Wenn die Moldau in Stockholm plötzlich vertraut klingt
Ein südkoreanischer Pianist gibt sein Schweden-Debüt, ein französischer Komponist verbindet baskische Wurzeln mit Jazz und ein tschechisches Orchester bringt Smetanas „Má vlast“ nach Stockholm. Dabei begegnet dem schwedischen Publikum in der Moldau-Melodie etwas erstaunlich Vertrautes.
Ein südkoreanischer Pianist gibt sein Schweden-Debüt. Ein französischer Komponist bringt baskische Erinnerungen und amerikanischen Jazz zusammen. Und ein tschechisches Orchester spielt ein Werk über Böhmen, in dessen berühmtester Flussmelodie schwedische Zuhörer etwas erstaunlich Vertrautes entdecken können.
Heute Abend, am 26. August, heißt das Konzert beim Baltic Sea Festival in Stockholm „Dreams of freedom“. Um 19 Uhr tritt in der Berwaldhallen die Tschechische Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten und Musikdirektor Semyon Bychkov auf. Solist des ersten Teils ist der südkoreanische Pianist Yunchan Lim. Nach Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur folgt Bedřich Smetanas vollständiger Zyklus „Má vlast“ – „Mein Vaterland“.
Schon die Besetzung erzählt damit eine Geschichte, die weit über einen einzigen Ort hinausführt.
Ein Pianist kommt zum ersten Mal nach Schweden
Yunchan Lim ist erst 22 Jahre alt, gehört aber längst zu den international gefragten Pianisten seiner Generation. 2022 gewann er mit 18 Jahren als jüngster Sieger in der Geschichte die Goldmedaille beim Van Cliburn International Piano Competition. Besonders seine Aufführung von Rachmaninows drittem Klavierkonzert machte ihn anschließend auch weit über die klassische Musikwelt hinaus bekannt.
Heute Abend gibt Lim in Stockholm sein Schweden-Debüt.
Dafür hat er ausgerechnet ein Werk im Gepäck, das selbst schon eine kleine Reisegeschichte erzählt.
Maurice Ravel wuchs im französischen Baskenland nahe der spanischen Grenze auf. Seine Mutter war Baskin und in Madrid aufgewachsen. Erste Skizzen für das spätere Klavierkonzert in G-Dur entstanden bereits 1906 unter dem Eindruck baskischer Volksmelodien.
Als Ravel sich mehr als zwanzig Jahre später intensiv mit dem Konzert beschäftigte, war jedoch noch etwas anderes hinzugekommen: Auf einer Reise durch die Vereinigten Staaten hatte er Jazz und Spirituals kennengelernt. Im fertigen Werk treffen deshalb unterschiedliche musikalische Erfahrungen aufeinander, ohne dass eine davon vollständig verschwindet.
Ein französisches Klavierkonzert mit baskischen Wurzeln und Spuren amerikanischer Musik, gespielt von einem südkoreanischen Pianisten bei seinem ersten Auftritt in Schweden: Für ein Konzert über „Dreams of freedom“ ist das schon ein bemerkenswerter Anfang.
Doch nach der Pause wird die Frage nach Herkunft noch deutlicher.
Ein Orchester trägt ein Land mit sich
Die Tschechische Philharmonie gibt es seit mehr als 130 Jahren. Sie trägt ihr Herkunftsland schon im Namen und ist eng mit der tschechischen Musikgeschichte verbunden. Unter Semyon Bychkov hat sie „Má vlast“ auch neu eingespielt; diese Aufnahme erhielt 2025 den Orchestral Award des BBC Music Magazine.
Für den zweiten Teil des heutigen Abends haben Orchester und Dirigent eines jener Werke gewählt, bei denen Herkunft ausdrücklich zum Thema wird.
Bedřich Smetana komponierte „Má vlast“ zwischen 1874 und 1879. Der Zyklus besteht aus sechs symphonischen Dichtungen. Burgen, Landschaften, Sagen, Geschichte und politische Erinnerungen Böhmens werden darin zu Musik.
Vyšehrad erzählt vom alten Prager Burgberg. Šárka greift eine böhmische Sage auf. „Aus Böhmens Hain und Flur“ zeichnet eine Landschaft. Tábor und Blaník beziehen sich auf Geschichte und Überlieferungen der Hussiten.
