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Europäische Kultur entdecken · 14. August 2026

Eine Leinwand für das Weiterleben: Sarajevo eröffnet sein Filmfestival

Aus einem Kellerkino im belagerten Sarajevo entstand eines der bedeutendsten Filmfestivals Südosteuropas. Am 14. August beginnt seine 32. Ausgabe mit einer Reise von Thomas und Erika Mann durch das zerstörte Deutschland von 1949.

Gezeichnete nächtliche Ansicht eines voll besetzten Freiluftkinos in Sarajevo; ein Lichtstrahl verbindet ein kleines Kellerkino mit der großen Leinwand unter dem offenen Himmel.
Vom Kellerkino unter den Sommerhimmel: Während der Belagerung bot ein improvisierter Vorführraum Schutz und geistige Freiheit. Heute versammelt das Sarajevo Film Festival Tausende Menschen unter freiem Himmel. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Während der Belagerung Sarajevos hätte wohl niemand das Kino zu den Dingen gezählt, die eine Stadt zum Überleben braucht. Benötigt wurden Wasser, Brot, Medikamente, Strom und ein Weg durch die Straßen, auf dem kein Scharfschütze freie Sicht hatte.

Doch eine Stadt besteht nicht nur aus Körpern, die versorgt werden müssen. Sie besteht auch aus Erinnerungen, Vorstellungen und der Fähigkeit, sich eine andere Zukunft auszumalen. Was geschieht mit ihr, wenn die Menschen aufhören, gemeinsam Geschichten zu sehen und zu erzählen?

In Sarajevo wurde diese Frage nicht in einem Essay beantwortet, sondern in einem Keller.

Ein Kino im belagerten Sarajevo

Von 1992 bis Anfang 1996 war die bosnische Hauptstadt nahezu vollständig eingeschlossen. Einheiten der bosnisch-serbischen Armee beschossen die Stadt von den umliegenden Höhen. Granaten trafen Wohnhäuser, Märkte und Warteschlangen. Scharfschützen nahmen Menschen ins Visier, während sie Wasser holten, eine Straße überquerten oder mit ihren Kindern unterwegs waren. Das UN-Kriegsverbrechertribunal stellte später fest, dass die Angriffe auf Zivilisten einer gezielten Kampagne dienten, die Bevölkerung in Angst zu versetzen.

Wasser, Strom und Heizung fielen immer wieder aus. Lebensmittel wurden knapp. Mehr als drei Jahre lang wurde der Alltag vom Wissen begleitet, dass ein Fenster, eine Kreuzung oder wenige Meter offener Straße tödlich sein konnten. Tausende Zivilisten wurden getötet und verletzt.

Mitten in dieser Stadt eröffnete das Obala Art Centar im Februar 1993 das „War Cinema Apollo“. Der Vorführraum befand sich im Keller der Akademie für Darstellende Künste. Ein Generator lieferte Strom, weil das öffentliche Netz meist ausgefallen war. Gezeigt wurden Filme von Videokassetten, die auf unterschiedlichen Wegen in die eingeschlossene Stadt gelangten.

Der Eintritt kostete symbolisch eine Zigarette. Bargeld hatte im belagerten Sarajevo kaum noch Bedeutung; Zigaretten waren zu einem Tauschmittel geworden.

Die Zuschauer mussten den Weg zum Kino dennoch zurücklegen. Sie verließen Keller und Wohnungen, liefen durch gefährdete Straßen und setzten sich gemeinsam vor eine Leinwand. Das Apollo war fast immer voll. Zwischen Februar 1993 und Dezember 1995 zeigte es Filmreihen, Retrospektiven und Programme internationaler Festivals.

Die Gefahr verschwand für die Dauer einer Vorführung nicht. Draußen blieb die Stadt belagert. Aber im dunklen Saal öffnete sich für einige Stunden ein Raum, den die Belagerer nicht vollständig kontrollieren konnten. Dort gab es andere Landschaften, andere Stimmen und Geschichten, deren Ende nicht bereits durch den Krieg festgelegt war.

