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Europäische Kultur entdecken · 13. August 2026

„Niemand hat die Absicht …“ – Berlin erinnert an 65 Jahre Mauerbau

Am 13. August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 65. Mal. Eine Installation verändert sich mit dem Blickwinkel, 140 Biografien geben den Opfern ihre Geschichten zurück und zwei Gitarren übersetzen Teilung und Trennung in Musik.

Illustration der dunklen, teilweise durchlässigen Installation „view“ vor dem Brandenburger Tor. In einem begrenzten Bereich der Wand zeichnen sich zwei Menschen schemenhaft ab.
Eine Wand, die sich mit dem Blick verändert: Die Installation „view“ von Hubertus Hamm lässt Menschen und Umgebung je nach Standort und Lichteinfall unterschiedlich deutlich durch ihre dunkle Oberfläche treten. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, erklärte Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin. Nur 59 Tage später wurden Straßen aufgerissen, Schienenverbindungen unterbrochen und die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Stacheldraht und bewaffneten Posten abgeriegelt. Bald folgte Beton.

Die Mauer verlief fortan sichtbar durch Straßen und Plätze – und unsichtbar durch Familien, Freundschaften und Lebenswege. Sie trennte nicht nur zwei Teile einer Stadt. Sie entschied darüber, wer einander besuchen, wo jemand studieren und arbeiten und auf welcher Seite eines Hauses ein Mensch aus dem Fenster blicken durfte.

Am 13. August 2026 erinnert Berlin an den Beginn des Mauerbaus vor 65 Jahren. Im Mittelpunkt des stadtweiten Sonderprogramms stehen die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße und ein temporärer Erinnerungsort auf dem Platz des 18. März vor dem Brandenburger Tor. Dabei wird die historische Mauer nicht einfach nachgebaut. Stattdessen geht es um unterschiedliche Blicke auf eine Grenze – und um die sichtbaren und unsichtbaren Mauern, die Menschen voneinander trennen.

Eine Wand, die sich mit dem Blick verändert

Dort, wo die Berliner Mauer einst das Brandenburger Tor abriegelte, steht vom 13. bis 16. August die rund 30 Meter lange und drei Meter hohe Installation „view“ des Künstlers Hubertus Hamm. Ihre 24 miteinander verbundenen Lamellenelemente bestehen aus einem teilweise durchlässigen Material. Je nach Standort, Blickwinkel und Lichteinfall erscheint die Wand nahezu geschlossen oder lässt Menschen und Umgebung dahinter schemenhaft hervortreten. Wer sich an ihr entlang bewegt, sieht dieselbe Fläche immer wieder anders.

Die Installation spielt mit Blickachsen, Orientierung und Perspektivwechseln. Menschen hinter der dunklen Fläche verschwinden beinahe vollständig und werden wenige Schritte später wieder erkennbar. Das Werk erinnert damit an die körperliche Präsenz der früheren Grenzanlagen, ohne sie aus Beton nachzubauen. Zugleich führt es über das historische Ereignis hinaus: Welche Mauern stehen heute sichtbar vor unseren Augen? Welche entstehen durch Abschottung, Angst und Vorurteile? Und welche tragen wir längst in unseren Köpfen?

Diese Gegenwartsfrage darf die historische Berliner Mauer nicht in eine beliebige Metapher verwandeln. Die Grenzanlagen der DDR waren kein Missverständnis zwischen zwei Seiten. Sie dienten dazu, Menschen an der Ausreise zu hindern, und wurden mit Waffengewalt gesichert. Mindestens 140 Menschen kamen an der Berliner Mauer ums Leben.

Die begleitende Open-Air-Ausstellung „Mauerblicke. Berlin 1961–1990“ zeigt historische Fotografien vom Alltag in der geteilten Stadt. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die mit der Mauer leben mussten: Menschen, die sie beobachteten, heimlich fotografierten, journalistisch dokumentierten oder bewachten. Kostenlose Führungen und mehrsprachige Guides helfen dabei, die unterschiedlichen Perspektiven einzuordnen.

140 Menschen, 140 Namen

An der Bernauer Straße beginnt der Jahrestag um 10 Uhr mit der zentralen Gedenkveranstaltung in der Kapelle der Versöhnung. Mitglieder der Familie Hildebrandt erzählen dort von ihrer Geschichte an diesem Ort. Pfarrer Helmut Hildebrandt leitete 1961 den letzten Gottesdienst in der damaligen Versöhnungskirche. Nach dem Mauerbau lag die Kirche unzugänglich im Grenzstreifen; 1985 ließ die DDR sie sprengen.

Helmut Hildebrandts Sohn Jörg konnte nach dem 13. August 1961 sein Studium an der Freien Universität Berlin nicht mehr fortsetzen. Wenig später wurde die Familie gezwungen, ihre Wohnung im Grenzgebiet zu verlassen. Solche persönlichen Geschichten machen verständlich, dass die Mauer nicht nur eine politische Grenze war. Sie griff unmittelbar in Biografien ein.

