Hörst du noch Vögel – oder schon einzelne Stimmen?
Ein einsamer Waldspaziergang, eine Amsel namens Arne und Deutschlands erster Vogelstimmen-Imitationswettbewerb: In Landshut geht es am Samstag um eine Fähigkeit, die mit Zwitschern beginnt – und mit genauem Zuhören.
Du gehst allein durch den Wald. Eigentlich ist es still. Zumindest klingt es im ersten Moment so. Die Bäume sagen nichts, und trotzdem bewirken sie etwas Merkwürdiges. Nach ein paar Minuten gehst du langsamer. Du hörst deine eigenen Schritte auf dem Boden, das Rascheln der Blätter, irgendwo bewegt sich ein Zweig.
Der Wald spricht mit dir, ohne ein Wort zu sagen. Die Vögel sind da etwas direkter. Einer pfeift von links, weiter hinten kommt eine Antwort. Über dir schimpft jemand ziemlich energisch, den du überhaupt nicht sehen kannst. Und irgendwo sitzt einer, der offenbar der Meinung ist, dass zwei Töne völlig ausreichen, damit der ganze Wald weiß, dass er da ist.
Du verstehst kein einziges Wort. Aber du merkst ziemlich schnell: Die reden miteinander.
Und hast du nicht auch irgendwann den Impuls, zu antworten? Du pfeifst einen Ton zurück. Nur einen. Irgendeinen. Und wartest.
Kommt etwas zurück?
Wahrscheinlich hast du damit gerade keinen besonders überzeugenden Vogel abgegeben. In Landshut könnte das an diesem Samstag zum Problem werden.
Deutschlands erste Meisterschaft im Zwitschern
Auf der Jungheinrich-Bühne beim Landshuter „Spektakel“ dürfen Menschen ab 14.30 Uhr genau das versuchen: Vögel nachmachen. Die Stadt kündigt die Veranstaltung als Deutschlands ersten Vogelstimmen-Imitationswettbewerb an.
Kinder bis zwölf Jahre treten ebenso an wie Jugendliche und Erwachsene. Gesucht werden möglichst authentische und kreative Vogelstimmen, und sogar ein Kostüm kann zusätzliche Punkte bringen. In der Jury sitzen unter anderem Wildtierexperte Woid Woife, „Vogelphilipp“ und Johannes Selmansberger vom Bund Naturschutz.
Das klingt zunächst nach einem ziemlich sympathischen Spleen – bis man versucht, es selbst zu machen. Denn welchen Vogel willst du eigentlich imitieren?
Arne will Anissa beeindrucken
Nehmen wir eine Amsel. Nennen wir sie Arne.
Arne sitzt ziemlich weit oben in einem Baum und singt. Und nehmen wir einmal an, ein paar Bäume weiter sitzt Anissa. Dann könnte Arnes Auftritt durchaus etwas mit ihr zu tun haben.
Amselmännchen tragen ihren melodischen Gesang häufig von erhöhten Plätzen vor. Damit grenzen sie ihr Revier gegenüber anderen Männchen ab und werben zugleich um Weibchen. Gute Sänger verfügen über zahlreiche unterschiedliche Gesangsmotive, die sie immer wieder neu kombinieren können.
Anissa bekommt also kein schlichtes „Amsellied“ vorgesungen. Und Arne hat noch ganz andere Töne drauf. Ein Vogel kann singen, Kontakt halten, warnen oder auf eine Gefahr reagieren. Wer gelernt hat, Vogelstimmen genauer zu unterscheiden, hört deshalb nicht nur, welche Art da irgendwo im Gebüsch sitzt. Die Stimme kann auch Hinweise darauf geben, was gerade geschieht.
Plötzlich reicht der Satz „Ich kann eine Amsel nachmachen“ nicht mehr.
Welche Amsel? Arne beim großen Auftritt für Anissa? Arne im Streit mit dem Nachbarn? Oder Arne, der gerade entdeckt hat, dass etwas im Gebüsch überhaupt nicht stimmt?
Zuhören kommt vor dem Nachmachen
Damit wird aus der kleinen Spielerei eine erstaunlich anspruchsvolle Aufgabe. Wer einen Vogel überzeugend imitieren will, muss zunächst hören lernen: Tonhöhe, Rhythmus, Pausen, Klangfarbe.
Manche Stimmen sind vergleichsweise leicht wiederzuerkennen. Der Zilpzalp hilft uns sogar mit seinem Namen. Der Grünspecht klingt ein wenig, als würde jemand laut lachen. Andere Arten machen es uns erheblich schwerer. Und der Star treibt das Spiel besonders weit: Er imitiert selbst andere Vogelstimmen.
Der Mensch auf der Landshuter Bühne imitiert also womöglich einen Vogel, der seinerseits andere Vögel imitiert. Spätestens an dieser Stelle darf man kurz den Überblick verlieren.
Aber genau darin steckt etwas Interessantes: Bevor jemand gut genug zwitschert, pfeift, trillert oder schimpft, um eine Jury zu überzeugen, muss er etwas getan haben, das wir im Alltag erstaunlich selten tun.
Er muss lange genug zugehört haben.
Aus „Vogelgezwitscher“ werden Nachbarn
Naturverbände versuchen genau dieses Hinhören zu vermitteln. Bei Vogelstimmenwanderungen und Übungen für Kinder geht es darum, Stimmen bewusst wahrzunehmen, Unterschiede zu hören und manchmal auch zu versuchen, sie selbst nachzumachen.
Denn ein Wald verändert sich, sobald man die ersten Stimmen erkennt. Da ist nicht mehr irgendwo „ein Vogel“. Da ruft ein Grünspecht. Da singt eine Amsel. Da sitzt ein winziger Zaunkönig und veranstaltet einen erstaunlichen Lärm. Und irgendwann hörst du womöglich sogar, dass derselbe Vogel nicht immer dasselbe sagt.
Dann gehst du weiter. Die Bäume sind noch genauso still wie vorher. Die Vögel singen, rufen und schimpfen genauso wie vorher.
Nur du hörst anders.
Und wenn Arne von oben wieder seine große Nummer für Anissa beginnt, kannst du natürlich einfach weitergehen.
Oder du antwortest.
Aber dann gib dir wenigstens ein bisschen Mühe. In Landshut hört am Samstag schließlich eine Jury zu.