Was Untertitel sagen können
Kurzfilme in vielen Sprachen treffen in Nikosia aufeinander – zu verstehen sind sie alle mit englischen Untertiteln. Sie erzählen von Fremden, verschwundenen Grenzen und Zugehörigkeit. Doch was geschieht, wenn schon in der Originalsprache nicht ganz klar ist, was ein Wort oder eine Metapher bedeutet?
Vom 22. bis 24. September spricht das Kino in Nikosia viele Sprachen. Bei „Languages on Screen – Cinema Speaks Europe“ kommen Kurzfilme aus verschiedenen Teilen Europas zusammen. Manche erzählen von Grenzen, andere von Fremdheit oder Zugehörigkeit. Und einer stellt ganz nebenbei eine schwierige Frage: Verstehen wir wirklich dasselbe, nur weil wir dieselben Worte hören?
Wenn aus Fremden Nachbarn werden
In „Carpinchos“ aus Frankreich beginnt alles mit Misstrauen. Eine Familie von Wasserschweinen sucht während der Jagdsaison Schutz in einem Hühnerstall. Die Hühner betrachten die Neuankömmlinge als Fremde, die dort eigentlich nichts zu suchen haben. Doch die Jungen beider Gruppen halten sich nicht lange an diese Trennung. Aus vorsichtiger Annäherung entsteht Vertrauen. Eine kleine Tiergeschichte wird so zu einer Erzählung darüber, wie schnell aus „den anderen“ jemand werden kann, mit dem man seinen Platz teilt.
Eine ganz andere Grenze ist in „Sky Like Silk. Full of Oranges“ gerade verschwunden. Der deutsche Animationsfilm blickt auf Ostdeutsche, die nach dem Fall der Berliner Mauer plötzlich reisen dürfen. Mallorca im Jahr 1990 bedeutet Sonne und Urlaub – aber auch die Erfahrung einer Freiheit, die kurz zuvor noch unerreichbar war. Europa erscheint hier nicht als Landkarte, sondern als etwas sehr Persönliches: als die Möglichkeit, einfach loszufahren.
In „Yu Ming Is Ainm Dom“ wird ausgerechnet Sprache zum Schlüssel für Zugehörigkeit. Ein junger Mann aus China beschließt, nach Irland auszuwandern, und bereitet sich gewissenhaft darauf vor: Er lernt Irisch. Erst dort stellt er fest, dass ihm seine sorgfältig erworbenen Sprachkenntnisse im Alltag nicht so helfen, wie er erwartet hatte. Der Film spielt humorvoll mit der Frage, welche Sprache eigentlich zu einem Land gehört – und ob Zugehörigkeit tatsächlich so eindeutig ist, wie sie aus der Ferne erscheinen kann.
Auch „Purgatory“ bringt unterschiedliche Sprachen zusammen. Junge Menschen sprechen über Klimaangst, Einsamkeit, Verantwortung und eine Zukunft, die ihnen von früheren Generationen hinterlassen wurde. Ihre Sprachen unterscheiden sich, ihre Sorgen erstaunlich wenig. Gerade dadurch entsteht eine gemeinsame Ebene: Nicht die gleiche Herkunft verbindet sie, sondern ähnliche Fragen.
Wer gehört in die Stadt?
Dass Zugehörigkeit auch eine ganz materielle Seite besitzt, zeigt der spanische Kurzfilm „Céntrico“. Eine Familie mietet für einige Tage eine Wohnung in Madrid. Was zunächst wie eine kleine Geistergeschichte beginnt, führt zu einer sehr gegenwärtigen Frage: Was geschieht mit einer Stadt, wenn Wohnungen immer stärker zu Unterkünften für Besucher werden? Der vermeintliche Spuk bekommt plötzlich eine zweite Bedeutung – und die Frage, wer in einer Stadt Gast ist und wer dort noch leben kann, lässt sich nicht mehr ganz so leicht beantworten.
Wenn eine Übersetzung das Nichtverstehen übersetzen muss
Besonders schön passt „Nauka“ („Education“) von Emi Buchwald zu einem Festival, das die Sprachen Europas auf die Leinwand bringt. Dabei beginnt der Film denkbar unspektakulär: Polnische Grundschulkinder sollen ein Gedicht von Julian Tuwim auswendig lernen.
Zu Hause helfen die Eltern. Die Kinder fragen nach Wörtern und Bildern, die sie nicht verstehen. Die Erwachsenen erklären Metaphern, suchen nach Bedeutungen und merken dabei, dass sich Literatur nicht wie eine Rechenaufgabe auflösen lässt. Ein Bild kann mehrere Dinge bedeuten. Eine Erklärung kann eine andere nach sich ziehen. Und manchmal versteht ein Erwachsener die Stelle auch nicht eindeutiger als das Kind, dem er sie gerade erklären möchte.
In Nikosia kommt eine weitere Ebene hinzu. Die polnischen Metaphern und die Gespräche darüber erreichen das Publikum über englische Untertitel. Eine Übersetzung vermittelt also ein Gespräch darüber, dass Sprache sich nicht immer eindeutig verstehen lässt.
Damit bekommt der Untertitel eine beinahe unmögliche Aufgabe: Er muss verständlich machen, dass etwas nicht eindeutig verständlich ist – ohne das Missverständnis dabei aufzulösen.
Genau darin liegt eine der schönsten Ideen von „Cinema Speaks Europe“: Europa spricht viele Sprachen, und wir können versuchen, sie füreinander zu übersetzen. Doch Übersetzen allein garantiert noch kein Verstehen. Ob am Ende wirklich dasselbe angekommen ist, bleibt eine Frage zwischen den Menschen.