Kino bedeutete in diesem Moment nicht Ablenkung von der Wirklichkeit. Es bedeutete, sich von ihr nicht auf die Rolle des Opfers reduzieren zu lassen.

Das erste Festival vor dem Ende des Krieges

Aus dem Kellerkino entstand 1995 das erste Sarajevo Film Festival. Damals war der Krieg noch nicht beendet. Das Friedensabkommen von Dayton wurde erst wenige Wochen später ausgehandelt.

Vom 27. Oktober bis zum 7. November liefen im Bosnischen Kulturzentrum 37 Filme aus 15 Ländern. Die wichtigsten Beiträge konnten auf 35-Millimeter-Film gezeigt werden, andere weiterhin nur auf Videokassette. Etwa 15.000 Menschen kamen – in einer Stadt, die noch immer unter den Folgen der Belagerung lebte.

Das Festival war kein Zeichen dafür, dass alles wieder gut geworden war. Gerade darin liegt seine Bedeutung. Es wurde nicht nach dem Krieg gegründet, als man bereits wusste, dass die Stadt überlebt hatte. Es entstand in einem Augenblick, in dem diese Zukunft noch keineswegs sicher erschien.

Die Initiatoren um das Obala Art Centar wollten mit Filmen den zivilen und kosmopolitischen Geist Sarajevos bewahren. Sie wandten sich damit gegen die Vorstellung, Menschen ließen sich ausschließlich nach Herkunft, Religion oder vermeintlicher Volkszugehörigkeit ordnen.

Aus dieser Initiative ist ein Festival hervorgegangen, das heute jährlich mehr als 100.000 zahlende Besucher erreicht und zu den wichtigsten Treffpunkten der Filmbranche in Südosteuropa gehört. Doch seine Herkunft ist noch immer spürbar: in der Aufmerksamkeit für Geschichten aus Regionen, über die außerhalb ihrer Grenzen häufig nur dann gesprochen wird, wenn dort ein Krieg beginnt.

Vom Kellerkino unter den Sommerhimmel

Heute besitzt das Festival keinen einzelnen Austragungsort. Seine Leinwände verteilen sich über Sarajevo: vom Nationaltheater am Ufer der Miljacka bis zum großen Freiluftkino mit rund 3.000 Plätzen und zu kleineren Kinos in verschiedenen Stadtteilen. Was 1993 in einem geschützten Keller begann, ist damit in den öffentlichen Raum zurückgekehrt. Die Menschen sitzen nicht mehr verborgen vor der Leinwand. Sie sehen die Filme gemeinsam unter dem offenen Sommerhimmel.

Thomas und Erika Mann kehren zurück

Die 32. Ausgabe des Sarajevo Film Festivals beginnt am Freitag, dem 14. August, mit der internationalen Premiere von Paweł Pawlikowskis Film „Fatherland“. Der polnische Regisseur erhielt dafür im Frühjahr in Cannes den Preis für die beste Regie und wird den Film in Sarajevo persönlich vorstellen.

Pawlikowski folgt darin Thomas Mann und dessen Tochter Erika durch das Deutschland des Jahres 1949. Die beiden fahren in einem schwarzen Buick von Frankfurt am Main, das in der amerikanischen Besatzungszone liegt, nach Weimar in der sowjetischen Zone. Zwischen den Städten liegen Ruinen – und ein Land, das sich wenige Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft bereits in zwei politische Systeme teilt.

Thomas Mann dürfte vielen Erwachsenen als Autor von „Buddenbrooks“, „Der Zauberberg“ oder „Mario und der Zauberer“ vertraut sein. 1929 erhielt er den Literaturnobelpreis. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten blieb er im Exil und lebte schließlich in den Vereinigten Staaten. Von dort wandte er sich während des Krieges in Rundfunkansprachen an die Deutschen.

