In Osaka sagt man „Maido!“
Was haben ein Gruß aus Osaka, drei kleine kroatische Wörter und eine Wanderung von Porto nach Santiago gemeinsam? Beim Festival jezika in Zagreb führt ein Workshop über den Kansai-Dialekt mitten in die Frage, wo Dialekte enden und Sprachen beginnen.
In Osaka sagt man „Maido!“. Zumindest kann man diesen Gruß dort hören, wo im Japanischlehrbuch vielleicht eher „Konnichiwa“ steht. Und wer am Freitag, dem 25. September, in einem Klassenzimmer der Prva gimnazija in Zagreb sitzt, kann erfahren, warum das so ist.
Beim Festival jezika geht es eine Stunde lang um den Kansai-Dialekt und das Standardjapanische. Akihito Uebayashi von der Universität Zagreb und Saeko Yamauchi von der Universität Pula leiten den Workshop. Japanischkenntnisse braucht man dafür ausdrücklich nicht. Das ist eigentlich eine wunderbare Voraussetzung. Denn um zu verstehen, worum es geht, muss man kein Japanisch können. Man muss nur schon einmal Menschen zugehört haben.
Drei kleine Wörter
Auch in Zagreb klingt eine Sprache nicht überall so, wie sie im Schulbuch steht. Wer Kroatien bereist, begegnet einer erstaunlich vielfältigen Dialektlandschaft. Traditionell unterscheidet man drei große Gruppen: Kajkavisch, Čakavisch und Štokavisch. Ihre Namen führen zu drei kleinen Wörtern zurück, die alle dasselbe bedeuten können: kaj, ča und što – „was?“
Das klingt zunächst wunderbar ordentlich. Rund um Zagreb hört man kaj, in Teilen der Adriaküste ča, und die kroatische Standardsprache beruht wesentlich auf štokavischen Varietäten. Fertig ist die Sprachkarte – nur hält sich das wirkliche Leben nicht daran.
Dialekte haben sich über Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst. Menschen sind umgezogen, Grenzen haben sich verschoben, Wörter sind mitgewandert. Selbst ča genügt nicht immer, um eine čakavische Mundart zu erkennen: Es gibt čakavische Orte, in denen heute što oder šta verwendet wird. Eine Sprache ist eben keine Landkarte, auf der man drei Gebiete sauber verschieden einfärben kann.
Mit Winnetou in die Sprachlandschaft
Das merkt man besonders schön an der Adria. Wer von Zadar in Richtung Paklenica fährt, kennt die Gegend vielleicht aus einem ganz anderen Zusammenhang. Zwischen den Felsen und Schluchten wurden Szenen der berühmten Winnetou-Filme gedreht. Man kann dort aber nicht nur die Landschaft betrachten, sondern ihr auch zuhören.
In der weiteren Region um Zadar begegnen sich čakavische und štokavische Varietäten. Orte wie Privlaka, Bibinje oder Sukošan werden zumindest teilweise dem čakavischen Sprachraum zugerechnet. Schon auf vergleichsweise kurzen Strecken wird aus der scheinbar einfachen Regel „an der Küste sagt man ča“ ein viel interessanteres Geflecht.
Vielleicht ist genau das die bessere Art, sich Dialekte vorzustellen: nicht als Flächen, sondern als Landschaften. Es gibt Zentren und Ränder, Übergänge und Inseln – und Menschen, die ihre Sprache mitnehmen.
Von Zagreb nach Porto
Im Zagreber Schulhaus führt der Weg an diesem Nachmittag noch viel weiter. Wer möchte, kann beim Festival beispielsweise erste Schritte auf Portugiesisch machen. Und damit sind wir wieder bei der Frage, die uns seit „Maido!“ begleitet: Wo endet eine Variante einer Sprache – und wo beginnt eine andere Sprache?
Besonders schön lässt sich darüber beim Wandern nachdenken. Wer von Porto nach Santiago de Compostela wandert, überschreitet irgendwann die Grenze zwischen Portugal und Spanien. Auf der Karte ist der Augenblick eindeutig. Für die Ohren wird es komplizierter.
Hinter der Grenze begegnet dem Wanderer Galicisch. Vieles klingt überraschend vertraut. Manches erinnert an das Portugiesische, das ihn seit Porto begleitet hat, anderes an Spanisch. Aber Galicisch ist weder das eine noch das andere – und auch keine Mischung aus beiden.
