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Europäische Kultur entdecken · 5. Oktober 2026

Künstler der Luftnavigation

Seit Jahrhunderten beobachten Menschen den Vogelzug mit Staunen. Heute lässt er sich per Satellit verfolgen – und bleibt doch faszinierend. In Sagres richtet ein Festival den Blick auf diese Meister der Orientierung.

Buntstiftillustration der Felsküste von Sagres: Im Vordergrund sitzen zwei schwarz-weiße Tordalke auf einem Felsen. Im Hintergrund beobachten mehrere Menschen mit Ferngläsern, Kameras und Stativen die Vogelwelt; zwischen ihnen sind alte Mauerreste zu sehen, dahinter der Atlantik und weitere Vögel am Himmel.
Tordalke an der Felsküste von Sagres. Im Hintergrund suchen Vogelbeobachter mit Ferngläsern und langen Objektiven den Himmel und die Küste ab. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Seit Jahrhunderten beobachten Menschen, wie Vögel im Herbst verschwinden und Monate später wieder auftauchen. Heute können Sender ihre Reisen über Kontinente verfolgen. Doch selbst mit Satelliten, Radar und GPS bleibt faszinierend, wie ein Tier seinen Weg über Tausende Kilometer findet – und warum der beste Weg dabei keineswegs immer der kürzeste ist.

Wohin verschwinden die Vögel?

Kraniche ziehen in langen Formationen über den Himmel. Schwalben sind plötzlich nicht mehr da. Störche verlassen ihre Nester und kehren im Frühjahr wieder zurück. Für uns gehört das zum Jahreslauf. Lange Zeit war jedoch keineswegs klar, wohin diese Vögel eigentlich verschwanden.

Einen besonders eindrucksvollen Hinweis lieferte 1822 ein Weißstorch selbst. In Mecklenburg wurde ein Storch erlegt, in dessen Hals ein langer Pfeil aus Zentralafrika steckte. Der Vogel hatte die Verletzung überlebt, war mit dem Pfeil zurück nach Europa geflogen und wurde anschließend präpariert. Der sogenannte Pfeilstorch gilt bis heute als einer der ersten handfesten Belege dafür, dass europäische Vögel zum Überwintern tatsächlich sehr weit nach Süden ziehen.

Heute lässt sich aus dem einstigen Rätsel eine ziemlich genaue Reiseroute machen. Und manche dieser Reisen sprengen fast unseren Maßstab.

Wenn 13.000 Kilometer noch nicht das Ende sind

Küstenseeschwalben ziehen zwischen hohen Breiten der Nordhalbkugel und dem Südpolarmeer hin und her. Besenderte Tiere legten im Durchschnitt rund 70.000 Kilometer pro Jahr zurück. Die Pfuhlschnepfe zeigt eine andere Form von Ausdauer: Ein junger Vogel wurde auf einem mehr als 13.000 Kilometer langen Nonstopflug von Alaska bis nach Tasmanien verfolgt.

Solche Strecken fliegen Vögel nicht aus Abenteuerlust. Migration ermöglicht ihnen, saisonal unterschiedliche Lebensräume zu nutzen. Entscheidend sind unter anderem Nahrung, geeignete Brutgebiete, Tageslänge und Bedingungen für den Nachwuchs. Wenn eine Region ihre günstige Jahreszeit verliert, beginnt anderswo gerade die nächste.

Damit stellt sich allerdings die nächste Frage: Woher wissen sie, wohin sie müssen?

Eine Landkarte aus Sonne, Sternen und Magnetfeldern

Eine einzige Antwort gibt es darauf nicht. Verschiedene Arten nutzen unterschiedliche Informationen und kombinieren sie miteinander.

Die Sonne kann als Kompass dienen. Nachtzieher orientieren sich an Sternen. Vögel können das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Gebirge, Flüsse und Küsten helfen als sichtbare Leitlinien; bei einigen Arten spielt sogar der Geruchssinn eine Rolle. Junge Vögel beherrschen einen Teil dieser Orientierung bereits auf ihrer ersten Reise, obwohl ihnen niemand die gesamte Strecke gezeigt hat.

Dadurch entstehen große Zugkorridore, sogenannte Flyways. Sie verbinden Brutgebiete, Rastplätze und Winterquartiere über Länder und Kontinente hinweg. Die Karte eines Zugvogels sieht damit anders aus als unsere: Staatsgrenzen spielen darin keine Rolle. Nahrung, Wind, Wasserflächen, Gebirge und sichere Rastplätze dagegen sehr wohl.

