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Europäische Kultur entdecken · 31. August 2026

Warum steht ein Nashorn in einer Kirche?

In der Nikolaikirche in Zeitz versperrt ein riesiges weißes Nashorn den Weg. Die Installation von Itamar Gov führt von Albrecht Dürers berühmtem Holzschnitt bis zu Eugène Ionescos Theaterstück – und zu der Frage, wie Bilder und Mitläufertum unsere Vorstellung von Wirklichkeit verändern.

Gezeichnete Ansicht der Nikolaikirche in Zeitz mit einem riesigen weißen Nashorn, das frontal den Mittelgang versperrt. Links ist Albrecht Dürers Nashorn zu sehen, rechts verwandeln sich menschliche Figuren nach und nach in Nashörner.
Ein Nashorn, an dem man nicht einfach vorbeikommt: Itamar Gov verbindet in Zeitz ein überlebensgroßes Tier mit Dürers berühmtem Holzschnitt und Ionescos Geschichte vom Mitlaufen. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Wer in diesen Tagen die Nikolaikirche in Zeitz betritt, steht plötzlich vor einem ziemlich ungewöhnlichen Hindernis: einem überlebensgroßen weißen Nashorn.

Es steht mitten im Kirchenraum und ist so platziert, dass es Sicht und Wege versperrt. Begleitet wird das Tier von einer mehrkanaligen Klangkomposition mit acht Celli und Gesang. Die Installation „The Rhinoceros in the Room“ des Künstlers Itamar Gov ist vom 31. August bis 13. September in Zeitz zu sehen.

Aber warum ausgerechnet ein Nashorn?

Ein Nashorn, das Dürer nie gesehen hat

Eine Spur führt mehr als 500 Jahre zurück – zu Albrecht Dürer.

Dürer wurde 1471 in Nürnberg geboren und gehört zu den bekanntesten Künstlern der deutschen Renaissance. Er malte und zeichnete, wurde aber auch durch seine Holzschnitte und Kupferstiche berühmt. Solche Drucke ließen sich vervielfältigen und konnten sich deshalb in Europa viel weiter verbreiten als ein einzelnes Gemälde.

1515 geschah etwas Außergewöhnliches: Ein indisches Nashorn gelangte nach Lissabon. Für die meisten Menschen in Europa war ein solches Tier damals etwas völlig Unbekanntes.

Dürer selbst bekam das Nashorn wahrscheinlich nie zu Gesicht. Nach Nürnberg gelangten jedoch Beschreibungen und eine Zeichnung des Tieres. Daraus schuf er seinen berühmten Holzschnitt „Rhinocerus“.

Das Ergebnis sieht beeindruckend aus – aber nicht ganz wie ein echtes Nashorn. Dürer gab dem Tier beispielsweise eine Haut, die fast wie eine Ritterrüstung wirkt, und setzte ihm sogar ein kleines zusätzliches Horn auf den Rücken.

Trotzdem wurde gerade dieses Bild berühmt. Über Generationen prägte es die europäische Vorstellung davon, wie ein Nashorn aussieht.

Heute könnte man darin beinahe ein frühes Beispiel für die Macht von Bildern sehen: Wenn wir etwas selbst nicht kennen – wie sehr bestimmt dann ein Bild, was wir für Wirklichkeit halten?

Dürer verbreitete dabei natürlich nicht absichtlich falsche Informationen. Er arbeitete mit dem Wissen, das ihm zur Verfügung stand. Gerade deshalb ist die Geschichte interessant: Ein Bild muss nicht bewusst täuschen, um unsere Vorstellung von der Wirklichkeit zu beeinflussen.

Von Dürer zu Itamar Gov

Mehr als fünf Jahrhunderte später greift Itamar Gov diese Geschichte auf.

Gov wurde 1989 in Tel Aviv geboren, lebt seit 2010 in Berlin und studierte unter anderem Filmwissenschaft, Literatur und Geschichte. Eine persönliche Verbindung zwischen ihm und Dürer gibt es ebenso wenig wie eine bekannte biografische Verbindung Dürers zu Zeitz.

Die Verbindung entsteht durch das Nashorn selbst.

Gov beschäftigt sich in seiner Kunst mit Geschichte und Erinnerung – und damit, wie sich Tatsachen, Erzählungen und Vorstellungen miteinander vermischen. Dürers Nashorn eignet sich dafür besonders gut: Ein wirkliches Tier gelangt nach Europa, Berichte darüber reisen weiter, ein Künstler macht daraus ein Bild – und dieses Bild beeinflusst anschließend über Jahrhunderte die Vorstellung anderer Menschen.

Das Nashorn in Zeitz setzt diese Reise gewissermaßen fort.

Sie begann in Indien, führte über Lissabon und Dürers Nürnberg und landet mehr als 500 Jahre später als Kunstwerk in einer Kirche in Zeitz.

Und dann sind da noch Ionescos Nashörner

Gov spielt jedoch noch auf eine andere berühmte Nashorn-Geschichte an.

Der französisch-rumänische Schriftsteller Eugène Ionesco veröffentlichte 1959 sein Theaterstück „Die Nashörner“. Darin verwandeln sich nach und nach die Bewohner einer Stadt in Nashörner. Was zunächst völlig absurd erscheint, wird immer normaler, weil sich immer mehr Menschen der Verwandlung anschließen.

Das Stück wird häufig als Auseinandersetzung mit Konformismus und totalitärem Denken verstanden: Was geschieht, wenn immer mehr Menschen einer Bewegung folgen – und irgendwann kaum noch jemand widerspricht?

Damit bekommt das riesige Tier im Kirchenraum noch eine weitere Bedeutung.

Vielleicht ist das Nashorn nicht nur etwas, das man anschauen soll.

Vielleicht soll es stören.

Man kann nicht einfach daran vorbeisehen. Es steht im Weg. Man muss seine Richtung ändern, sich damit beschäftigen und sich fragen, warum es überhaupt dort steht.

Und plötzlich führt ein Nashorn in einer Kirche zu erstaunlich aktuellen Fragen:

Wie entstehen unsere Vorstellungen von Wirklichkeit? Warum glauben wir Bildern? Und was passiert, wenn alle anderen scheinbar in dieselbe Richtung laufen?

Vielleicht ist genau deshalb dieses Nashorn so groß.

Man soll es nicht übersehen können.