The LIT does D&D
28 Jugendliche planen in Waterford ihr eigenes Literaturfestival. Sie wählen Gäste aus, entwickeln Veranstaltungen und führen sie selbst durch. „The LIT does D&D“ ist eine dieser Ideen. Von Jugendlichen für Jugendliche – Nachahmen empfohlen.
Du hast eine Idee für ein Literaturfestival: drei Stunden Dungeons & Dragons. Figuren erfinden, eine Welt bauen, gemeinsam eine Geschichte entstehen lassen. Jetzt musst du nur noch jemanden davon überzeugen, dass das wirklich auf ein Literaturfestival gehört.
In Waterford könnte die Antwort ziemlich kurz ausfallen: Warum eigentlich nicht?
Beim Jugendfestival The Lit bestimmen in diesem Jahr 28 Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren mit, was auf dem Programm steht. Sie wählen Gäste aus, entwickeln Veranstaltungen und führen das Festival mit durch. Eine von ihnen ist Gray Kennedy Rowe. Gray beschreibt die Rolle der Jugendlichen ausdrücklich als alles andere als symbolisch: Sie bauen das Festival tatsächlich mit auf. Und eine eigene Idee steht inzwischen im Programm: „The Lit does D&D“ – drei Stunden Rollenspiel in der Waterford City Library.
Von Jugendlichen für Jugendliche
Heute beginnt The Lit mit seiner Gala. Es gibt Geschichten und Gedichte, ein Gespräch mit dem Spoken-Word-Künstler Mikey Cullen und den Ollie Award for Artistic Citizenship. Danach folgen drei Tage mit Workshops, Gesprächen, einer offenen Bühne und Veranstaltungen, die von jungen Menschen nicht nur besucht, sondern mitgestaltet werden.
Das klingt zunächst nach einem Literaturfestival. Interessanter wird es, wenn man fragt, wer entschieden hat, was dort stattfinden soll.
The Lit entstand 2017 aus der Jugendarbeit von Waterford Youth Arts. Inzwischen gehört es zum Konzept, Jugendliche nicht nur einzuladen, sondern ihnen Entscheidungen zu überlassen. Die diesjährige Gruppe ist sogar die größte in der Geschichte des Festivals. Erwachsene verschwinden deshalb nicht. Im offiziellen Programm stellen die Jugendlichen sie augenzwinkernd als „the adults“ vor – als diejenigen, die E-Mails beantworten und Snacks kaufen. Schon diese kleine Rollenbeschreibung sagt einiges darüber, wer hier im Mittelpunkt stehen soll.
Gehört D&D zur Literatur?
Am Samstag lautet die Antwort darauf ziemlich eindeutig: ja.
Bei „The Lit does D&D“ geht es zunächst darum, wie eine Kampagne aufgebaut wird. Danach beginnt das Abenteuer. Das ist gar nicht so weit vom Schreiben entfernt, wie es zunächst klingt. Eine Figur braucht Eigenschaften und eine Vergangenheit. Eine Welt braucht Regeln. Entscheidungen verändern die Handlung. Nur steht die Geschichte nicht schon fertig in einem Buch. Mehrere Menschen erzählen sie gemeinsam weiter.
Dass ausgerechnet diese Veranstaltung von einer jungen Co-Organisatorin stammt, passt dazu. Gray erzählt, eher ängstlich in das Projekt gekommen zu sein und selbstbewusster werden zu wollen. Nun gehört eine eigene Idee zum öffentlichen Festivalprogramm. Wie sie intern vorgeschlagen, diskutiert und beschlossen wurde, wissen wir nicht. Dass sie am Samstag von 14 bis 17 Uhr in der Stadtbibliothek stattfindet, schon. Das ist mehr als die Erlaubnis, irgendwo mitzumachen. Jemandem Verantwortung zu geben heißt schließlich auch, ihm die Möglichkeit zu geben, mit einer eigenen Idee etwas zu erreichen.
Und wo ist der Goldtopf?
Bei „Mythmaking in Modern Ireland“ geht es darum, was passiert, wenn alte Figuren in neuen Geschichten weiterleben. Ruth Ennis macht das in „Shorelines“ ganz bewusst. Ihre Meerjungfrau Muireann flieht aus einem Meer, das von der Klimakrise schwer geschädigt ist. Nahrung wird knapp, ihre Zwillingsschwester stirbt in einem Fischernetz. An Land begegnet Muireann menschlicher Grausamkeit und Bodyshaming. Ein alter Erzählstoff bekommt Probleme der Gegenwart.