Erika Mann war weit mehr als die Tochter eines berühmten Schriftstellers. Sie war Schauspielerin, Journalistin und politische Publizistin. Mit dem Kabarett „Die Pfeffermühle“ verspottete sie früh die Nationalsozialisten. Das Regime entzog ihr die deutsche Staatsangehörigkeit. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete sie als Korrespondentin; 1945 und 1946 berichtete sie aus Europa und beobachtete als einzige Frau die Nürnberger Prozesse.

Im Film wird Thomas Mann von Hanns Zischler gespielt, Erika Mann von Sandra Hüller. Zum Ensemble gehören außerdem August Diehl und Devid Striesow.

Die Reise des Jahres 1949 ist mehr als die Heimkehr eines Schriftstellers. Thomas Mann begegnet einem Land, das ihn feiern möchte, obwohl viele Deutsche seine Warnungen vor Hitler einst abgelehnt oder ignoriert hatten. Er soll in Frankfurt geehrt werden und fährt anschließend zur Goethefeier nach Weimar. Damit überschreitet er schon vor der formellen Gründung beider deutscher Staaten die Linie, an der sich der Kalte Krieg verhärtet.

Erika begleitet ihn nicht nur als Tochter. Sie kennt die zerstörten Städte aus eigener Anschauung, hat über den Krieg und seine Verbrechen berichtet und drängt ihren Vater immer wieder zu politischer Klarheit. Zwischen beiden liegen Nähe, Abhängigkeit und Widerspruch. Zwischen ihnen liegt auch die Frage, wem ein Land gehört: denen, die geblieben sind, oder ebenso denen, die es verlassen mussten, weil sie verfolgt wurden?

Dass Sarajevo sein Festival gerade mit diesem Film eröffnet, wirkt beinahe folgerichtig. Eine Stadt, die selbst zerstört, belagert und nach ethnischen Kategorien aufgeteilt werden sollte, blickt auf ein anderes Land nach einem verlorenen Krieg. Beide Geschichten sind nicht gleichzusetzen. Doch sie berühren dieselbe schwierige Frage: Wie lebt eine Gesellschaft nach einer Katastrophe mit ihrer Vergangenheit weiter, ohne sie zu verschweigen oder für die Gegenwart zu missbrauchen?

Filme aus einer Region, die nicht an Grenzen endet

In diesem Jahr konkurrieren 51 Filme um die „Herzen von Sarajevo“. Neben Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und Studentenfilmen gehören Kinder- und Jugendprogramme ebenso zum Festival wie die Reihe „Dealing with the Past“. Sie beschäftigt sich ausdrücklich mit der Frage, wie Film Erinnerung bewahren und Gespräche über Gewalt, Verantwortung und Verdrängung ermöglichen kann.

Der mexikanische Schauspieler und Regisseur Diego Luna wird mit einem Ehrenherz von Sarajevo ausgezeichnet. Dem iranischen Filmemacher Asghar Farhadi ist eine Retrospektive gewidmet. Den Vorsitz der Spielfilmjury übernimmt die britische Schauspielerin Emily Watson.

Wichtiger als die Namen einzelner Gäste ist jedoch die Landkarte, die im Programm sichtbar wird. Produktionen aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien, Kosovo, Albanien, Slowenien, Rumänien und weiteren Ländern begegnen einander nicht in voneinander abgeschlossenen nationalen Schubladen. Viele Filme entstehen als Gemeinschaftsproduktionen über heutige Grenzen hinweg.

Das serbisch-kroatische Projekt „Yugo Goes to America“ ist ein Beispiel dafür. Der Dokumentarfilm „We Shall Live Together“ richtet den Blick auf Mostar und auf Menschen, die sich dort gegen Nationalismus und die fortdauernde Teilung der Stadt stellen. Auch die Nachwuchsprogramme des Festivals verbinden Filmschaffende aus Sarajevo, Zagreb, Belgrad und anderen Orten miteinander.

Solche Zusammenarbeit löst keine politischen Konflikte. Aber sie widerspricht der Vorstellung, die Geschichten der Region ließen sich säuberlich voneinander trennen.