Wo Europa auf den Atlantik trifft

Rund um Sagres im Südwesten Portugals wird vom 2. bis 5. Oktober die 17. Ausgabe des Festivals für Vogelbeobachtung und Naturaktivitäten veranstaltet. Die Lage macht die Region zu einem der bekannten europäischen Orte für die Beobachtung des herbstlichen Vogelzugs. Mehr als 300 Aktivitäten gehören 2026 zum Programm: Beobachtungen an Land und auf See, wissenschaftliche Vogelberingung, Wanderungen, Naturerlebnisse und Angebote für junge Besucher.

Wer dort mit Fernglas oder langem Kameraobjektiv auf den Klippen steht, sieht also nicht einfach Vögel vorbeifliegen. Er steht an einem Punkt, an dem unterschiedliche Zugstrategien besonders gut sichtbar werden.

Für eine davon nehmen wir einen Vogel, den fast jeder kennt.

Der Storch und der Umweg nach Afrika

Der Weißstorch ist nicht der Schwerpunkt des Festivals 2026. Wir benutzen ihn als Beispiel, weil sich an ihm hervorragend erklären lässt, warum Luftnavigation mehr bedeutet als eine gerade Linie auf der Landkarte.

Störche sind ausgezeichnete Segelflieger. Über aufgeheiztem Land steigt warme Luft nach oben. In solchen Thermiken können sie sich hochschrauben und anschließend weit gleiten, ohne ständig mit den Flügeln schlagen zu müssen. Über großen Wasserflächen entstehen solche Aufwinde wesentlich schlechter.

Deshalb nehmen Weißstörche auf ihrem Weg nach Afrika nicht einfach den kürzesten Weg über das Mittelmeer. Die westliche Zugroute bündelt sich an der Straße von Gibraltar, die östliche am Bosporus. Dort müssen sie vergleichsweise kurze Meerengen überwinden und können anschließend wieder Thermik über Land nutzen.

Von Sagres aus wirkt Afrika auf einer Karte verlockend nah. Für einen Storch wäre die entscheidende Frage aber nicht: Wo ist Süden? Sie lautet eher: Wo komme ich mit möglichst wenig Energie sicher weiter? Der Umweg kann dann der bessere Weg sein.

Und wo bleibt der Tordalk?

Für unsere Reise durch die unsichtbaren Luftstraßen Europas begleitet uns der Weißstorch, weil er so vertraut ist. In Sagres selbst richtet sich die besondere Aufmerksamkeit 2026 jedoch auf einen anderen Vogel: den Tordalk.

Der schwarz-weiße Meeresvogel brütet im Nordatlantik. In Portugal erscheint er im Herbst und Winter als Durchzügler und Wintergast entlang der Festlandsküste. In Deutschland ist er als Brutvogel dagegen auf Helgoland beschränkt.

Der Tordalk erinnert daran, wie unterschiedlich Vogelzug aussehen kann. Der Storch sucht Aufwinde über Land und vermeidet lange Meerstrecken. Ein Meeresvogel bewegt sich dagegen in einer Welt, in der Küsten und offener Atlantik zum Lebensraum gehören. Beide navigieren. Aber sie benutzen dafür nicht dieselbe Karte.

Der kürzeste Weg ist nur eine Möglichkeit

Genau darin liegt die eigentliche Kunst des Vogelzugs. Ein Vogel muss nicht nur wissen, in welcher Richtung sein Ziel liegt. Er muss mit seinem Körper, seiner Flugweise und den Bedingungen unterwegs zurechtkommen.

Für den einen bedeutet das, Thermik zu finden und eine Meerenge anzusteuern. Ein anderer folgt Küsten oder zieht weit über den Ozean. Manche fliegen nachts anhand von Sternen und Magnetfeld, andere am Tage entlang sichtbarer Landschaftsformen. Und dazwischen müssen sie Orte finden, an denen sie ruhen und neue Energie aufnehmen können.

Wenn Anfang Oktober in Sagres Gruppen von Menschen mit Ferngläsern, Spektiven und langen Objektiven an der Felsküste stehen, beobachten sie deshalb mehr als einen saisonalen Ortswechsel.

Sie beobachten eine Landkarte, die erst sichtbar wird, wenn die Vögel sie benutzen.

Und die Künstler der Luftnavigation zeigen dabei immer wieder dasselbe: Der beste Weg muss nicht der kürzeste sein. Er muss derjenige sein, der funktioniert.