Was entsteht dazwischen?
Neun junge Schauspieler und Performer, eine junge Regisseurin und ein gemeinsamer Ausbildungsweg. Heute Abend öffnet sich ihre Arbeit in Rom erstmals dem Publikum. Was dabei entstanden ist, verrät das bisher veröffentlichte Programm noch nicht.
ROM – Neun junge Schauspieler und Performer. Eine junge Regisseurin. Der eine singt Bariton und spielt Klavier und Gitarre, ein anderer hat mit Masken, Improvisation und Biomechanik gearbeitet. Die Regisseurin wiederum hat sich mit Shakespeare und Brecht beschäftigt, bei Ibsen und Schiller assistiert und stand auch selbst auf der Bühne. Heute Abend treffen ihre Wege im Mattatoio in Rom auf ein Publikum. Was sie dort zeigen werden, verrät das bisher veröffentlichte Programm nicht.
Das ist ungewöhnlich. Normalerweise erfährt man vor einem Theaterabend zumindest den Titel des Stücks. Vielleicht kennt man den Autor, manchmal sogar schon die Handlung. Bei „Lazio Danza e Teatro“ ist bislang vor allem eines bekannt: wer gemeinsam an etwas gearbeitet hat. Gerade das macht die Sache interessant.
Was will Lazio?
„Lazio Danza e Teatro“ gibt es erst seit diesem Jahr. Das Programm wird von der Region Lazio gefördert und von Lazio Innova umgesetzt. Es richtet sich an junge Menschen, die in Lazio leben oder dort ihren Wohnsitz haben und in klassischem oder zeitgenössischem Tanz oder im Theater aktiv sind. Bei der Bewerbung mussten sie mindestens 14 Jahre alt sein und durften ihren 35. Geburtstag noch nicht gefeiert haben.
Dabei geht es nicht darum, Nachwuchskünstler für einen einzigen Auftritt zu finden. Lazio beschreibt einen Weg von der Förderung des Talents über Ausbildung und Professionalisierung bis zur Erfahrung auf der Bühne. Ausbildung, Produktion und der Weg in den professionellen Kulturbetrieb sollen miteinander verbunden werden.
Für den Theaterzweig war die Aufteilung bemerkenswert genau: Gesucht wurden neun Schauspieler oder Performer und eine Person für die Regie. Ausgewählt wurden Alessio Curzi, Alessandra De Luca, Francesca D’Urso, Viola Figoli, Francesco Galliano, Giuliano Guadagno, Bianca Librizzi, Caterina Lucente und Luca Morciano. Den Regieplatz bekam Cecilia Smilla Ciarambino. Francesco Galliano rückte nach, nachdem der ursprünglich ausgewählte Claudio Scagliarini abgesagt hatte.
Die neun kamen also nicht ohne eigene Erfahrungen in den Probenraum. Und auch die ausgewählte Regisseurin brachte bereits einiges mit.
Ein Bariton und ein Kostja
Bei zweien können wir diesen Weg besonders gut verfolgen. Alessio Curzi kennt Theater und die Arbeit vor der Kamera. Er singt Bariton und spielt Gitarre und Klavier. In seinem Ausbildungsweg für 2026 tauchen außerdem zwei Namen auf, die auch zum Theaterprogramm von „Lazio Danza e Teatro“ gehören: Fabiana Iacozzilli und Serena Autieri.
Bei Giuliano Guadagno ist diese Verbindung genauso deutlich. Auch sein Profil nennt 2026 die Fortbildung mit Iacozzilli und Autieri. Sein Handwerkszeug sieht allerdings anders aus: Dort stehen zeitgenössischer Tanz, Improvisation, Maskenspiel und Biomechanik. 2025 spielte er Kostja in Tschechows „Die Möwe“.
Schon diese beiden zeigen, wie unterschiedlich die Ausgangspunkte innerhalb derselben Gruppe sein können. Eine ausgebildete Stimme, Instrumente, Körperarbeit oder Maskenspiel müssen im Ergebnis nicht einmal deutlich zu erkennen sein. Aber diese Erfahrungen sind mit in den Probenraum gekommen. Und dort wartet nicht einfach eine fertige Regisseurin auf die neun.
Auch die Regisseurin wird gefördert
Cecilia Smilla Ciarambino ist für dieses Projekt besonders interessant. Sie wurde nicht als erfahrene Leiterin für neun Nachwuchsdarsteller engagiert. Der Regieplatz selbst war Teil der Ausschreibung – und Ciarambino wurde dafür ausgewählt.
