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Europäische Kultur entdecken · 26. September 2026

Was sagt Reksio?

Bolek und Lolek brauchten kaum Worte, um Geschichten zu erzählen. Beim SOUNDESIGN-Festival in Bielsko-Biała zeigt Reksio, was geschieht, wenn Bilder, Bewegung und Klang gemeinsam erzählen.

Farbstift- und Bleistiftillustration eines Animators am Zeichentisch. Auf den Blättern sind einfache Haltungs- und Bewegungsstudien eines laufenden Kindes und eines Hundes zu sehen; im Hintergrund liegen weitere Skizzen, Stifte und Filmrollen.
Bewegung, Blick, Klang, Gefühl – noch bevor eine Figur ein Gesicht bekommt, kann ihre Haltung bereits eine Geschichte erzählen. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Auf der Bühne steht ein Mensch im Regen. Natürlich regnet es nicht. Über ihm ist ein Dach, seine Kleidung ist trocken, und vielleicht steht dort nicht einmal ein einziger Gegenstand. Trotzdem zieht er die Schultern hoch. Er beugt sich gegen den Wind, den es ebenfalls nicht gibt. Seine Hand hält etwas Unsichtbares über den Kopf.

Dann hören wir den Wind. Erst leise, dann stärker. Vielleicht setzt ein Klavier ein. Einzelne Töne werden zu Tropfen. Der Mensch auf der Bühne läuft schneller. Der Regen auch.

Niemand musste sagen: Es regnet.

Geschichten ohne Worte

Pantomimen kennen dieses Spiel seit langer Zeit. Sie können Türen öffnen, die nicht vorhanden sind, gegen Wände laufen, die niemand gebaut hat, oder schwere Koffer tragen, die nichts wiegen. Der Zuschauer sieht nicht nur einen Körper auf einer leeren Bühne. Er ergänzt das Fehlende.

Der Film hat diese Fähigkeit nicht erfunden. Aber er hat sie auf eine neue Art genutzt. Selbst der sogenannte Stummfilm war im Kino keineswegs immer still. Pianisten, kleine Ensembles oder ganze Orchester begleiteten die Bilder. Musik konnte Spannung erzeugen, eine Bewegung kommentieren oder ankündigen, dass gleich etwas schiefgehen würde.

Buster Keaton musste dafür nichts erklären. Er konnte dastehen und schauen, während um ihn herum die Welt zusammenbrach. Und irgendwann lernten auch gezeichnete Figuren, auf diese Weise Geschichten zu erzählen.

Zwei Jungen, die genug zu sagen hatten

Wer in Polen aufgewachsen ist, kennt Bolek und Lolek wahrscheinlich ohnehin. Aber auch viele Kinder in der DDR und anderen europäischen Ländern begegneten den beiden im Fernsehen. Sie mussten kaum sprechen.

Das bedeutete nicht, dass sie nichts zu sagen hatten. Im Gegenteil. Man wusste ziemlich schnell, wer eine Idee hatte, wer losstürmte, wer skeptisch wurde, wer sich ärgerte und wann aus einem kleinen Einfall eine ziemlich große Katastrophe werden würde. Ein Blick genügte, eine Bewegung, ein Geräusch.

Vielleicht war gerade das ein Grund dafür, dass die Figuren Grenzen so leicht überwinden konnten. Für einen stolpernden Lolek braucht man keine Untertitel. Und ein triumphierender Bolek muss nicht erklären, warum er gerade ziemlich zufrieden mit sich ist.

Später gab es auch Produktionen, in denen Bolek und Lolek Stimmen bekamen. Wer die schweigsamen Figuren bereits kannte, konnte das durchaus merkwürdig finden. Plötzlich sagten sie mit Worten etwas, was ihre Bewegungen und Handlungen längst erzählt hatten.

Und was sagt Reksio?

Ein paar Schritte weiter wartet in Bielsko-Biała noch jemand: Reksio. Der kleine Hund entstand wie Bolek und Lolek im dortigen Studio Filmów Rysunkowych. Und am 26. September 2026 bekommt er im Kino Kreska neue musikalische Begleiter: Polski Piach spielt zu Reksio.

Das Trio besteht aus Patryk Zakrocki, Piotr Mełech und Piotr Domagalski. Gitarre, Bassklarinette und Basetla treffen dabei auf Jazz, Folk, Improvisation und Klänge, die sich nicht besonders gern in eine einzige Schublade stecken lassen. Beim SOUNDESIGN-Festival wird daraus keine bloße Hintergrundmusik. Der Klang bekommt die Möglichkeit, die längst vorhandenen Bilder neu zu erzählen.

Das ist ein interessantes Experiment. Denn die Bilder sind bereits fertig. Reksio bewegt sich, schaut, rennt, wartet und reagiert. Was aber verändert sich, wenn andere Musiker diese Bilder begleiten?

Eine Bewegung kann plötzlich komisch wirken, die vorher nur schnell war. Aus einem Blick kann ein Moment der Spannung werden. Ein Geräusch kann etwas wichtig machen, das man beinahe übersehen hätte. Und eine Pause bemerken wir manchmal erst, wenn auch die Musik innehält.

Das Bild bleibt dasselbe. Und erzählt doch ein wenig anders.

Hören, was man sieht

Genau darum geht es bei der ersten Ausgabe des Festivals SOUNDESIGN, das vom 26. bis 28. September in Bielsko-Biała stattfindet. Es will nicht einfach Filmmusik aufführen, sondern hörbar machen, wie Musik, Komposition und Sounddesign mit Bildern zusammenwirken. Bielsko-Biała ist dafür ein ziemlich passender Ort: Hier entstanden mit Bolek und Lolek und Reksio Figuren, bei denen Bilder, Bewegungen und Klänge einen großen Teil des Erzählens übernehmen.

Am Samstag geht diese Reise nach Reksio weiter. Um 16:30 Uhr steht Henryk Kuźniaks Musik zu Seksmisja im Mittelpunkt; am Abend treffen beim Konzert von Moskwa und K-2 wiederum Musik und Bildwelten aufeinander. SOUNDESIGN beginnt also nicht mit der Behauptung, dass Ton im Film wichtig sei. Das Festival lädt dazu ein, selbst genauer hinzuhören.

Denn Sounddesign begegnet uns nicht nur dort, wo ein Raumschiff explodiert, ein Monster brüllt oder eine Filmmusik uns verrät, dass gleich etwas Schreckliches geschieht. Oft macht es viel weniger spektakuläre Dinge wahrnehmbar: Schritte auf Kies, eine zufallende Tür, Blätter, die sich bewegen, oder den Wind, der durch einen Park zieht.

Auch ohne viel Fantasie kann man nun den Spaziergänger im Park beobachten, der leicht vorgebeugt gegen einen Wind geht, den wir gar nicht hören würden – ohne Sounddesign.