Galicisch und Portugiesisch haben eine gemeinsame sprachgeschichtliche Herkunft. Im Mittelalter bildeten die Sprachformen im Gebiet des heutigen Galiciens und Nordportugals ein galicisch-portugiesisches Kontinuum. Mit der politischen Trennung Portugals und Galiciens entwickelten sich auch die späteren Standardsprachen zunehmend auf eigenen Wegen.
Ein Grenzschild kann ziemlich genau zeigen, wo Portugal aufhört und Spanien beginnt. Für die Sprache gibt es ein solches Schild nicht. Gerade im galicisch-portugiesischen Grenzgebiet sind sprachliche Übergänge, Ähnlichkeiten und jahrhundertelange Kontakte bis heute wahrnehmbar. Die politische Grenze ist eine Linie; die Sprachlandschaft ist komplizierter.
Eine Sprache oder zwei?
Jetzt können wir unsere drei Reisen nebeneinanderlegen. In Osaka begegnen uns Kansai-Dialekt und Standardjapanisch: unterschiedliche Formen des Japanischen. In Kroatien treffen wir auf Kajkavisch, Čakavisch und Štokavisch – eine Dialektlandschaft, die sich ebenfalls nicht sauber auf drei verschiedenfarbige Flächen reduzieren lässt. Und auf dem Weg von Porto nach Santiago begegnen uns mit Portugiesisch und Galicisch zwei eigenständige Sprachen, die einander aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte sehr nahestehen.
Damit wird aus einem Gruß aus Osaka plötzlich eine ziemlich große Frage: Wann sprechen zwei Menschen unterschiedliche Varianten derselben Sprache – und wann sprechen sie zwei verschiedene Sprachen?
Nur danach zu fragen, ob sie einander verstehen, reicht nicht. Ein Dialekt kann für Außenstehende schwer verständlich sein und trotzdem als Teil derselben Sprache gelten. Zwei eng verwandte Sprachen können sich dagegen so ähnlich sein, dass ihre Sprecher vieles voneinander verstehen.
Dazu kommen Literatur und Schule, Wörterbücher und Medien, Geschichte und politische Grenzen – und nicht zuletzt die Menschen selbst und die Frage, wie sie ihre Sprache verstehen und benennen. Eine Standardsprache ist deshalb auch nicht einfach die „richtige“ Form, von der Dialekte mehr oder weniger stark abweichen. Sie ist eine Form, die für bestimmte gemeinsame Zwecke festgelegt und ausgebaut wurde. Daneben sprechen Menschen weiter so, wie in ihren Familien, Städten und Regionen gesprochen wird.
Manchmal verrät schon ein einziges Wort eine ganze Sprachlandschaft: Kaj? Ča? Što? Oder eben: Maido!
Ein Schulhaus voller Sprachen
Und damit sind wir wieder dort, wo unsere Reise begonnen hat: in Zagreb. Das Festival jezika findet am 25. September in der Prva gimnazija statt. Es ist bereits die vierte Ausgabe. Botschaften, Kulturinstitute, Hochschulen, Schulen, Übersetzer und andere Sprachfachleute gestalten ein Programm mit zahlreichen Workshops, Kurzsprachkursen, Quizzen und Gesprächen.
Dabei bleibt es keineswegs bei Japanisch und Portugiesisch. Besucher können falschen Freunden im Bulgarischen und Slowakischen begegnen, ungarische Gesellschaftsspiele ausprobieren, kroatisch-französischen Musikverbindungen nachgehen oder andere Sprachen und Kulturen kennenlernen.
Und irgendwo in diesem ziemlich vielsprachigen Schulhaus sitzt von 17 bis 18 Uhr eine Gruppe und beschäftigt sich damit, warum Japanisch in Osaka anders klingen kann als das Japanisch eines Lehrbuchs. Vielleicht nimmt jemand anschließend nur ein einziges neues Wort mit nach Hause: Maido!
Das wäre gar nicht wenig. Denn manchmal genügt ein einziges Wort, um zu entdecken, dass Sprachen keine starren Systeme sind. Sie verändern sich, sobald Menschen sie sprechen. Sie wandern mit ihnen, begegnen anderen Sprachen, überschreiten Grenzen und bewahren zugleich etwas von den Orten, an denen sie gesprochen werden.
Von Osaka nach Zagreb, von Zagreb nach Zadar und von Porto nach Santiago ist es ein ziemlich weiter Weg. Für ein Wort offenbar nicht.