Von 13 bis 16.30 Uhr werden in der Gedenkstätte die Lebensgeschichten der Todesopfer gelesen. Die Reihe trägt den Titel „140 Menschen – 140 Namen“. Schauspielerinnen und Schauspieler, Mitarbeiter der Stiftung Berliner Mauer und weitere Mitwirkende erinnern auf Deutsch und Englisch an die einzelnen Menschen. Auch am Brandenburger Tor werden ab 18 Uhr Biografien verlesen. Jeder Name steht für ein eigenes Leben, eine Familie und Entscheidungen, die unter den Bedingungen der Teilung getroffen wurden.

Fotografien aus zwei Blickrichtungen

Um 17.30 Uhr treffen am Brandenburger Tor zwei besondere fotografische Perspektiven aufeinander. Christine Bartels lebte in einer Ost-Berliner Wohnung unmittelbar am Grenzstreifen und fotografierte heimlich aus ihren Fenstern. Als sie 1986 West-Berlin besuchen durfte, blickte sie von einer Aussichtsplattform an der Bernauer Straße auf ihr eigenes Wohnhaus zurück. In diesem Moment, berichtet sie, sei ihr die eigene Einmauerung besonders deutlich geworden.

Mahmoud Dabdoub kam 1981 aus dem Libanon zum Fotografiestudium nach Leipzig. Als ausländischer Student durfte er in den Westen reisen und fotografierte die Berliner Mauer von West-Berlin aus. Während der Friedlichen Revolution nahm er später an den Leipziger Protesten teil, verzichtete dort jedoch aus Sorge um seinen Aufenthaltsstatus auf das Fotografieren. Im Gespräch mit der Autorin und Moderatorin Marion Brasch begegnen sich damit zwei Seiten der Grenze und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen mit der DDR.

Geschichte in der Sprache zweier Gitarren

Auch die Musik an der Bernauer Straße erzählt Geschichte ohne Worte. Stefan Loos und Bernd Steinmann stehen seit mehr als 35 Jahren als Essener Gitarrenduo gemeinsam auf der Bühne. Ihre musikalische Welt reicht von Renaissance, Barock und Klassik bis zum Flamenco. Eine besondere Rolle spielt für beide die spanische Gitarre.

2019 begleiteten sie am Brandenburger Tor die offizielle Feier zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Ein Jahr später komponierte Bernd Steinmann während eines Künstlerstipendiums das Werk „13. August 1961 – Der Mauerbau“, das beide gemeinsam auf CD einspielten. Stücke wie „Der Mauerbau“, „Berlin“ und „Winkende Frauen“ übersetzen Abriegelung, Trennung und die Blicke über eine unerreichbar gewordene Grenze in die Sprache zweier Gitarren.

Am Jahrestag spielen Loos und Steinmann das Werk um 12.30, 15 und 17 Uhr in drei jeweils halbstündigen, kostenfreien Konzerten an der Gedenkstätte Berliner Mauer. Ihre Musik ersetzt weder Worte noch Zeitzeugenberichte. Sie öffnet einen anderen Zugang zu denselben Erinnerungen: Wo eine Biografie erzählt, was einem einzelnen Menschen geschah, kann Musik hörbar machen, was sich nur schwer aussprechen lässt.

Erinnerungen an den 13. August 1961

Den Abschluss des ersten Programmtages am Brandenburger Tor bildet um 19.30 Uhr ein Gespräch mit Jörg Hildebrandt und Renate Werwigk-Schneider. Hildebrandt berichtet von der Bernauer Straße, der Zwangsaussiedlung seiner Familie, seiner Wehrdienstverweigerung und einer späteren Haftstrafe. Werwigk-Schneider erzählt von zwei gescheiterten Fluchtversuchen. Nach dem ersten wurde sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt; nach einem weiteren Versuch an der bulgarisch-türkischen Grenze erneut inhaftiert. 1968 kaufte die Bundesrepublik sie frei.

So führt der Tag von der großen politischen Behauptung zu den konkreten Folgen: von Ulbrichts Dementi über Stacheldraht und Beton bis zu den Menschen, deren Lebenswege durch die Mauer verändert oder beendet wurden.

Die Installation vor dem Brandenburger Tor wird mit jedem Schritt durchsichtiger oder undurchdringlicher. Geschichte selbst verändert sich jedoch nicht mit dem Blickwinkel. Was sich verändern kann, ist unser Verständnis von ihr.

Eine sichtbare Mauer lässt sich niederreißen. Die unsichtbaren Mauern aus Angst, Feindbildern und Vorurteilen verschwinden nicht automatisch mit dem Beton. Vielleicht beginnt ihr Abbau damit, dass Menschen auf die andere Seite treten, einander wieder ansehen und den Geschichten zuhören, die dort erzählt werden.

Das Sonderprogramm „65 Jahre Mauerbau“ wird von Kulturprojekte Berlin und der Stiftung Berliner Mauer gemeinsam mit dem Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veranstaltet. Gefördert wird es durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und die LOTTO-Stiftung Berlin. Die Angebote am Brandenburger Tor und der überwiegende Teil des stadtweiten Programms sind kostenlos.