Ein Instrument für dich
Seit Jahrhunderten lernen Menschen, wie man Instrumente spielt. Rian Treanor und Rotherham Sight & Sound drehen die Idee um: Was geschieht, wenn sich das Instrument an den Menschen anpasst?
Ein Cembalo sieht anders aus als das Keyboard auf einer heutigen Bühne. Eine Flöte wird anders gespielt als eine Trompete, eine Trommel anders als eine Geige. Tasteninstrumente, Holz- und Blechblasinstrumente, Schlag- und Streichinstrumente haben sich über Jahrhunderte entwickelt. Mit jedem von ihnen verbinden wir nicht nur einen bestimmten Klang, sondern auch eine bestimmte Art, Musik zu machen: Finger drücken Tasten, ein Bogen streicht über Saiten, Luft bringt eine Flöte zum Klingen.
Hast du schon einmal darüber nachgedacht, ob man ein Instrument auch so bauen könnte, dass es speziell für dich gemacht ist? Nicht du lernst, dich dem Instrument anzupassen. Das Instrument wird so entwickelt, dass es zu dir und deinen Möglichkeiten passt.
Nicht zuerst das Instrument
Der britische Musiker Rian Treanor kommt aus Rotherham in South Yorkshire. Elektronische Musik bedeutet für ihn nicht nur, allein vor einem Computer Klänge zu produzieren. In seiner Heimatstadt arbeitet er mit Gruppen, Kindern und Jugendlichen und entwickelt musikalische Systeme, mit denen Menschen gemeinsam experimentieren können.
2022 begann er im Rahmen eines Projekts mit Rotherham Sight & Sound zusammenzuarbeiten. Dort lernte er Kathleen Allott, Anne Goss und Mick Gladwin kennen. Sie sind blind oder sehbehindert und hatten zuvor keine Erfahrung mit elektronischer Musik. Treanor brachte ihnen nicht einfach einen fertigen Synthesizer und erklärte, wo die Knöpfe sitzen. Die Gruppe begann gemeinsam auszuprobieren, wie ein elektronisches Instrument funktionieren könnte, wenn seine Bedienung nicht schon vorher festgelegt ist.
Sie trafen sich immer wieder. Systeme wurden ausprobiert, verändert und weiterentwickelt. Aus den Experimenten entstanden eigens entwickelte digitale Synthesizer und später auch drahtlose Controller. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied: Kathleen, Anne und Mick waren nicht einfach Menschen, für die jemand ein Hilfsmittel baute. Ihre Erfahrungen flossen in die Entwicklung ein.
Wenn Klang und Bedienung getrennte Wege gehen
Bei einer Geige hängen Bewegung und Klangerzeugung eng zusammen. Der Bogen bringt die Saite zum Schwingen, der Resonanzkörper verstärkt den Klang. Bei einer Flöte muss Luft durch das Instrument strömen. Ein digitaler Synthesizer kann anders funktionieren: Die Bewegung, mit der ein Mensch einen Klang auslöst oder verändert, muss nicht zwangsläufig etwas mit der eigentlichen Erzeugung dieses Klanges zu tun haben. Ein Computer kann unterschiedliche Eingaben in Musik übersetzen.
Damit entsteht eine Freiheit, die ältere Instrumente kaum bieten: Die Bedienung kann neu gedacht werden. Genau deshalb reicht die Idee aus Rotherham über drei Menschen hinaus. Es geht nicht darum, einen einzigen Spezial-Synthesizer zu bauen, den nur ein bestimmter Mensch benutzen kann. Aus einer sehr konkreten Zusammenarbeit können Prinzipien entstehen, die auch anderen neue Möglichkeiten eröffnen.
Man kann hören, wie etwas entsteht
Die Entwicklung blieb nicht im Workshopraum. 2024 traten Kathleen Allott, Anne Goss und Mick Gladwin unter anderem in Sheffield und London auf. Unter dem Titel „Action Potential“ erschien außerdem eine Aufnahme mit Ausschnitten aus den gemeinsamen Entwicklungssitzungen und den musikalischen Systemen, die bei den Auftritten verwendet wurden. Wer sie hört, hört deshalb nicht einfach Rian Treanor dabei zu, wie er ein neues Gerät vorführt. Die Musik wird von Kathleen, Anne und Mick selbst gespielt.
Von Rotherham nach London
Am Donnerstag, dem 24. September, kommt die Zusammenarbeit ins Institute of Contemporary Arts in London. Beim gemeinsamen Abend des Berliner CTM Festivals und des ICA treten Rian Treanor und Rotherham Sight & Sound neben Tyondai Braxton und dem Londoner AV-Duo AM sin auf. Das Programm verbindet experimentelle Komposition, elektronische Musik und neue Formen des gemeinsamen Musizierens.
Das Interessanteste an dieser Geschichte liegt dabei vielleicht gar nicht in einem besonders ungewöhnlichen Klang. Über Jahrhunderte haben Menschen gelernt, ihre Hände, ihre Atmung und ihre Bewegungen an Musikinstrumente anzupassen. Digitale Technik ermöglicht nun auch den umgekehrten Weg: Ein Instrument kann sich an den Menschen anpassen. Und aus etwas, das für einige konkrete Menschen in Rotherham entwickelt wurde, kann eine Idee entstehen, die anderen ebenfalls neue Wege zur Musik eröffnet.