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Europäische Kultur entdecken · 28. August 2026

Vier Wege, eine Stadt: Heerlen lässt seine Geschichte durch den Himmel ziehen

Vier farbige Umzüge, riesige Wesen über den Straßen und ein Kind, das aus einem Staubhügel erscheint: Mit „From Black to Rainbow“ eröffnet Heerlen heute die 35. Ausgabe von Cultura Nova.

Illustration der Eröffnung von Cultura Nova in Heerlen: Vier farbig gekennzeichnete Menschengruppen ziehen mit Laternen und Fahnen aufeinander zu. Über ihnen schweben eine riesige Schildkröte, ein Drache und zwei Echsenfiguren; in der Mitte erscheint YUNI, während im Hintergrund die industrielle Vergangenheit Heerlens angedeutet ist.
Vier Wege, vier Farben, eine Stadt: In Heerlen führen die Umzüge mit ihren riesigen Totemtieren gemeinsam zu YUNI. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Heute Abend lohnt es sich in Heerlen, nach oben zu schauen.

Aus vier Richtungen ziehen Menschen durch die niederländische Stadt. Eine Gruppe trägt Grün, eine Rot, eine Blau und eine Orange. Über ihren Köpfen schweben riesige Wesen: eine Schildkröte, ein Drache und gewaltige Echsen. Alle vier Wege führen zum selben Ort.

So beginnt am 28. August die 35. Ausgabe des Festivals „Cultura Nova“ – nicht auf einer Bühne hinter verschlossenen Türen, sondern mitten in Heerlen. Die französische Straßentheatergruppe Plasticiens Volants hat für die Stadt eine eigene Eröffnungsinszenierung entwickelt: „From Black to Rainbow“.

Vier Farben, vier Wesen

Um 19.30 Uhr brechen die vier Umzüge auf.

Von einem Ausgangspunkt kommt Adnoa, eine riesige Schildkröte, die symbolisch die Welt auf ihrem Rücken trägt. Ein anderer Zug wird vom Drachen Hippo-guanodon begleitet, einem merkwürdigen Wesen zwischen Tier und Pflanze. Dazu kommt die Riesenechse Ouarane.

Und von der Rückseite des Theaters Heerlen startet Saurien – früher unter dem Namen „Godzilla“ bekannt und inzwischen selbst ein Stück Cultura-Nova-Geschichte.

Die Tiere schweben nicht einfach als fertige Festivaldekoration über den Straßen. Ihre Muster wurden gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern aus Heerlen-Noord und Heerlen-Zuid gestaltet und bemalt.

Damit trägt jeder der riesigen Begleiter etwas von der Stadt selbst mit sich.

Die Zuschauer können sogar Teil des Bildes werden. Wer sich einer Route anschließt, ist eingeladen, Kleidung in deren Farbe zu tragen.

Für einen Abend bewegt sich Heerlen also tatsächlich in vier Farben aufeinander zu.

Wenn aus Staub ein Kind erscheint

Doch die vier Umzüge sind nur der Anfang.

Wenn es dunkler wird und die Figuren am Maankwartier zusammentreffen, verändert sich die Geschichte.

Aus einem spiralförmigen Hügel aus Staub erscheint YUNI, ein Kind.

YUNI steht für das, was vorher über verschiedene Straßen aufeinander zugelaufen ist: für die Verbindung zwischen Nord und Süd, Vergangenheit und Zukunft, Erinnerung und Veränderung.

Und nun kehrt mit diesem Kind nach und nach die Farbe zurück.

Was zunächst dunkel und beinahe leblos wirkt, beginnt sich zu verwandeln. Die Schornsteine, die Figuren und schließlich selbst der Himmel werden Teil der Inszenierung.

Das klingt wie ein Märchen.

Aber die Geschichte, die dahinterliegt, gehört ganz real zu Heerlen.

Zwei Schornsteine, die nicht mehr stehen

Vor 50 Jahren verschwanden zwei Bauwerke, die lange die Silhouette der Stadt geprägt hatten: die gewaltigen Zechenschornsteine Lange Jan und Lange Lies.

Heerlen und die gesamte Region Südlimburg waren eng mit dem Bergbau verbunden. Mit dessen Ende verschwanden nicht nur Arbeitsplätze und Industrieanlagen. Eine Stadt musste auch überlegen, was nach dieser Vergangenheit kommen sollte.

Cultura Nova greift diese Erinnerung heute wieder auf.

Die beiden Schornsteine erscheinen in der Inszenierung als Zeichen der industriellen Geschichte. Aber „From Black to Rainbow“ bleibt nicht bei der Vergangenheit stehen. Gerade YUNI soll die Verbindung zu einer Stadt herstellen, die sich verändert hat und weiter verändert.

Aus Schwarz wird Farbe.

Aus verschiedenen Wegen wird ein gemeinsamer Ort.

Und aus der Erinnerung an das, was verschwunden ist, entsteht die Frage, was als Nächstes kommen kann.

Der Himmel wird zur Bühne

Für diese Geschichte hat Heerlen Künstler eingeladen, die mit normalen Theaterbühnen ohnehin wenig anfangen können.

Die französische Gruppe Plasticiens Volants arbeitet mit riesigen aufblasbaren Figuren, die über Straßen und Plätze schweben. Seit Jahrzehnten verwandelt das Ensemble öffentliche Räume in Theater.

Die Gruppe beschreibt den Himmel selbst als ihren schönsten Bühnenraum.

Das hat noch einen anderen Vorteil: Ihre Geschichten brauchen kaum eine gemeinsame Sprache. Eine Schildkröte, die über den Köpfen einer Menschenmenge schwebt, muss nicht erst übersetzt werden.

Kinder sehen vielleicht zuerst ein riesiges Fabelwesen.

Andere erkennen darin ein Symbol.

Und wer die Geschichte Heerlens kennt, entdeckt zwischen den Figuren auch zwei alte Schornsteine.

Alle können dieselbe Aufführung sehen – und trotzdem etwas anderes darin finden.

Zehn Tage Kultur beginnen auf der Straße

Mit diesem Abend beginnt ein Festival, das anschließend zehn Tage lang die gesamte Parkstad-Region bespielt.

Cultura Nova zeigt visuelles und körperliches Theater, Zirkus und Installationen, Tanz, Musik, Film, Architektur und bildende Kunst. Internationale Gruppen treten neben Künstlerinnen und Künstlern aus der Region auf.

Vielleicht erklärt gerade die Eröffnung ziemlich gut, worum es dabei geht.

Vier Gruppen können aus unterschiedlichen Richtungen kommen.

Sie müssen nicht dieselbe Farbe tragen.

Sie müssen nicht einmal dieselbe Geschichte mitbringen.

Und trotzdem können ihre Wege am Ende zusammenführen.

Heute Abend braucht Heerlen dafür keine lange Rede.

Es lässt einfach vier riesige Wesen durch den Himmel ziehen.

Und wartet darauf, dass aus dem Staub ein Kind erscheint.