Eine kleine Perle auf großer Reise
Venezianische Glasperlen waren Schmuck, Handelsware und Teil weltweiter Handelsnetze. PERLE 6.0 in Venedig folgt ihren Wegen nach Spanien und Portugal – und öffnet damit eine Geschichte über Wert, Kultur und die dunkle Seite des Welthandels.
Sie ist vielleicht nicht größer als eine Erbse. Ein wenig Glas, ein Loch in der Mitte, leuchtendes Blau, Rot oder Gelb. In Venedig und auf Murano haben Menschen solche Perlen über Jahrhunderte hergestellt. Manche blieben in Europa. Andere legten Reisen zurück, von denen ihre Hersteller wohl nur träumen konnten.
Am 14. und 15. September beschäftigt sich die Tagung „PERLE 6.0“ im Naturkundemuseum von Venedig mit den Handelswegen venezianischer Glasperlen nach Spanien und Portugal. Das klingt zunächst nach einem sehr kleinen Spezialgebiet. Tatsächlich führen diese winzigen Gegenstände mitten hinein in eine große Geschichte: die Geschichte davon, wie Menschen Dingen einen Wert geben – und wie sich dieser Wert verändert, wenn ein Gegenstand von einer Kultur in eine andere gelangt.
Warum nimmt jemand Glasperlen mit auf ein Schiff?
Dafür waren sie nahezu perfekt. Glasperlen sind klein, leicht, haltbar und lassen sich in großen Mengen transportieren. Gleichzeitig beherrschten venezianische Glasmacher Techniken, mit denen sie eine enorme Vielfalt an Farben, Formen und Mustern herstellen konnten.
Venedig wurde über Jahrhunderte zu einem wichtigen Zentrum dieses Handwerks. Von dort gelangten Perlen über Händler in andere Teile Europas. Spanien und Portugal waren dabei nicht unbedingt das Ende ihrer Reise. Die Organisatoren von PERLE 6.0 weisen selbst darauf hin, dass venezianische Glasperlen zu einer strategisch wichtigen Ware im Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika wurden. An vielen Orten begann damit ein zweites Leben der Perle.
Billiges Glas gegen wertvolle Waren?
Aus heutiger Sicht kann diese Geschichte zunächst befremdlich wirken. Europäische Händler tauschten Glasperlen gegen Dinge ein, die für sie erheblich wertvoller erscheinen konnten. Auch bei Begegnungen mit indigenen Gesellschaften Amerikas wurden Glasperlen verschenkt und gehandelt. War das nicht schlicht ein schlechter Tausch?
Die Frage hat einen Haken: Wer bestimmt eigentlich, was etwas wert ist? Für einen europäischen Händler konnte eine einzelne Perle wenig kosten. An einem Ort, an dem bestimmte Formen farbigen Glases nicht hergestellt wurden, konnte dasselbe Stück dagegen selten und begehrt sein. Entscheidend war außerdem nicht nur das Material.
Perlen wurden auf Kleidung genäht, zu Schmuck verarbeitet und in vorhandene Muster und Traditionen aufgenommen. Farben und Anordnungen konnten Zugehörigkeit, Rang oder andere kulturelle Bedeutungen ausdrücken. Aus einem europäischen Handelsgegenstand konnte so etwas entstehen, das innerhalb einer anderen Gesellschaft eine ganz eigene Bedeutung besaß.
Dabei wäre es falsch anzunehmen, die Menschen in Afrika hätten erst durch europäische Händler Glasperlen kennengelernt. Auf dem Kontinent gab es eigene, teilweise sehr alte Traditionen der Herstellung, Verarbeitung und des Handels mit Perlen. Europäische Stücke trafen also auf Kulturen, die selbst entschieden, wie sie die neuen Materialien verwendeten und welchen Wert sie ihnen gaben.
Wenn aus Handel etwas anderes wird
Doch die Reise der Glasperlen hat auch eine dunkle Seite. Seit dem 15. Jahrhundert wurden europäische Glasperlen in Westafrika unter anderem gegen Gold, Elfenbein und andere Waren gehandelt. Historische Sammlungen und Forschungen zeigen jedoch noch etwas anderes: Glasperlen gehörten auch zu den Gütern, die beim Kauf versklavter Menschen eingesetzt wurden. Venezianische Perlen waren Teil dieser Handelsnetze. Damit verändert sich die Frage nach dem Wert noch einmal.
Eine Perle konnte Schmuck sein. Sie konnte Zugehörigkeit ausdrücken oder Teil eines kunstvollen Kleidungsstücks werden. Sie konnte Handelsware sein. Und sie konnte Teil eines Systems werden, in dem Menschen selbst zur Ware gemacht wurden. Eine schöne Perle hat nicht immer eine schöne Geschichte.
Deshalb erzählen Glasperlen heute von ganz unterschiedlichen Dingen: von außergewöhnlichem Handwerk, von Mode und Schönheit, von Handel und davon, wie Menschen Gegenstände aus anderen Kulturen in ihre eigenen Traditionen aufnehmen. Aber sie erzählen ebenso von den weltweiten Handelsnetzen der frühen Neuzeit, von Kolonialismus und von sehr ungleichen Machtverhältnissen.
Eine Kanone erzählt ziemlich eindeutig von Macht. Ein Schiff erzählt von einer Reise. Eine Perle erzählt erst dann ihre Geschichte, wenn wir herausfinden, wer sie hergestellt, mitgenommen, getauscht, getragen und irgendwann verloren hat. Und manchmal müssen wir noch eine weitere Frage stellen: Was wurde mit ihr bezahlt?
Und wo ist sie heute?
Archäologen finden europäische Glasperlen heute Tausende Kilometer von ihren Herstellungsorten entfernt. Material, Farbe und Herstellungstechnik können Hinweise darauf geben, woher sie stammen. Fundort und Alter helfen anschließend dabei, ihre mögliche Reise zu rekonstruieren. Plötzlich wird aus einem winzigen Stück Glas eine Spur.
Genau mit solchen Handelswegen beschäftigt sich PERLE 6.0 während der Venice Glass Week. Am Ende bleibt von der kleinen Perle deshalb eine erstaunlich große Frage: Wenn zwei Menschen demselben Gegenstand einen völlig unterschiedlichen Wert geben – wer von beiden hat dann recht?