Mal Riese, mal Zwerg
In Paris feiern ein Schauspieler und eine irische Geigerin 300 Jahre „Gullivers Reisen“. Was als Abenteuer beginnt, wird zu einer überraschend aktuellen Geschichte über Macht, Perspektivwechsel und menschliche Größe.
Paris, 14. Oktober 2026 – Ein Seefahrer, der abwechselnd zum Riesen und zum Zwerg wird, ein französischer Schauspieler und eine irische Geigerin: In der Bibliothèque historique de la Ville de Paris steht am Mittwochabend ein Buch im Mittelpunkt, das seit 300 Jahren seine Leser auf ungewöhnliche Reisen schickt. Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ wird mit einer musikalischen Lesung gefeiert. Théophile Choquet übernimmt die gesprochenen Passagen, Rachael Ní Leannáin begleitet ihn auf der Violine.
Die historische Bibliothek befindet sich im Hôtel Lamoignon, einem Stadtpalais aus dem ausgehenden 16. Jahrhundert im Pariser Marais. Zwischen Büchern und Zeugnissen vergangener Jahrhunderte erhält Gulliver an diesem Abend eine neue Stimme. Die Bibliothek zeigt dazu ausgewählte historische Dokumente und Originale aus ihren Sammlungen. Veranstaltet wird die Lesung gemeinsam mit dem Centre Culturel Irlandais. Dass Irland in der zweiten Jahreshälfte 2026 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union innehat, gibt dem literarischen Jubiläum einen zusätzlichen europäischen Anlass.
Zwei Künstler, zwei Wege zur Literatur
Théophile Choquet ist Schauspieler und Regisseur. Er studierte Schauspiel in Metz und Straßburg sowie Theaterwissenschaft an der Sorbonne Nouvelle in Paris. Seine Arbeit führte ihn unter anderem nach Brasilien, Argentinien und Dänemark. Besonders interessieren ihn Begegnungen zwischen Literatur, Poesie und Theater. Dafür braucht er nicht unbedingt eine klassische Bühne: Auch in Kirchen, Bibliotheken, historischen Gebäuden oder auf Schiffen hat er bereits gespielt und gelesen. Mit Gulliver ist er vertraut. Schon 2019 widmete er dem berühmten Seefahrer im Pariser Centre Culturel Irlandais eine Lesung bei Kerzenlicht.
Seine musikalische Partnerin Rachael Ní Leannáin stammt aus der irischen Grafschaft Monaghan. Seit ihrem siebten Lebensjahr beschäftigt sie sich mit traditioneller irischer Musik. Sie spielte als Solistin, in Gruppen und Orchestern, trat bei Festivals auf und erhielt Auszeichnungen bei nationalen Wettbewerben. Während ihrer Zeit in Paris musizierte sie unter anderem bei Veranstaltungen der irischen Botschaft, des Centre Culturel Irlandais und des Marché de la Poésie. Am Mittwoch treffen ihre musikalischen Wurzeln auf eine der bekanntesten Erzählungen ihres Heimatlandes.
Das Jubiläum beschränkt sich nicht auf diesen Abend. Im Centre Culturel Irlandais zeigt die Ausstellung „Gulliver 300“, die gemeinsam mit der Marsh’s Library in Dublin entstand, frühe Buchausgaben, Illustrationen und historische Dokumente. Auch eine zweisprachige virtuelle Ausstellung gehört zum Projekt. Das Publikum kann so nachvollziehen, wie aus einem Roman von 1726 ein Werk wurde, das bis heute immer neue künstlerische Bearbeitungen hervorbringt.
Ein Seefahrer hält Europa den Spiegel vor
Jonathan Swift wurde 1667 in Dublin geboren. Er war Schriftsteller, anglikanischer Geistlicher und ein scharfer Beobachter der politischen Verhältnisse seiner Zeit. Als „Gullivers Reisen“ 1726 in London erschien, regierte in Großbritannien Georg I., und Robert Walpole gehörte zu den mächtigsten Politikern des Landes. An den europäischen Höfen bestimmten Rang, Beziehungen und die Gunst der Herrschenden häufig über politische Karrieren. In Frankreich war Ludwig XIV., der Versailles zum glänzenden Mittelpunkt seiner Herrschaft gemacht hatte, bereits elf Jahre tot.
Swift verpackte seine Kritik in einen scheinbaren Reisebericht. Das Buch erschien zunächst anonym und gab sich als Bericht des Schiffsarztes und späteren Kapitäns Lemuel Gulliver aus. Es wurde schnell zum Erfolg. Doch hinter den abenteuerlichen Reisen verbarg sich eine Satire auf Politik, gesellschaftliche Eitelkeit und menschliche Selbstüberschätzung.
