Ein Roboter in der Kirche, Haie in der Tiefe und KI in der Zukunft
Was haben ein kirchengängiger Roboter, Tiefseehaie und künstliche Intelligenz gemeinsam? Beim British Science Festival in Southampton führen sie alle zu derselben größeren Frage: Was machen wir mit dem Wissen und den Möglichkeiten, die Forschung uns gibt?
Heute Morgen lässt sich im Centenary Building der University of Southampton innerhalb einer Stunde zwischen drei ziemlich verschiedenen Zukunftsbildern wechseln. Um 10.30 Uhr erzählt der Meeresbiologe Daniel Moore von großen Tiefseehaien und davon, wie Klimawandel und menschliche Eingriffe ihren Lebensraum verändern. Um 11.30 Uhr berichtet der Ingenieur Andrew Blair von einem Roboter, den er in eine jahrhundertealte Kathedrale mitgenommen hat. Zur gleichen Zeit bauen Besucher in einem Workshop Modelle davon, wie eine Welt mit künstlicher Intelligenz einmal aussehen könnte.
So beginnt am 16. September das 195. British Science Festival. Mehr als 80 kostenlose Veranstaltungen verteilen sich bis Sonntag über Universität, Theater, Galerien und andere Orte in Southampton. Das Festival richtet sich besonders an junge Erwachsene zwischen 16 und 30 Jahren, die keine wissenschaftlichen Spezialisten sein müssen. Und in diesem Jahr haben erstmals Jugendliche aus Southampton selbst daran mitgearbeitet, welche Themen und Formate ins Programm kommen.
Eine Zukunft, die längst begonnen hat
Bei künstlicher Intelligenz fällt besonders auf, dass das Festival nicht so tut, als müsse man auf diese Zukunft erst noch warten. KI wird bereits benutzt – beim Schreiben, Suchen und Übersetzen, in Medizin und Forschung, in Bildern und Musik, in sozialen Netzwerken und zunehmend auch in persönlichen Gesprächen.
Deshalb verteilen sich die KI-Themen über mehrere Festivaltage. Antonia Marcu von der University of Southampton will erklären, was heutige KI-Modelle tatsächlich können, was ihnen fehlt und wie gut sich ihr Verhalten überhaupt vorhersagen lässt. Ein anderes Format beschäftigt sich mit Jugendlichen, Chatbots und digitalen Beziehungen. In einer Installation dürfen Besucher mithilfe generativer KI ihre Vorstellungen vom zukünftigen Southampton sichtbar machen. Und am Samstag diskutieren die Informatikerin Dame Wendy Hall und die BBC-Technikjournalistin Zoe Kleinman eine bemerkenswert einfache Frage: Für wen ist KI eigentlich da?
Damit wird aus der üblichen Frage „Ist KI gut oder gefährlich?“ etwas Interessanteres. Es geht um konkrete Entscheidungen: Wer bestimmt, wie sie eingesetzt wird? Was sollte sie übernehmen – und was nicht? Wie verändert sie Beziehungen, Arbeit, Medizin oder Kultur? Und was geschieht, wenn Menschen einem System Fähigkeiten zuschreiben, die es gar nicht besitzt?
Der Workshop „Building future worlds and AI“ am Mittwoch setzt genau dort an. Rory Miles von der University of Southampton und Matt Smith von der University of Portsmouth bitten die Besucher nicht um eine Prognose. Sie sollen selbst Modelle möglicher Zukunftswelten bauen. Später im Festival werden diese Entwürfe ausgestellt und weiterdiskutiert. Die Zukunft erscheint damit nicht als fertige technische Entwicklung, die irgendwann über die Menschen hereinbricht, sondern als etwas, an dessen Gestaltung sie beteiligt sind.
Was macht ein Roboter in einer Kirche?
Auch Andrew Blairs „Holy Motherboard!“ beginnt mit einer scheinbar absurden Situation. Der Forscher der University of Glasgow hat einen Roboter in eine jahrhundertealte Kathedrale gebracht und untersucht, was geschieht, wenn neue Technik auf einen Ort mit langer Tradition trifft. Beim Festival kann das Publikum den Roboter selbst kennenlernen.
Die Kirche ist dabei mehr als eine hübsche Kulisse. Menschen haben dort über Jahrhunderte Fragen nach Sinn, Verantwortung und ihrem eigenen Platz in der Welt gestellt. Nun rollt ein Roboter hinein. Plötzlich wird sehr anschaulich, dass neue Technik nicht in einem leeren Raum erscheint. Sie trifft auf Gewohnheiten, Erwartungen, Regeln und Vorstellungen davon, was menschlich ist.
In der Tiefe wartet die nächste Entscheidung
Southampton ist zugleich eine Hafen- und Forschungsstadt. Dort sitzen unter anderem das National Oceanography Centre und das Southampton Marine and Maritime Institute. Deshalb führt ein zweiter großer Themenstrang des Festivals unter die Wasseroberfläche.
Daniel Moore beschäftigt sich mit den größten Haien der Tiefsee und der Frage, was Klimawandel und menschliche Aktivitäten mit diesen langsam lebenden Tieren machen. Wenig später stellt Eva Stewart vom Natural History Museum ein anderes Dilemma vor: Auf dem Boden des Pazifiks liegen mineralische Rohstoffe, die für Technologien gebraucht werden könnten, mit denen sich fossile Energien ersetzen lassen. Ihr Abbau könnte jedoch Lebensräume beschädigen, über die wir noch erstaunlich wenig wissen.
Auch hier reicht es also nicht zu wissen, was technisch möglich ist. Man muss entscheiden, was man mit dieser Möglichkeit tun will – und welche Folgen man dafür in Kauf nimmt.
Wissenschaft endet nicht beim Ergebnis
Diese Idee zieht sich auffällig durch das Festival. Die Organisatoren wollten ausdrücklich nicht nur Vorträge für Menschen anbieten, die ohnehin schon von Wissenschaft begeistert sind. Viele Veranstaltungen sind Workshops, Performances, Installationen oder gemeinsame Experimente. Das Programm wurde zum Teil mit einem Jugendpanel von 16- bis 18-Jährigen aus Southampton ausgewählt. Deren Blick sollte helfen, Themen zu finden, die neu, relevant und verständlich wirken.
Am Abend des ersten Tages führt der Weg schließlich zurück zum Meer. Bei „The Ocean Remembers“ verbinden der Soundkünstler und Nature-Beatboxer Jason Singh und die Trompeterin und Komponistin Yazz Ahmed Musik, elektronische Klanglandschaften, Stimmen und Forschung aus dem Southampton Marine and Maritime Institute. Das Werk beschäftigt sich unter anderem mit Fischleben, Walen, Mikroplastik in Korallen und den langen maritimen Wegen des Menschen.
Damit endet ein Festivaltag, der morgens mit Haien, Robotern und Zukunftsmodellen begonnen hat, ziemlich passend: nicht mit einer endgültigen Antwort, sondern mit einer weiteren Möglichkeit, Forschung wahrzunehmen.
Die KI-Zukunft hat längst begonnen. Die Tiefsee verändert sich bereits. Roboter verlassen längst das Labor. Die interessantere Frage lautet deshalb nicht, was irgendwann möglich sein wird – sondern was wir mit dem anfangen wollen, was heute schon möglich ist.