Ein Werk, das sein Publikum noch nie gehört hat: Haykos „Ararat“ erklingt zum ersten Mal
An Haykos 53. Geburtstag erlebt eine bislang unveröffentlichte Komposition des armenischen Sängers und Komponisten ihre Weltpremiere. „Ararat“ trägt einen Namen von großer Bedeutung für Armenien – doch was Hayko mit dem Werk erzählen wollte, ist bislang nicht bekannt.
Armenien liegt geografisch im Südkaukasus und wird überwiegend Westasien zugerechnet. Gleichzeitig ist das Land eng mit europäischen politischen und kulturellen Strukturen verbunden – unter anderem als Mitglied des Europarats und seit vielen Jahren durch seine Teilnahme am Eurovision Song Contest. Für „Neues aus Europa“ ist Armenien deshalb auf jeden Fall von Interesse.
Heute, am 25. August, richtet sich der Blick auf ein musikalisches Ereignis: Fast fünf Jahre nach Haykos Tod erlebt seine bislang unveröffentlichte Komposition „Ararat“ ihre Uraufführung. Und das ausgerechnet an dem Tag, an dem der armenische Sänger und Komponist 53 Jahre alt geworden wäre. Das Konzert „Symphonic Hayko“ beginnt um 19.30 Uhr im Adana Complex bei Mkhchyan in der Provinz Ararat.
Ein Sänger, der alte Lieder neu hörbar machte
Hayko hieß eigentlich Hayk Hakobyan. Er wurde am 25. August 1973 in Jerewan geboren, erhielt eine fundierte musikalische Ausbildung und studierte am Staatlichen Komitas-Konservatorium. Bekannt wurde er vor allem als Sänger romantischer Balladen, aber seine Arbeit ging weit darüber hinaus.
Ein Teil seines Erfolgs beruhte darauf, dass er ältere armenische Lieder und Romanzen wieder aufgriff und neu arrangierte. Dabei versuchte er nicht, historische Musik möglichst unverändert zu konservieren. Er ließ ihren Charakter bestehen und brachte sie zugleich in einen zeitgenössischen Klang. Mit seinen „Romance“-Aufnahmen erreichte er ein Publikum in Armenien und in der armenischen Diaspora.
Auch als Komponist wurde Hayko bekannt. Seine Musik war in mehreren armenischen Filmen zu hören; 2007, 2010 und 2011 wurde er als Komponist des Jahres ausgezeichnet. Bereits 2006 hatte er den staatlichen Titel „Verdienter Künstler Armeniens“ erhalten.
Europa lernte ihn vor allem 2007 kennen. Beim Eurovision Song Contest in Helsinki vertrat Hayko Armenien mit seiner selbst komponierten Ballade „Anytime You Need“ und erreichte den achten Platz. Damit wurde ein Künstler, der in Armenien längst bekannt war, auch vor einem großen internationalen Publikum sichtbar.
Haykos Bedeutung für Europa sollte man dabei nicht größer machen, als sie war. Er war kein gesamteuropäischer Superstar. Interessanter ist etwas anderes: Seine Karriere zeigt, wie armenische Musik über Wettbewerbe, Konzerte und die Diaspora Teil einer europäischen Musiköffentlichkeit werden kann.
Als seine Musik durch Jerewan klang
Am 29. September 2021 starb Hayko im Alter von 48 Jahren an COVID-19. Er war zuvor in einem Krankenhaus in Jerewan behandelt worden. Sein früher Tod löste in Armenien große Anteilnahme aus.
Am folgenden Tag erklangen seine Lieder und Filmmusiken in der Metro von Jerewan. Auch auf dem Republikplatz wurde seine Musik gespielt. Freunde, Kolleginnen und Kollegen und zahlreiche Fans nahmen später im Aram-Chatschaturjan-Konzertsaal Abschied.
Damit war Haykos Musik längst Teil der Erinnerung an einen Künstler geworden, der für viele Menschen mit armenischer Popmusik einer ganzen Epoche verbunden war.
Doch seine Geschichte war offenbar noch nicht vollständig erzählt.
Ein unbekanntes Werk mit einem bekannten Namen
Beim heutigen Konzert wird das Armenian State Symphony Orchestra unter der Leitung von Sergey Smbatyan Haykos Musik gemeinsam mit zahlreichen armenischen Sängerinnen und Sängern auf die Bühne bringen. Angekündigt sind unter anderem Sona Rubenyan, Sirusho, Erik Karapetyan, Liparit Avetisyan und Gor Sujyan. Insgesamt nennt das Programm rund 15 bekannte Gastkünstlerinnen und Gastkünstler.
Der ungewöhnlichste Programmpunkt ist jedoch ein Werk, das Haykos Publikum bisher überhaupt nicht kannte.
Es trägt den Titel „Ararat“.
Die Veranstalter sprechen ausdrücklich von der Weltpremiere einer bislang unveröffentlichten Komposition Haykos. Mehr verraten die bisherigen Ankündigungen nicht. Es gibt bislang keine veröffentlichte Erklärung darüber, wann das Werk entstand, welche Geschichte dahintersteht oder was Hayko selbst mit seinem Titel ausdrücken wollte.
Gerade deshalb fällt der Name auf.
Der Ararat liegt heute im Osten der Türkei. Für Armenien besitzt der Berg dennoch eine außergewöhnliche kulturelle und historische Bedeutung. Er ist so fest mit der armenischen Selbstwahrnehmung verbunden, dass er sogar im Staatswappen erscheint – dort zusammen mit der Arche Noah.
Was Hayko daraus musikalisch gemacht hat, wissen wir noch nicht.
Und vielleicht sollte man genau das vor der Uraufführung auch nicht zu erklären versuchen.
Heute wird „Ararat“ zum ersten Mal hörbar
Dass Musik verstorbener Komponisten weiter aufgeführt wird, ist nichts Ungewöhnliches. Bei „Ararat“ liegt der Fall anders: Hier wird nicht ein bekanntes Werk neu interpretiert. Ein bislang unveröffentlichter Teil von Haykos Schaffen tritt heute überhaupt erst vor sein Publikum.
Damit bekommt „Symphonic Hayko“ eine zweite Bedeutung. Der Abend erinnert nicht nur an einen bekannten armenischen Künstler. Er erweitert zugleich das Werk, an das erinnert werden kann.
Hayko selbst hatte ältere armenische Musik aufgenommen, neu arrangiert und an eine weitere Generation weitergegeben. Nun geschieht mit seiner eigenen Musik etwas Ähnliches: Sängerinnen, Sänger und ein Symphonieorchester tragen sie weiter.
Und mitten darin steht ein Stück, über das wir bisher kaum mehr wissen als seinen Namen.
Heute Abend wird das Publikum zum ersten Mal erfahren, wie Haykos „Ararat“ klingt. Vielleicht erfahren wir danach auch mehr darüber, wann und warum es entstanden ist und was dieser Titel für seinen Komponisten bedeutete.
Wir werden nachhaken.