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Europäische Kultur entdecken · 4. September 2026

Nachts im Hörsaal: Wem gehört eigentlich eine Universität?

Beim PAS Festival öffnet die Universität Maastricht Hörsäle, Höfe und Gärten für die ganze Stadt. Zwischen Forschung, Musik und Theater stellt sich eine überraschend einfache Frage: Wem gehört Wissen eigentlich?

Gezeichneter nächtlicher Universitätsinnenhof in Maastricht mit Vortrag, Musik und einem Clown, der mit einem roten Wurfzelt kämpft.
Wissenschaft, Musik und Theater in einer Nacht: Die Illustration bündelt verschiedene PAS-Szenen in einem historischen Universitätsinnenhof. Die einzelnen Programmpunkte finden an unterschiedlichen Orten der Universität Maastricht statt. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Ein Mann im engen Anzug steht in einem Garten mitten in Maastricht und versucht, ein selbstaufbauendes Wurfzelt wieder zusammenzufalten. Es widersetzt sich hartnäckig. Wenige Meter entfernt diskutieren Menschen darüber, wer in Brüssel wirklich Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt. Später spielt Musik in einem Innenhof. Und all das passiert an einer Universität.

Am Freitag, dem 4. September, beginnt in Maastricht das Pleasure, Art & Science Festival, kurz PAS. Für zwei Abende öffnet die Universität ihre Gebäude, Höfe und Gärten für Studierende – aber ebenso für alle anderen Menschen aus Maastricht und der Region. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht nötig.

Und plötzlich stellt sich eine ziemlich einfache Frage:

Wem gehört eigentlich eine Universität?

Mehr als Hörsäle und Prüfungen

Wer noch zur Schule geht, stellt sich Universität vielleicht ungefähr so vor: Hörsäle, Bibliotheken, Professorinnen und Professoren, ziemlich dicke Bücher – und Studierende, die irgendwann Prüfungen schreiben müssen.

Das ist nicht falsch.

Aber es ist nur ein Teil der Geschichte.

Universitäten sollen neues Wissen schaffen. Forschende beschäftigen sich mit Fragen, auf die es noch keine einfachen Antworten gibt. Und wenn dieses Wissen ausschließlich innerhalb der Universität bleibt, fehlt etwas Entscheidendes: der Austausch mit den Menschen außerhalb.

Beim PAS wird dieser Austausch ziemlich wörtlich genommen.

Am Freitag und Samstag können Besucher ihre eigene Route durch historische Universitätsgebäude in der Maastrichter Innenstadt zusammenstellen. An jedem Abend stehen mehr als 80 Veranstaltungen zur Auswahl: Vorträge, Musik, Theater, Tanz, Performances und wissenschaftliche Demonstrationen.

Man braucht dafür keinen Studierendenausweis.

Man muss überhaupt nicht studieren.

Man darf einfach hineingehen.

Von Lobbyisten zum Clown

Und dann beginnt das eigentlich Spannende: Dinge liegen nebeneinander, die normalerweise kaum jemand in denselben Stundenplan schreiben würde.

Um 19.30 Uhr erklären Forschende anhand einer Untersuchung von Tausenden europäischen Lobbyisten, wer die Menschen sind, die versuchen, politische Entscheidungen in Brüssel zu beeinflussen.

Um 21.15 Uhr steht im Garten der juristischen Fakultät die französische Compagnie du Petit Monsieur auf dem Programm. In ihrem wortlosen Stück 2 Seconds! versucht Ivan Charys Figur Paul Durand, ein selbstaufbauendes Wurfzelt wieder zusammenzufalten. Was laut Anleitung in Sekunden erledigt sein sollte, wird zum immer größeren Kampf zwischen Mensch und vermeintlich praktischer Technik.

Später geht es wieder um Politik. Um 21.30 Uhr fragt der Politikwissenschaftler Yf Reykers: Was wäre die NATO ohne die Vereinigten Staaten?

Und zwischendurch?

Kann man Musik hören.

Zum Beispiel Marike Jager, die selbst einmal als Studentin auf einer offenen Bühne in Maastricht begann und inzwischen mehrfach für den niederländischen Edison-Musikpreis nominiert wurde. Am Freitagabend spielt sie im Innenhof am Minderbroedersberg.

Das PAS versucht also gar nicht erst, Wissenschaft und Kultur ordentlich voneinander zu trennen.

Möglicherweise ist genau das die Idee.

Eine Universität wird fünfzig

2026 passt diese offene Tür besonders gut.

Die Universität Maastricht feiert ihren 50. Geburtstag. Gleichzeitig findet das PAS Festival zum zehnten Mal statt. Die Universität gehört damit zu den jüngeren Universitäten Europas – und feiert einen Teil ihres Jubiläums nicht hinter verschlossenen Türen, sondern mitten in der Stadt.

Sogar ihre eigene Geschichte wird dabei zum Forschungsgegenstand.

Der Historiker Bart Zwegers erzählt am Freitag die Geschichte der Universität anhand von 50 Gegenständen. Gegenstände können nämlich etwas, das Jahreszahlen allein nur schwer schaffen: Sie verbinden Geschichte mit Menschen, Ereignissen und Erinnerungen.

Eine fünfzigjährige Universität betrachtet sich also selbst – während draußen im Hof bereits das nächste Konzert vorbereitet wird.

Wissenschaft nach Sonnenuntergang

Die Idee ist nicht auf Maastricht beschränkt.

Auch andere europäische Städte öffnen Forschungseinrichtungen für Menschen, die dort normalerweise nicht arbeiten oder studieren. In Berlin gibt es beispielsweise die Lange Nacht der Wissenschaften.

Maastricht macht daraus eine besonders kompakte Variante.

Viele Veranstaltungsorte liegen in der Innenstadt. Man wechselt nicht nur von Vortrag zu Vortrag, sondern von Gebäude zu Gebäude, durch Innenhöfe und Gärten. Die Universität wird dadurch für einige Stunden beinahe zu einem Teil des nächtlichen Stadtlebens.

Und am Samstag geht das Durcheinander weiter: Antibiotika, Psychotherapie, Big Tech, Geopolitik und Fake News stehen ebenso im Programm wie Klarinetten, Installationen, Theater und Musik.

Man könnte versuchen, darin Ordnung zu schaffen.

Oder man akzeptiert einfach, dass Neugier keine Fakultäten kennt.

Also: Wem gehört die Universität?

Natürlich gehören die Gebäude der Universität nicht plötzlich allen Menschen in Maastricht.

Aber Wissen funktioniert anders als ein Gebäude.

Wenn jemand etwas erforscht, wird dieses Wissen nicht weniger, weil er es mit anderen teilt. Im Gegenteil: Andere können Fragen stellen, widersprechen, weiterdenken oder plötzlich selbst neugierig werden.

Die interessanteste Sache am PAS ist deshalb womöglich gar kein einzelner Vortrag und auch kein Konzert.

Es ist die offene Tür.

Denn an diesem Wochenende muss niemand erst Student werden, um eine Universität zu betreten.

Und Wissenschaft beginnt manchmal genau so:

Jemand geht hinein und stellt eine Frage.