnüre aus Pflanzenfasern gezogen worden. Zusammen mit Pflanzenmaterial zum Abdichten hielten sie die Bretter zusammen.

Das Boot war also tatsächlich genäht.

Der erhaltene Teil ist gut vier Meter lang und nur 85 Zentimeter breit. Nach seiner Restaurierung befindet sich der Fund heute im Archäologischen Nationalmuseum von Adria. Für ADRIKÀ ist er geradezu ein Symbol: ein Gegenstand, der von Menschen erzählt, die sich durch eine Wasserlandschaft bewegten, in der Adria über Flüsse und Lagunen noch unmittelbar mit dem Meer verbunden war.

Wenn alte Bilder wieder laufen lernen

ADRIKÀ verbindet diese Funde mit einem Medium, das auf den ersten Blick viel moderner wirkt: dem Film.

Während des Festivals beginnt im Museum eine Ausstellung mit dem italienischen Titel „E l’immagine prese vita“ – „Und das Bild erwachte zum Leben“. Sie verfolgt die lange Geschichte des menschlichen Versuchs, Bewegung in Bildern festzuhalten – von der Archäologie bis zu den Techniken, aus denen schließlich das Kino entstand.

ADRIKÀ verbindet Archäologie, Film und Wasser an einem Ort, an dem selbst die Landschaft von Bewegung erzählt. Flüsse verlagern ihre Arme. Sedimente schaffen neues Land. Eine Hafenstadt verliert langsam ihre Küste. Archäologen holen ein genähtes Boot wieder ans Licht. Und Filme lassen Menschen, Orte und Funde vor unseren Augen erneut lebendig werden.

Adria ist deshalb ein besonders passender Ort für ein Festival über Archäologie und Wasser. Während sich Landschaften verändern, können Namen erstaunlich lange reisen. Der Name dieser kleinen italienischen Stadt prangt auf Karten groß als Bezeichnung eines ganzen Meeres.