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Europäische Kultur entdecken · 4. Oktober 2026

Kratt – Sagengestalt neu interpretiert

Eine alte estnische Sagengestalt wird zum Ballett, von mehr als 400 jungen Tänzerinnen und Tänzern neu interpretiert – und sogar zum Namen für künstliche Intelligenz. Was bleibt dabei immer gleich?

Buntstiftillustration einer Bühnenaufführung: Junge Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich um einen Kratt aus Holz, Stroh, Stoff und alten Arbeitsgeräten. Im Hintergrund spielt ein Orchester; eine blau leuchtende menschliche Silhouette aus vernetzten Punkten deutet die moderne Verbindung zur künstlichen Intelligenz an.
Von der Sagengestalt zum Ballett und weiter bis zur KI: Die Illustration verbindet den gebauten Kratt, die jungen Tänzer in Tartu und seine moderne digitale Neuinterpretation. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Vor zwei Tagen ging es in Tallinn um Eduard Tubin selbst und die Frage, ob Musik etwas von einem Menschen hörbar machen kann. Am Sonntag führt das TubIN-Festival nach Tartu. Dort steht wieder Tubin im Programm – diesmal aber nicht der Komponist als Selbstporträt, sondern eine Figur, die schon lange vor ihm durch estnische Geschichten geisterte und heute sogar in einer völlig anderen Welt weiterlebt: der Kratt.

Was ist eigentlich ein Kratt?

Wer bei einer Sagengestalt aus Nordeuropa sofort an einen irischen Kobold denkt, liegt nicht völlig daneben – aber auch nicht besonders genau.

Ein Kratt ist in der estnischen Überlieferung ein künstlich geschaffener Helfer und Schatzbringer. Er wird von einem Menschen hergestellt und soll seinem Besitzer Reichtümer heranschaffen. Alte Geschichten erzählen dabei durchaus handfest, woraus solch ein Wesen zusammengesetzt werden konnte: aus Dingen, die gerade vorhanden waren. In einer überlieferten Erzählung werden etwa eine Spindel, eine große Nadel, alte Ärmel, Kohlenstücke und Teile einer Egge verbaut. Anschließend verlangt der fertige Kratt sofort nach Arbeit.

Der angenehme Teil der Geschichte endet allerdings schnell. Der Kratt erschafft den Reichtum nicht. Er trägt ihn von anderswo zusammen. Und für den übernatürlichen Helfer muss sein Besitzer in vielen Überlieferungen einen hohen Preis zahlen: seine Seele. Die Geschichten konnten damit zugleich eine gesellschaftliche Warnung transportieren. Wer ohne erkennbare Arbeit plötzlich sehr reich wurde, geriet leicht unter Verdacht – und Reichtum, der auf Kosten anderer entsteht, bekam mit dem Kratt eine ziemlich anschauliche Gestalt.

Der Kratt ist also vor allem eines: ein sehr effizienter Helfer mit einem Auftrag.

Warum interessierte sich Tubin ausgerechnet für ihn?

Eduard Tubin beschäftigte sich nicht nur beiläufig mit der Figur. Bereits 1938 wandte er sich an Oskar Loorits, den Leiter des Estnischen Folklorearchivs, und fragte nach Geschichten über den Kratt. Die Ausleihbücher des Archivs zeigen, dass er immer wieder Material dazu mitnahm. Gleichzeitig sammelte Tubin auf Muhu und Hiiumaa Volksmelodien. Für ein ausgeschriebenes Bühnenwerk des Estonia-Theaters entwickelte er schließlich gemeinsam mit Erika Tubin, die das Libretto auf Grundlage der Volkserzählungen schrieb, den „Kratt“.

Tubin wollte dabei ausdrücklich kein gewöhnliches klassisches Ballett schreiben. Für die Musik griff er auf rund 30 estnische Volksmelodien zurück und verarbeitete sie mit seiner eigenen musikalischen Sprache. „Kratt“ wurde damit das erste estnische Ballett. Die Uraufführung fand 1943 im Vanemuine-Theater in Tartu statt; Tubin selbst dirigierte.

Damit geschah schon damals etwas, das für unseren heutigen Artikel entscheidend ist: Tubin stellte eine alte Geschichte nicht einfach ins Museum. Er nahm sie auseinander und machte daraus etwas Neues.

Und nun machen es mehr als 400 Jugendliche noch einmal

Am Sonntag geschieht genau das erneut. Der Kratt-Tag im Vanemuine-Konzerthaus beginnt um 15 Uhr mit einem Kreativlabor. In Workshops zu Handwerk, Tanz und estnischer Volksmusik können Besucher der Überlieferung zunächst selbst begegnen. Um 17 Uhr folgt die große Tanzaufführung: Mehr als 400 junge Tänzerinnen und Tänzer der Schulen Shaté und dotE präsentieren zu Tubins Musik ihre eigene Vorstellung vom Kratt. Begleitet werden sie vom Sinfonieorchester des Vanemuine-Theaters unter Mihhail Gerts. Auch Erika Tubin, Urenkelin des Komponisten und Schülerin der Staatlichen Ballettschule Berlin, wirkt mit.

