Als die Abstraktion noch keinen Namen hatte: Paris entdeckt Hilma af Klint neu
Im Grand Palais in Paris ist derzeit die erste große französische Ausstellung der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint zu sehen. Ihre abstrakten Bilder entstanden bereits ab 1906 – Jahre bevor die Kunstgeschichte den Beginn der Abstraktion mit Namen wie Kandinsky oder Malewitsch verband.
Eine Schwedin im Grand Palais
In Paris gibt es viele Möglichkeiten, Kunst zu bestaunen. Vom Louvre, vom Musée de l’Orangerie oder vom Musée d’Orsay wollen wir heute aber nicht berichten. Im Grand Palais richtet sich der Blick derzeit auf eine schwedische Künstlerin, die lange außerhalb der großen Erzählung der europäischen Moderne stand: Hilma af Klint.
Gemeinsam mit dem Centre Pompidou widmet das Grand Palais ihr die erste große monografische Ausstellung in Frankreich. Und schon die Jahreszahlen machen neugierig: Hilma af Klint begann 1906 mit großformatigen abstrakten Bildern – zu einer Zeit, als die Kunstgeschichte den Beginn der Abstraktion später vor allem mit Namen wie Wassily Kandinsky oder Kasimir Malewitsch verbinden sollte.
Zwei künstlerische Welten
Hilma af Klint wurde 1862 in Schweden geboren und erhielt eine klassische künstlerische Ausbildung an der Stockholmer Kunstakademie. Sie konnte durchaus so malen, wie es ihre Zeit erwartete. Figurative Bilder, Landschaften und botanische Studien gehörten zu ihrer Arbeit.
Doch daneben entstand etwas völlig anderes.
Ab 1906 verband sie in ihren Bildern geometrische Formen, Spiralen und Kreise mit kräftigen Farbflächen und organischen Motiven. Viele dieser Werke wirken erstaunlich modern. Ihr großes Projekt „Paintings for the Temple“ entstand zwischen 1906 und 1915 und umfasst 193 Arbeiten. Dazu gehören auch „The Ten Largest“: monumentale Bilder von mehr als drei Metern Höhe.
Damit entstanden wichtige Teile ihres abstrakten Werks mehrere Jahre vor jenem Zeitraum um 1910 bis 1913, den kunsthistorische Darstellungen lange besonders mit dem Aufbruch Kandinskys und anderer Künstler in die Abstraktion verbanden.
Kunst, Natur und eine unsichtbare Welt
Ganz aus dem Nichts kamen diese Bilder allerdings nicht. Um 1900 beschäftigten sich viele Künstler und Intellektuelle mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, zugleich aber auch mit Spiritualismus, Theosophie und der Vorstellung, hinter der sichtbaren Welt könnten weitere Zusammenhänge verborgen sein.
Hilma af Klint gehörte gemeinsam mit vier anderen Frauen zu einer Gruppe, die als „De Fem“ – „Die Fünf“ – bekannt wurde. Sie trafen sich regelmäßig, experimentierten mit automatischem Schreiben und Zeichnen und versuchten, Kontakt zu einer geistigen Welt aufzunehmen. Für af Klint verbanden sich dabei Kunst, Naturbeobachtung und Spiritualität.
Das erklärt vielleicht, warum ihre Bilder bis heute so schwer in eine einzige Schublade passen. Sie können streng geometrisch und zugleich organisch wirken, wissenschaftlich und mystisch, geplant und überraschend frei.
Eine Künstlerin wartet auf ihre Zukunft
Noch ungewöhnlicher ist, was mit diesen Bildern anschließend geschah.
Hilma af Klint zeigte einen großen Teil ihres abstrakten Werks zu Lebzeiten nicht öffentlich. Sie war überzeugt, dass ihre Zeit noch nicht bereit dafür sei, und verfügte, dass mindestens zwanzig Jahre nach ihrem Tod vergehen sollten, bevor diese Arbeiten einem größeren Publikum zugänglich gemacht würden. Sie starb 1944.
Erst Jahrzehnte später begann ihre internationale Wiederentdeckung. 1986 wurden ihre abstrakten Arbeiten in der Ausstellung „The Spiritual in Art“ in Los Angeles einem großen Publikum vorgestellt. Inzwischen gilt Hilma af Klint als eine bedeutende Figur der frühen Abstraktion.
Damit verändert sich zugleich eine vertraute kunsthistorische Erzählung. Es geht nicht darum, Kandinsky, Malewitsch oder Mondrian nachträglich ihren Platz wegzunehmen. Aber ihre Namen reichen offenbar nicht aus, um die Entstehung der abstrakten Kunst in Europa vollständig zu erzählen.
Kunstgeschichte bleibt in Bewegung
Kunstgeschichte besteht nicht nur aus einer festen Liste großer Namen, die irgendwann abgeschlossen wurde. Archive werden erschlossen, Werke wiederentdeckt und frühere Bewertungen hinterfragt. Dadurch kann sich auch unser Blick auf eine Epoche verändern.
Hilma af Klint malte ihre außergewöhnlichen Bilder nicht im Jahr 2026. Viele von ihnen entstanden vor mehr als hundert Jahren. Neu ist vielmehr, welchen Platz wir ihnen heute geben.
In unseren Augen zeigt ihre Geschichte deshalb auch etwas über Europa selbst: Ein gemeinsames kulturelles Erbe besteht nicht nur aus dem, was wir längst kennen. Es wächst auch dadurch, dass wir genauer hinschauen, vergessene Stimmen wiederentdecken und bereit sind, vertraute Geschichten neu zu erzählen.
Die Ausstellung „Hilma af Klint“ ist noch bis zum 30. August 2026 im Grand Palais in Paris zu sehen. Grand Palais und Centre Pompidou präsentieren dort erstmals in Frankreich unter anderem den Zyklus „Paintings for the Temple“.