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Europäische Kultur entdecken · 12. Oktober 2026

Ganz am Rande

Marcsi Tóths erstes Prosabuch brauchte einen langen Weg bis zum Margó-Preis. In Budapest zeigt ihre Geschichte, wie aus Texten Öffentlichkeit werden kann – und warum ein Literaturpreis mehr sein kann als eine Trophäe.

Buntstiftzeichnung von Marcsi Tóth beim Überarbeiten von Manuskriptseiten an einem Schreibtisch; daneben liegt ihr Buch „Erdő van idebenn“, im Regal steht die Margó-Trophäe.
Vom Rand auf die Bühne: Marcsi Tóths erster Prosaband „Erdő van idebenn“ gewann 2025 den Margó-Preis. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Du bist sechzehn und schreibst Gedichte. Vielleicht liegen sie bisher nur auf deinem Handy oder in einem zerknitterten Heft. Was machst du damit?

Du könntest sie deinen Freunden zeigen, bei einem Poetry-Slam auf eine Bühne steigen oder sie an eine Zeitschrift schicken. Du könntest auch anfangen, von einem eigenen Buch zu träumen. Nur: Wer entscheidet eigentlich, wann aus jemandem, der schreibt, eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller wird?

In Budapest gibt es dafür eine ziemlich passende Geschichte. Sie beginnt – ganz am Rande. Margó heißt auf Ungarisch Rand oder Seitenrand. Als das Margó-Literaturfestival 2011 entstand, passte dieser Name gleich mehrfach: Das neue Festival fand zunächst parallel zum Budapester Internationalen Buchfestival statt, gewissermaßen an dessen Rand. Und auch ein Seitenrand ist schließlich nicht leer. Dort stehen Anmerkungen, Gedanken und manchmal Sätze, die einem beim Lesen plötzlich einfallen.

Aus diesem Randprogramm wurde ein eigenes Literaturfestival. 2015 kam der Margó-Preis hinzu. Seitdem wird jedes Jahr das beste erste Prosabuch ausgezeichnet. Wer vorher schon Gedichte oder Theaterstücke veröffentlicht hat, ist deshalb nicht automatisch ausgeschlossen; entscheidend ist der Schritt zum ersten Prosaband. Erster Preisträger war 2015 Benedek Totth. Zehn Jahre später gewann Marcsi Tóth mit Erdő van idebenn.

Ihr Weg dorthin begann allerdings nicht 2025. Seit 2011 veröffentlicht Tóth Kurzgeschichten in ungarischen Literaturzeitschriften. Zwischen 2012 und 2016 wurden Texte von ihr regelmäßig für den Band Körkép ausgewählt. 2023 erreichte ein frühes Manuskript von Erdő van idebenn beim Petri-György-Preis den zweiten Platz. Im Mai 2025 erschien schließlich ihr erster Prosaband bei Magvető, fünf Monate später erhielt sie dafür den Margó-Preis. Vierzehn Jahre liegen also zwischen den ersten veröffentlichten Geschichten und dem Buch. Das bedeutet nicht, dass sie vierzehn Jahre lang jeden Morgen dieselbe Datei geöffnet hätte. Es zeigt etwas Interessanteres: Zwischen den ersten Texten und einem ersten Buch kann ein ziemlich langer Weg liegen.

In Erdő van idebenn kehrt eine Mutter mit ihrer jugendlichen Tochter in ein von Wald umgebenes Dorf im Nordosten Ungarns zurück. Sie will dort in der Pension einer Freundin arbeiten und neu anfangen. Das Buch erzählt von Familien, Frauen und vom Leben außerhalb der großen Städte. Schon deshalb passt es erstaunlich gut zu einem Preis namens Margó: Auch hier richtet sich der Blick auf etwas, das leicht als Rand wahrgenommen wird.

Am Montagabend wird Marcsi Tóth ihr Buch in der Müpa Budapest vorstellen. Die Abkürzung geht auf Művészetek Palotája, den „Palast der Künste“, zurück – ein großes Kulturzentrum an der Donau mit Konzertsaal, Theater und weiteren Bühnen. Ihr Abend gehört zum Liszt Fest, dem internationalen Kulturfestival, das 2021 zum 210. Geburtstag von Franz Liszt gegründet wurde. Vom 8. bis 22. Oktober bringt es 2026 klassische und zeitgenössische Musik mit Jazz, Pop, Tanz, Literatur und bildender Kunst zusammen. Ein zweiwöchiges Dauerprogramm mit Liszts Klaviermusik ist es also ausdrücklich nicht.

Aber wie kommt nun ausgerechnet eine Schriftstellerin mit ihrem ersten Prosabuch auf die Bühne dieses Festivals? Die Antwort steckt im Margó-Preis. Dazu gehören heute eine Million Forint – rund 2.700 Euro –, Medienunterstützung für das Siegerbuch, eine Probeübersetzung und Veröffentlichungsmöglichkeiten. Außerdem erhält die Preisträgerin oder der Preisträger im folgenden Jahr einen eigenen Abend beim Liszt Fest. Deshalb sitzen am Montag Marcsi Tóth und die Schauspielerin Csilla Radnay auf der Bühne und lesen Prosa, András Szekeres singt und spielt Gitarre, und László Valuska moderiert das Gespräch. Damit ist Tóth längst nicht mehr ganz am Rande.

Die Idee, einem ersten Buch besondere Aufmerksamkeit zu geben, gibt es auch anderswo in Europa. Frankreich besitzt mit dem Prix du premier roman einen eigenen Preis für erste Romane. Und der European Union Prize for Literature unterstützt aufstrebende Autorinnen und Autoren über Länder- und Sprachgrenzen hinweg – unter anderem mit Übersetzungen und Auftritten auf internationalen Buchmessen. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem Pokal im Regal: Ein Literaturpreis kann versuchen, eine Tür zu öffnen. Eine Übersetzung kann ein ungarisches Buch in ein anderes Land bringen; eine Festivalbühne kann Menschen auf eine Autorin aufmerksam machen, deren Namen sie vorher nicht kannten.

Und damit sind wir wieder bei unserem Sechzehnjährigen mit den Gedichten auf dem Handy. Muss daraus ein Buch werden? Natürlich nicht. Ein Poetry-Slam kann genau die richtige Form sein, ebenso eine Schülerzeitung, eine Literaturzeitschrift, ein Schreibwettbewerb oder eine kleine Bühne. Schreiben darf auch einfach etwas bleiben, das man für sich selbst tut. Wer aber möchte, dass andere die eigenen Texte lesen, muss sie irgendwann vom Rand ein Stück in die Mitte schieben.

Marcsi Tóth hat dafür ziemlich lange gebraucht. Am Montagabend sitzt sie im Glass Hall der Müpa, mitten in einem internationalen Kulturfestival. Eine Schauspielerin liest mit ihr ihre Texte, ein Musiker greift zur Gitarre, und Menschen sind gekommen, um über ihr erstes Buch zu sprechen. Und irgendwo könnte währenddessen jemand am Rand eines Buches einen eigenen Satz notieren. Vielleicht beginnt genau dort die nächste Geschichte.