Und das zweite Stück begleitet einen Fluss.
Auf Tschechisch heißt es „Vltava“.
Im Deutschen kennen wir ihn meist als Moldau.
Noch bevor das Konzert beginnt, beschäftigt sich die Berwaldhallen genau mit diesem Werk. Um 18 Uhr sprechen Johan Korssell und Lollo Collmar von Sveriges Radio in einem Live-Podcast über „Má vlast“. Eine ihrer Fragen lautet sinngemäß: Kann man in der Moldau-Melodie sogar Spuren von Smetanas Zeit in Schweden hören?
Eine Stunde später lässt sich weiterhören.
Wenn die Moldau plötzlich schwedisch klingt
Smetana lässt die Moldau zunächst aus zwei Quellen entstehen. Flöten und später die Streicher übernehmen ihre Bewegung. Schließlich erscheint jene weit geschwungene Melodie, die heute wahrscheinlich auch viele Menschen erkennen, die den Namen Smetana kaum kennen.
Aber diese Melodie gehört nicht nur zur Moldau.
Das Programm der Berwaldhallen weist ausdrücklich darauf hin, dass sie auf einer viel älteren, mündlich weitergegebenen Melodietradition beruht. Varianten lassen sich über Jahrhunderte und verschiedene Länder verfolgen. Genannt werden eine niederländische Fassung, das tschechische Volkslied „Kočka leze dírou“ und eine Melodie, die später für „Hatikvah“, die Nationalhymne Israels, verwendet wurde.
Und eine dieser verwandten Melodien ist in Schweden besonders bekannt:
„Ack Värmeland du sköna“.
Damit geschieht heute Abend in Stockholm etwas Merkwürdiges und zugleich sehr Schönes.
Ein tschechisches Orchester spielt Musik über einen tschechischen Fluss – und ein Teil des schwedischen Publikums könnte darin eine Melodie wiedererkennen, die es mit Schweden verbindet.
Wer besitzt sie dann?
Die Frage führt eigentlich in die falsche Richtung.
Überlieferte Musik wandert. Menschen hören Melodien, erinnern sich an sie, singen sie weiter, verändern Rhythmus oder Text und tragen sie an andere Orte. Manchmal wissen spätere Generationen längst nicht mehr, welchen Weg eine Melodie genommen hat.
Smetanas Moldau wird dadurch nicht weniger tschechisch. Sie beschreibt weiterhin einen bestimmten Fluss und ist Teil eines Werkes, das ganz bewusst „Mein Vaterland“ heißt.
Aber ihre Geschichte zeigt, dass kulturelle Zugehörigkeit und Austausch keine Gegensätze sein müssen.
Heimat muss keine Mauer haben
Vielleicht liegt darin die interessanteste Verbindung zum Titel „Dreams of freedom“.
„Má vlast“ ist Musik über Heimat. Smetana wollte Landschaften, Geschichten und Erinnerungen Böhmens hörbar machen. Die Tschechische Philharmonie trägt dieses Werk heute nach Stockholm und spielt es dort vor einem anderen Publikum.
Doch ausgerechnet in einem der bekanntesten musikalischen Bilder tschechischer Heimat steckt eine Melodie, die schon lange vorher unterwegs war.
Und selbst innerhalb von „Má vlast“ setzt sich dieses Prinzip fort. Für Tábor und Blaník verwendet Smetana das alte Hussitenlied „Ktož jsú Boží bojovníci“. Musik erinnert sich an andere Musik – und gibt ihr in einem neuen Zusammenhang eine neue Bedeutung.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum solche Werke auch weit entfernt von ihrem Entstehungsort verstanden werden können.
Heute Abend sitzt ein junger Pianist aus Südkorea in Stockholm am Flügel und spielt einen französischen Komponisten mit baskischen und amerikanischen Einflüssen. Danach erzählt ein tschechisches Orchester musikalisch von Böhmen.
Und irgendwann beginnt die Moldau zu fließen.
Der Fluss bleibt in Tschechien.
Die Melodie ist längst weitergereist.