Tatort Museum: Berlin sucht eine Nacht lang nach Spuren
Fälschungen, Fossilien, Schwarzmarkt und beschlagnahmte Kunst: Bei der Langen Nacht der Museen wird Berlin heute zum riesigen Ermittlungsraum. Doch was kann ein Museumsobjekt eigentlich über ein Verbrechen erzählen?
Heute Abend wird in Berlin ermittelt.
Nicht nur in einem Polizeirevier und nicht nur an einem Tatort. In 75 Museen, Ausstellungshäusern, Gedenkstätten und anderen Kulturorten beginnt um 18 Uhr eine Spurensuche, die bis zwei Uhr nachts dauern soll.
Die 44. Lange Nacht der Museen steht unter dem Motto „Crime in Berlin“. Mehr als 750 Veranstaltungen beschäftigen sich mit Fälschungen, Diebstahl, Schwarzmarkt, Gewalt, Cybercrime und der Frage, was Gegenstände über ein Verbrechen erzählen können.
Das klingt zunächst nach Krimi.
Aber manche der interessantesten Ermittler dieser Nacht tragen keinen Dienstausweis.
Sie arbeiten in Museen.
Wenn eine Farbe den Fälscher verrät
Im Bode-Museum kann ein winziges Detail darüber entscheiden, ob ein Kunstwerk Millionen wert ist – oder Teil eines Betrugs.
Dort sprechen heute René Allonge von der Abteilung Kunstdelikte des Berliner Landeskriminalamts und Stefan Simon vom Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen über echte Fälle von Kunstraub und Fälschung.
Einer davon führte zu Wolfgang Beltracchi, einem der bekanntesten Kunstfälscher Deutschlands.
Der entscheidende Hinweis lag nicht in einer spektakulären Verfolgungsjagd.
Er steckte in der Farbe.
Bei der Untersuchung vermeintlich alter Gemälde fanden Wissenschaftler Pigmente, die zur behaupteten Entstehungszeit der Bilder noch gar nicht erhältlich waren.
Ein Gemälde kann also selbst zum Zeugen werden.
Es muss nur jemand wissen, wonach man suchen muss.
Ganz in der Nähe geht die Spurensuche noch weiter zurück. Im Münzkabinett liegen echte Münzen neben Fälschungen. Falschgeld gibt es beinahe so lange wie geprägtes Geld selbst, und seit Jahrhunderten werden auch Sammlerstücke nachgemacht.
Unter dem Mikroskop, im Material oder an den Werkzeugspuren können Unterschiede sichtbar werden, die ein ungeübtes Auge vielleicht nie bemerkt hätte.
Ein Tatort, der Millionen Jahre alt ist
Ein paar Kilometer weiter wartet ein Fall, bei dem jeder menschliche Täter als Verdächtiger ausscheidet.
Im Museum für Naturkunde werden Fossilien zu Beweismitteln.
Bissspuren, beschädigte Knochen und andere Veränderungen können verraten, was vor Millionen Jahren geschehen ist. Wer hat hier gefressen? Was geschah mit einem Tier nach seinem Tod? Und welche Schäden entstanden vielleicht erst viel später?
Die Führung trägt passend dazu den Titel „Tatort Urzeit“.
Plötzlich sieht ein Fossil nicht mehr nur wie ein alter Knochen aus.
Es ist eine Spur.
Und die Aufgabe der Forschenden ähnelt erstaunlich stark der Arbeit von Ermittlern: beobachten, vergleichen, Möglichkeiten ausschließen und aus wenigen erhaltenen Hinweisen eine Geschichte rekonstruieren.
Kann auch die Zukunft ein Tatort sein?
Das Futurium dreht die Richtung um.
Dort führen die Spuren nicht in die Vergangenheit, sondern nach vorn.
Bei „Tatort Zukunft“ werden Geräte, Krankheiten und die Folgen unseres Wohlstands zu verdächtigen Fällen. Besucherinnen und Besucher sollen herausfinden, welche Probleme entstehen könnten und welche Entscheidungen verhindern können, dass aus einer Entwicklung tatsächlich ein zukünftiger „Tatort“ wird.
Damit bekommt das Wort Ermittlung plötzlich eine andere Bedeutung.
Normalerweise suchen Ermittler nach etwas, das bereits geschehen ist.
Hier geht es darum, Hinweise rechtzeitig zu erkennen, bevor etwas geschieht.
Vielleicht ist das sogar die ungewöhnlichste Form der Spurensuche dieser Nacht.
Wenn der Staat selbst zum Täter wird
Doch „Crime“ bleibt in Berlin nicht überall spielerisch.
Im Schloss Schönhausen geht es um Kunstwerke, die während der nationalsozialistischen Herrschaft als „entartet“ diffamiert und aus deutschen Museen beschlagnahmt wurden.
Ein Teil dieser Werke wurde anschließend im Schloss gelagert.
Hier führt die Frage nach einem Verbrechen also nicht zu einem einzelnen Dieb oder Fälscher. Sie führt zu einem Staat, der bestimmte Kunst aus Museen entfernen ließ, Künstler verfolgte und entschied, welche Werke öffentlich sichtbar sein durften.
Auch solche Geschichten gehören in ein Museum.
Denn ein Gegenstand kann nicht nur zeigen, wie Menschen früher gelebt haben.
Manchmal zeigt seine Geschichte auch, wer Macht hatte, wer sie missbrauchte – und was anderen genommen wurde.
Museen voller Verdächtiger
Natürlich darf in dieser Nacht auch gespielt werden.
Im Deutschlandmuseum lässt sich ausprobieren, welche Waren auf dem Schwarzmarkt der Nachkriegszeit besonders wertvoll waren. Im Museum für Kommunikation können Familien Phantombilder zeichnen, Geheimnachrichten entschlüsseln und einem verschwundenen Telefon nachspüren.
Andere Museen machen ihre eigenen Sammlungen verdächtig.
Antike Skulpturen erzählen von Mord, Gewalt und Macht. Musikinstrumente führen zu illegalen Kopien, Skandalen und merkwürdigen Gerüchten. Selbst historische medizinische Instrumente können als „Tatzeugen“ betrachtet werden.
So wird aus einem gemeinsamen Motto keine einzige große Kriminalgeschichte.
Es entstehen Hunderte kleine Fälle.
Warum ausgerechnet Museen?
Vielleicht passt „Crime in Berlin“ gerade deshalb so gut zur Langen Nacht der Museen.
Museen sammeln Dinge.
Aber Dinge kommen nicht ohne Geschichte in eine Vitrine.
Wer hat sie hergestellt?
Wem gehörten sie?
Wie gelangten sie hierher?
Sind sie echt?
Was wurde mit ihnen getan?
Und manchmal sogar: Dürften sie überhaupt hier sein?
Das sind Fragen, die Forschende ohnehin stellen müssen.
Heute Abend klingen sie nur ein wenig mehr nach Kriminalfall.
Von 18 Uhr bis zwei Uhr können Besucherinnen und Besucher zwischen den teilnehmenden Häusern wechseln; ein Shuttle-Angebot verbindet verschiedene Standorte.
Wer dabei nur einen unterhaltsamen Krimi sucht, wird ihn wahrscheinlich finden.
Wer genauer hinsieht, entdeckt aber etwas anderes:
Ein Museum ist voller Spuren.
Manche liegen seit Millionen Jahren dort.
Manche wurden absichtlich verwischt.
Und manche warten vielleicht nur darauf, dass jemand die richtige Frage stellt.