Frieden ist nicht dasselbe wie Versöhnung

Drei Jahrzehnte nach dem Krieg sind aus den damaligen Gegnern nicht einfach Freunde geworden.

Das Abkommen von Dayton beendete 1995 die Kämpfe. Zugleich schrieb es eine komplizierte, weitgehend ethnisch gegliederte Staatsordnung fest. Bosnien und Herzegowina besteht seither aus der Föderation Bosnien und Herzegowina, der Republika Srpska und dem Sonderverwaltungsgebiet Brčko. Politische Ämter, Vetorechte und Zuständigkeiten folgen vielfach der Zuordnung zu den drei sogenannten konstituierenden Völkern.

Diese Ordnung sicherte zunächst den Frieden. Sie trägt aber auch einen Teil der Trennung weiter. Schulen vermitteln unterschiedliche Geschichtsbilder. Manche Kriegsverbrechen werden relativiert oder geleugnet. Nationalistische Politiker halten Misstrauen wach, weil es ihnen Macht verschafft. Rückkehr, Eigentum und Erinnerung bleiben in vielen Orten umkämpft.

Auch 2026 beschreibt der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina die Sicherheitslage als stabil, aber fragil. Sezessionistische Drohungen und nationalistische Rhetorik zeigen, dass der Krieg politisch noch immer nicht vollständig vergangen ist.

Deshalb wäre es zu bequem, das Sarajevo Film Festival als Geschichte vollendeter Versöhnung zu erzählen. Ein gemeinsamer Filmabend hebt keine Verfassung auf. Eine Koproduktion beseitigt nicht das Leid der Überlebenden. Und die Pflicht zur Verständigung darf niemals bedeuten, Täter und Opfer gleichzusetzen oder Verantwortung unkenntlich zu machen.

Doch ebenso falsch wäre die Behauptung, zwischen den Gesellschaften gebe es nur Feindschaft.

Menschen reisen wieder über die Grenzen, arbeiten zusammen, verlieben sich, streiten miteinander und drehen Filme. Junge Regisseurinnen und Regisseure, die den Krieg nicht selbst erlebt haben, erben seine Folgen, aber nicht zwangsläufig seine Frontlinien. Sie erzählen von Familien, in denen mehrere Zugehörigkeiten zusammenkommen, von Städten mit widersprüchlichen Erinnerungen und von einer Generation, die sich nicht dauerhaft auf die Entscheidungen ihrer Eltern und Großeltern festlegen lassen will.

Auf den Leinwänden und hinter den Kulissen des Festivals entsteht deshalb eine andere Landkarte. Keine ohne Grenzen und keine ohne Wunden. Aber eine, auf der Sarajevo, Zagreb, Belgrad, Ljubljana, Skopje, Pristina und Podgorica nicht nur als Hauptstädte getrennter Staaten erscheinen, sondern als Orte eines gemeinsamen filmischen Gesprächs.

Nebeneinander vor der Leinwand

Das Sarajevo Film Festival begann in einer belagerten Stadt, deren Bewohner einander im Dunkel eines Kellerkinos nebeneinander saßen. Sie konnten den Krieg dort draußen nicht beenden. Sie konnten nicht wissen, wann der Strom ausfallen oder ob sie sicher nach Hause gelangen würden.

Aber sie entschieden, dass es weiterhin Bilder geben sollte, die nicht von den Belagerern stammten. Sie bestanden darauf, Zuschauer, Künstler und Bürger zu bleiben.

Heute kommen internationale Stars über den roten Teppich. Filme feiern ihre Premieren, Preise werden verliehen und neue Produktionen verabredet. Das Festival ist professioneller, größer und glänzender geworden. Unter diesem Glanz liegt jedoch noch immer die Erinnerung an einen Generator, einige Videokassetten und Menschen, die für einen Kinobesuch ihr Leben riskierten.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Kraft dieses Festivals. Es behauptet nicht, dass alle Mauern verschwunden seien. Es stellt eine Leinwand auf, vor der Menschen von verschiedenen Seiten wieder nebeneinandersitzen können.