Ellen Ryan blickt aus einer anderen Richtung auf überlieferte Geschichten. In „They Called Us Witch“ erzählt sie von zehn realen Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, denen Magie zugeschrieben wurde – Heilerinnen, Seherinnen, Priesterinnen und andere Frauen, die sich Unterdrückung widersetzten. Auch hier geht es darum, wie wir alte Erzählungen heute betrachten und wen wir darin erkennen.
Und wenn wir schon in Irland sind: Wo bleibt eigentlich der Goldtopf am Ende des Regenbogens?
Der Leprechaun ist tatsächlich eine alte Figur der irischen Erzähltradition. Doch wenn du dir gerade einen kleinen Mann mit rotem Bart, grünem Anzug und Goldtopf unter dem Regenbogen vorgestellt hast, bist du bereits bei einer moderneren Fassung gelandet.
Ältere Überlieferungen kennen den Leprechaun unter anderem als einzelgängerischen Schuhmacher und verbinden ihn durchaus mit verborgenem Gold. Selbst einen Goldtopf müssen wir ihm nicht wegnehmen: In der irischen Schools’ Collection findet sich beispielsweise eine Erzählung über einen gefangenen Leprechaun und einen versteckten Topf voll Gold. Nur das heute so vertraute Gesamtbild ist nicht unverändert uralt. Im 19. Jahrhundert wurde der Leprechaun häufig rot statt grün gekleidet beschrieben. Der fröhliche grüne Kerl am Ende des Regenbogens wurde vor allem durch Darstellungen des 20. Jahrhunderts populär.
Damit zeigt ausgerechnet der Leprechaun ziemlich gut, worum es beim Mythmaking gehen kann: Eine alte Figur verschwindet nicht, wenn Menschen sie neu erzählen. Aber nach genügend Neuerzählungen kann die neue Version irgendwann aussehen, als wäre sie schon immer da gewesen.
Zwischen zwei Sprachen und einer lebenden Wand
Auch anderswo wird Literatur in Waterford ziemlich weit gefasst. Joanne McCarthy schreibt auf Irisch und Englisch. Beim „Spark Open Mic“ kommen junge Stimmen selbst auf die Bühne. Kinder und Jugendliche können sich bei der „Clinic Leabhair“ von Children’s Books Ireland Bücher empfehlen lassen. Und dann gibt es noch eine „Living Poetry Wall“, eine lebende Gedichtwand.
Was genau diese Wand lebendig macht, verrät das veröffentlichte Programm allerdings nicht. Also erfinden wir es auch nicht. Das passt eigentlich ganz gut zu einem Festival, bei dem Geschichten nicht immer schon fertig sein müssen.
Wenn sich Verantwortung lohnt
Man kann Jugendlichen sagen, dass sie Verantwortung übernehmen sollen. Man kann ihnen aber auch etwas geben, für das es sich lohnt, Verantwortung zu übernehmen.
Dazu gehört mehr als Lob. Wer eine Idee entwickelt, Zeit hineinsteckt und dafür einsteht, sollte zumindest die Möglichkeit bekommen, damit einen kleinen oder großen Achtungserfolg zu erzielen. Nicht jede Idee muss funktionieren. Nicht jeder Vorschlag muss angenommen werden. Gerade das gehört zu echter Verantwortung.
The Lit liefert dafür keine fertige Gebrauchsanweisung. Wir wissen beispielsweise nicht, wie die 28 Jugendlichen ihre Entscheidungen untereinander treffen. Wir können aber sehen, was am Ende öffentlich daraus geworden ist: ein Festivalprogramm, in dem eine Meerjungfrau auf die Klimakrise trifft, alte Geschichten neu betrachtet werden und aus der Idee einer Jugendlichen drei Stunden Dungeons & Dragons in der Stadtbibliothek werden.
„Du darfst mitmachen“ ist ein Anfang. „Du darfst mitentscheiden“ geht weiter. Und richtig interessant wird es, wenn jemand anschließend auf das Ergebnis schaut und nicht mehr fragt: „Wer hat euch dabei geholfen?“, sondern: „Wie habt ihr das gemacht?“