Was kann Musik gegen einen Krieg ausrichten?
Am Donnerstagabend sitzen in Dortmund Musikerinnen und Musiker gemeinsam auf einer Bühne, deren Herkunft, Familiengeschichten und politische Erfahrungen sie voneinander trennen könnten. Das West-Eastern Divan Orchestra behauptet nicht, Kriege mit Musik beenden zu können. Gerade darin liegt die Stärke dieses ungewöhnlichen Orchesters.
Am Donnerstag um 19.30 Uhr eröffnet Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra die neue Saison im Konzerthaus Dortmund. Auf dem Programm stehen Schuberts Unvollendete, das Vorspiel zu Wagners Tristan und Isolde und Beethovens Dritte Sinfonie, die Eroica. Das Konzerthaus stellt die Saisoneröffnung ausdrücklich „ins Zeichen des Friedens“.
Das ist ein großer Anspruch für einen Konzertabend. Während in einem Saal Beethoven gespielt wird, sterben anderswo Menschen. Kein Orchester kann eine Rakete aufhalten, eine Geisel befreien oder eine politische Entscheidung rückgängig machen. Was also kann Musik gegen einen Krieg ausrichten?
Ein Orchester, in dem der Gegner neben dir sitzt
1999 gründeten der israelische Dirigent Daniel Barenboim und der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra. Ausgangspunkt waren ihre Gespräche über Musik, Kultur und Menschlichkeit und die Suche nach einem anderen Umgang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Bis heute bringt das Orchester Menschen aus dem Nahen Osten zusammen, besonders Israelis und Palästinenser.
Sie müssen dafür ihre unterschiedlichen Geschichten nicht vergessen. Sie müssen politisch nicht einer Meinung sein. Aber im Orchester geschieht etwas, das im politischen Streit schnell verloren geht: Wer miteinander spielen will, muss dem anderen zuhören. Eine Geige kann nicht entscheiden, dass die Geschichte des Cellisten falsch ist. Die Geigerin muss trotzdem hören, was der Cellist spielt, sonst zerfällt das gemeinsame Stück.
Deshalb gehören Gespräche und Workshops ebenfalls zur Arbeit des Orchesters. Noch auf der Tournee im Februar 2026 gab es neben Proben und Konzerten Gesprächsräume sowie Einzel- und Kleingruppengespräche mit Methoden der gewaltfreien Kommunikation. Daniel Barenboim betont dabei einen entscheidenden Unterschied: Dialog bedeutet nicht, die Sichtweise des anderen zu übernehmen. Er schafft zunächst einen Raum, in dem sie überhaupt ausgesprochen werden kann.
Der Held, von dem Beethoven enttäuscht war
Dass ausgerechnet die Eroica den Dortmunder Abend beendet, gibt dem Programm eine zusätzliche Ebene. Beethoven war zunächst von Napoleon Bonaparte und den mit ihm verbundenen republikanischen Idealen beeindruckt. Auf einer frühen Abschrift seiner dritten Sinfonie stand dessen Name. Als Napoleon sich 1804 zum Kaiser erklärte, war Beethoven von seiner Selbstherrlichkeit und seinen imperialen Ambitionen enttäuscht. Den Namen Bonaparte radierte er auf dem Titelblatt so heftig aus, dass ein Loch im Papier zurückblieb.
Damit steckt hinter einer Sinfonie, die als „heroisch“ berühmt wurde, auch eine Geschichte über enttäuschte Vorstellungen vom Helden.
Und zweihundert Jahre später stellt sie eine unbequeme Frage: Wer ist nach einem Krieg eigentlich der Held? Derjenige, der ihn begonnen hat? Derjenige, der ihn gewonnen hat? Oder der Soldat, der mit einer Prothese nach Hause kommt, die Familie, die jemanden verloren hat, die Menschen, die zwischen Ruinen wieder ein Haus aufbauen – oder derjenige, der sich weigert, im Menschen auf der anderen Seite nur noch einen Feind zu sehen?
Man muss nicht dieselbe Geschichte erzählen
Der israelisch-palästinensische Konflikt zeigt besonders deutlich, wie mächtig unterschiedliche Erinnerungen sind. Dieselben Orte können mit völlig verschiedenen Familiengeschichten, Verlusten und Ängsten verbunden sein. Frieden kann deshalb kaum voraussetzen, dass irgendwann alle dieselbe Geschichte erzählen.
Das Orchester hat dafür 2025 eigene gemeinsame Prinzipien formuliert. Bemerkenswert ist, wie vorsichtig es deren Bedeutung selbst beschreibt: Sie seien keine Lösung, sondern ein ethischer Kompass. Dazu gehören Gewaltfreiheit, gegenseitige Anerkennung, Gleichheit, Dialog und die Überzeugung, dass jedes menschliche Leben denselben Wert und dieselbe Würde besitzt. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Geschichten sollen dabei gerade nicht ausgelöscht werden.
Verständigung beginnt also nicht damit, dass der andere zugibt, dass wir recht haben. Sie beginnt damit, dass wir seine Geschichte hören können, ohne unsere eigene dafür aufgeben zu müssen.
Was kann Dortmund tun?
Dortmund liegt weit entfernt von den Orten, an denen Menschen um ihr Leben fürchten. Die Besucher eines Konzerts können von dort aus keinen Krieg beenden. Aber eine Gesellschaft kann entscheiden, welche Räume sie schafft: Räume, in denen Begegnung möglich bleibt, in denen Widerspruch ausgehalten wird und in denen ein Israeli und ein Palästinenser nicht zuerst Vertreter zweier verfeindeter Seiten sind, sondern zwei Musiker, die gemeinsam den richtigen Einsatz finden müssen.
Das West-Eastern Divan Orchestra macht das seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Selbst während der jüngsten Gewalt haben seine Musiker weiter gemeinsam gespielt und miteinander diskutiert.
Die wichtigste Leistung dieses Orchesters besteht nicht darin, Frieden zu spielen. Es beweist, dass Menschen miteinander bleiben können, obwohl vieles sie dazu drängt, sich voneinander zu trennen.