Das Wort „eigene“ ist dabei wichtig. Die Jugendlichen führen nicht einfach eine historische Choreografie von 1943 wieder auf. Sie bekommen eine Figur, eine Geschichte und Tubins Musik – und müssen entscheiden, was dieser Kratt für sie bedeutet.

Damit setzt sich etwas fort, das Volksüberlieferung überhaupt erst am Leben hält. Geschichten bleiben nicht lebendig, weil jede Generation sie möglichst unverändert nacherzählt. Sie bleiben lebendig, weil Menschen sie kennen, weitergeben und mit den Fragen ihrer eigenen Zeit verbinden.

Und beim Kratt ist das inzwischen auf besonders überraschende Weise geschehen.

Ein Kratt aus Software

Wer in Estland heute nach „Kratt“ sucht, landet nämlich nicht nur bei Volkssagen und Ballett.

Auf der staatlichen estnischen Internetseite über künstliche Intelligenz wird Kratt ausdrücklich als Bezeichnung für KI-Anwendungen verwendet. Ein moderner Kratt ist dort ein auf KI-Technologien beruhendes System, das selbstständig Aufgaben ausführen kann, die sonst Menschen erledigen würden.

Diese Namenswahl ist kein Zufall. Die estnische Seite erklärt selbst, dass die bekannte Figur aus der Volksüberlieferung als Metapher genutzt wird, um etwas technisch Kompliziertes verständlicher zu machen. Wenn ein Problem gelöst werden müsse, so die Grundidee, erledige der Kratt die Aufgabe. Zugleich folgt sofort die moderne Einschränkung: Solche Systeme müssen fair und nützlich sein und so beaufsichtigt werden, dass sie keinen Schaden anrichten.

Damit bekommt eine jahrhundertealte Sagengestalt plötzlich eine neue Rolle. Natürlich ist künstliche Intelligenz kein dämonisches Wesen, das nachts durch die Nachbarschaft zieht und Säcke mit fremdem Getreide anschleppt. Doch die Metapher lenkt den Blick auf einen Punkt, der erstaunlich aktuell geblieben ist:

Der Kratt erhält einen Auftrag.

Er beurteilt nicht, ob sein Besitzer diesen Auftrag überhaupt hätte erteilen sollen. Er erledigt ihn.

Wer trägt die Verantwortung?

Gerade dadurch unterscheidet sich die Kratt-Metapher von einem Bild, in dem künstliche Intelligenz vor allem als besonders kluger oder beinahe übermenschlicher Denker erscheint. Beim Kratt steht nicht zuerst die Bewunderung seiner Fähigkeiten im Mittelpunkt. Der Blick wandert zurück zum Menschen, der ihn gebaut und beauftragt hat.

Was soll dieses System erreichen? Welche Grenzen bekommt es? Was passiert, wenn das gewünschte Ergebnis zwar erreicht wird, der Weg dorthin aber Schaden verursacht?

Diese Fragen gehören heute zur Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz. Die estnische KI-Seite selbst betont deshalb menschliche Aufsicht, Fairness, Sicherheit und eine Technik, die den Interessen von Menschen dienen soll.

Der alte Kratt liefert darauf keine technische Antwort. Aber er stellt eine bemerkenswert brauchbare Frage.

Wem gehört der Kratt am Sonntag?

Am Sonntag gehört er jedenfalls nicht allein Eduard Tubin. Mehr als 400 junge Menschen bringen in Tartu ihre eigene Interpretation auf die Bühne. Vor der Aufführung wäre es falsch, ihnen schon zu erklären, was sie in dieser Figur sehen werden. Gerade darin liegt die Spannung: Sie übernehmen eine Geschichte, die lange vor ihnen existierte, und geben ihr für einen Abend eine neue Gestalt.

So führt der Weg ungewöhnlich weit: von estnischen Volkserzählungen über Tubins Ballett von 1943 zu jungen Tänzerinnen und Tänzern im Jahr 2026 – und nebenbei bis zu den KI-Systemen eines modernen digitalen Staates.

Eine Sagengestalt hat auf diesem Weg mehrfach ihre Form verändert. Die Frage nach Mensch, Helfer und Verantwortung ist geblieben.

Die wichtigste Frage ist also gar nicht, wie klug ein Kratt ist. Sondern wie klug der Auftrag ist, den wir ihm geben.