In Liliput landet Gulliver unter Menschen, die kaum größer als seine Hand sind. Obwohl er ihnen körperlich weit überlegen ist, gelingt es den winzigen Bewohnern, ihn zu fesseln und für ihre Zwecke einzuspannen. Ihre Herrscher führen erbitterte Machtkämpfe. Hohe Staatsämter können diejenigen erlangen, die bei einem Seiltanz vor dem Kaiser besonders geschickt auftreten. Selbst die Frage, an welchem Ende ein Ei aufgeschlagen werden soll, wird zum Gegenstand bitterer Auseinandersetzungen.
Das klingt absurd. Doch Swift beschreibt damit Verhaltensweisen, die seinen Zeitgenossen durchaus vertraut gewesen sein dürften. Nicht immer entscheiden Vernunft und Fähigkeit darüber, wer Einfluss gewinnt. Manchmal genügt es, den Erwartungen der Mächtigen besonders geschickt zu entsprechen.
Wenn der Riese plötzlich klein wird
Auf seiner nächsten Reise gelangt Gulliver nach Brobdingnag, ins Land der Riesen. Nun haben sich die Verhältnisse umgekehrt. Er selbst ist winzig, wird betrachtet, herumgetragen und ist auf den Schutz anderer angewiesen. Seine Erfahrungen und seine Herkunft machen ihn nicht größer. Was in Liliput gewaltig erschien, wirkt hier unbedeutend.
Dabei ist Gulliver derselbe Mensch geblieben. Nur die Umgebung hat sich verändert.
Gerade dieser Perspektivwechsel macht die Geschichte bis heute interessant. Auch im Alltag hängt es oft von einer Gruppe oder einer Situation ab, wer Einfluss besitzt und wer sich unterlegen fühlt. Jemand kann sich gegenüber anderen klein fühlen und wenig später selbst zu denjenigen gehören, die bestimmen, was geschieht. Doch wer Macht besitzt, muss sie nicht ausnutzen. Und wer sich zurückhält, ist deshalb nicht schwach.
Swift liefert darauf keine einfache Antwort. Er überzeichnet menschliche Schwächen, macht Widersprüche sichtbar und überlässt es seinen Lesern, sie zu erkennen. Seine Satire kann komisch sein, ohne deshalb harmlos zu werden.
Außerdem endet Gullivers Geschichte nicht bei kleinen und großen Menschen. Weitere Reisen führen ihn auf eine fliegende Insel, deren Bewohner sich in mathematischen und musikalischen Überlegungen verlieren, und schließlich in ein Land vernunftbegabter Pferde. Dort leben auch die Yahoos, menschenähnliche Wesen, die von Gier, Streitlust und niederen Trieben beherrscht werden. Gulliver bewundert die vernünftigen Pferde und beginnt, seine eigene Art zunehmend zu verachten.
Als er schließlich nach Hause zurückkehrt, kann er selbst seiner Frau und seinen Kindern kaum noch nahe sein. Lieber verbringt er seine Zeit bei den Pferden im Stall. Ausgerechnet der Mann, der auf seinen Reisen so viel über menschliche Schwächen erfahren hat, scheint den Umgang mit Menschen verlernt zu haben.
Hat Gulliver am Ende wirklich mehr verstanden als zuvor? Ist grenzenlose Vernunft ohne Mitgefühl überhaupt eine erstrebenswerte Eigenschaft? Swift beantwortet diese Fragen nicht ausdrücklich. Er lässt seinen Reisenden voller Überzeugung von seinen Erkenntnissen berichten und gibt den Lesern reichlich Gelegenheit, daran zu zweifeln.
Inzwischen wurde sein Abenteuer vielfach illustriert, für die Bühne bearbeitet und verfilmt. Generationen von Künstlern haben ganz unterschiedliche Seiten des Werkes hervorgehoben: das fantastische Abenteuer, den Humor oder die Gesellschaftskritik. Und wer Gulliver nur aus den bekannten Geschichten über Liliput und das Land der Riesen kennt, hat möglicherweise noch einige überraschende Begegnungen vor sich.
Am Mittwochabend kommen in Paris die gesprochenen Worte und die Musik einer irischen Geigerin hinzu. Drei Jahrhunderte nach der ersten Veröffentlichung darf Gulliver erneut auf Reisen gehen. Und noch immer ist es erstaunlich schwer zu entscheiden, wer in seiner Welt eigentlich der Größte ist.