Ganz am Anfang steht sie trotzdem nicht. An der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio d’Amico hat sie Regie studiert. 2024 beschäftigte sie sich mit Shakespeare und entwickelte mit „Quando esplode la bomba“ eine eigene Arbeit aus Texten Bertolt Brechts. Diese entstand ausgerechnet im Mattatoio – an jenem Ort also, an den sie nun mit „Lazio Danza e Teatro“ zurückkehrt. Bei Henrik Ibsens „Die Komödie der Liebe“ arbeitete sie außerdem als Regieassistentin. Im selben Jahr führte ihr Weg nach Spoleto, wo sie bei Schillers „Maria Stuarda“ assistierte.
Zwei Jahre später führte auch der Ausbildungsweg von „Lazio Danza e Teatro“ die ausgewählte Theatergruppe nach Spoleto – diesmal für einen Blick hinter die Kulissen des Festival dei Due Mondi.
Ciarambino kennt aber auch die andere Seite des Theaters. Beim Festival Contaminazioni 2025 entwickelte sie gemeinsam mit Massimo Villani „Motorino“. Die beiden schrieben und inszenierten die Arbeit nicht nur, sondern standen auch selbst auf der Bühne. In der offiziellen Beschreibung bringen „Massimo und Smilla“ sich selbst auf die Bühne und stellen Fragen über Liebe, Freundschaft, Religion und gesellschaftliche Werte. Die junge Regisseurin, die nun mit neun Performern arbeitet, kennt also auch die Situation, selbst vor dem Publikum zu stehen.
Zwei Wochen sind nur ein Teil der Reise
Zwischen Auswahl und heutigem Abend lag kein einzelner Theaterkurs. Für die zehn gehörten zwei Wochen Ausbildung und Mentoring mit der Fondazione Romaeuropa unter der Leitung der Regisseurin und Autorin Fabiana Iacozzilli zum Programm. Dazu kam eine sechstägige Masterclass zu Sprech- und Musiktheater unter der künstlerischen Leitung von Serena Autieri.
Auch die andere Seite des Theaterbetriebs gehörte dazu. Produzent und Festivalleiter Daniele Cipriani gestaltete zwei weitere Termine. Beim Festival dei Due Mondi in Spoleto konnten die Teilnehmenden außerdem hinter die Kulissen schauen und unterschiedliche Bereiche des professionellen Theaterbetriebs kennenlernen.
Damit verändert sich die Frage für heute Abend. Es geht nicht nur darum, was zehn Menschen in einigen Proben miteinander entwickelt haben. Zwischen ihrer Auswahl und dem Auftritt liegen Begegnungen mit Regie, Schauspiel, Musiktheater, Produktion und Festivalbetrieb.
Ein Ort, der sich selbst verändert hat
Auch das Mattatoio passt zu dieser Geschichte. Der frühere städtische Schlachthof Roms ist heute ein Ort für zeitgenössische Kunst und darstellende Künste. Das Theater-Sharing findet im Bereich La Pelanda, in T2 statt.
Für Ciarambino schließt sich dort ein kleiner Kreis. 2024 arbeitete sie im Mattatoio an Brechts Texten. Nun kommt sie mit einer Gruppe zurück, die es vor wenigen Monaten noch gar nicht gab.
18.30 Uhr – und noch bleibt etwas offen
Um 18.30 Uhr beginnt heute im Mattatoio das „Sharing Teatro“. Der Eintritt ist frei. Mehr verrät der derzeit veröffentlichte Veranstaltungskalender über den Inhalt erstaunlicherweise nicht: Dort stehen bislang „Sharing Teatro“, die Uhrzeit und T2, aber kein eigener Stücktitel und keine Inhaltsangabe.
Das bedeutet nicht, dass es um 18.30 Uhr keinen Titel geben wird. Bis dahin kann einer veröffentlicht werden, auf einem Programmzettel stehen oder bei der Veranstaltung genannt werden. Im Moment kennen wir ihn schlicht noch nicht.
Einiges wissen wir dagegen inzwischen. Wir kennen die zehn ausgewählten Menschen, bei einigen auch die Erfahrungen, die sie mitgebracht haben. Wir wissen, welchen Ausbildungsweg sie gemeinsam gegangen sind. Und wir wissen, dass auch die Regisseurin selbst Teil dieser Nachwuchsförderung ist.
Nur die Frage aus der Überschrift ist noch offen: Was ist dazwischen entstanden?