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Europäische Kultur entdecken · 27. August 2026

Wenn die Wand verschwindet: Thessaloniki fragt, was von Graffiti bleibt

Orestis Pangalos gehört seit 1993 selbst zur griechischen Graffiti-Szene. Eine Ausstellung in Thessaloniki zeigt nun, was er über Jahrzehnte gesammelt hat – und stellt die Frage, wie man eine Kunst bewahrt, die eigentlich vergänglich ist.

Illustration von Orestis Pangalos vor einer teilweise übermalten Graffiti-Wand in Thessaloniki. Er hält Fotografien in den Händen; daneben liegen Archivmaterial und herausgelöste bemalte Mauerfragmente.
Zwischen Straße und Archiv: Orestis Pangalos bewahrt Fotografien und Fragmente einer vergänglichen Kunst. Bildquelle: ISKRA SMOKA

Orestis Pangalos kennt Graffiti nicht aus Büchern. Seit 1993 gehört er selbst zur griechischen Szene. Er hat gemalt, beobachtet, fotografiert und gesammelt – auch dann, wenn eine Wand längst wieder anders aussah.

Heute ist Pangalos Architekt, Künstler, Kunsttheoretiker und Hochschullehrer. Aber wenn am Donnerstagabend im MOMus Experimental Center for the Arts in Thessaloniki seine Ausstellung „Orestis Pangalos. Works, graffiti, archive“ eröffnet, führt uns vor allem jemand durch diese Welt, der selbst ein Teil von ihr ist.

Eine Kunst, die verschwinden darf

Ein Bild im Museum kann Jahrzehnte oder Jahrhunderte an derselben Wand hängen. Bei Graffiti gelten andere Regeln.

Eine Hauswand wird gestrichen. Ein Gebäude wird abgerissen. Regen und Sonne verändern die Farben. Jemand setzt sein eigenes Bild über ein älteres. Manchmal bleibt ein Werk jahrelang sichtbar, manchmal nur wenige Tage.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass etwas schiefgegangen ist. Die Veränderung gehört zum öffentlichen Raum – und damit auch zur Geschichte von Graffiti.

Vielleicht beginnt genau hier das Besondere an Pangalos’ Sammlung. Er hat nicht erst irgendwann zurückgeschaut und versucht herauszufinden, wie die griechische Graffiti-Szene einmal ausgesehen hat. Er war seit den frühen 1990er-Jahren selbst dabei und begann zugleich, ihre Spuren festzuhalten. MOMus bezeichnet ihn heute als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des griechischen Graffiti und hebt auch seinen Anteil an dessen historischer Dokumentation hervor.

Mehr als 500 eingefrorene Augenblicke

Was dabei entstanden ist, lässt sich kaum noch als gewöhnliches Fotoarchiv bezeichnen.

In Thessaloniki werden mehr als 500 Fotografien von Graffiti und Murals gezeigt. Dazu kommen Videos und Projektionen, Veröffentlichungen, historische Dokumente und Dinge, die Pangalos im öffentlichen Raum gesammelt hat. Das Material reicht über rund vier Jahrzehnte und führt durch 14 Länder, 17 europäische Städte sowie 30 griechische Städte und Regionen.

Jedes Foto hält dabei etwas fest, das möglicherweise längst nicht mehr existiert.

Eine Wand kann heute anders aussehen als auf der Aufnahme. Ein Bild kann verschwunden sein. Vielleicht existiert sogar das Gebäude nicht mehr.

Dann wird eine Fotografie plötzlich mehr als die Abbildung eines Graffitos. Sie wird zum Beweis dafür, dass an diesem Ort einmal jemand eine Spur hinterlassen hat.

Ein Stück Straße im Museum

Bei einigen Arbeiten ging Pangalos noch einen Schritt weiter.

Teile seines Werks wurden tatsächlich von Gehwegen, Bänken, Mauern oder Stufen abgelöst. Was einmal fest zu einem öffentlichen Ort gehörte, kann nun als Fragment bewahrt und ausgestellt werden.

Und damit wird es kompliziert.

Wenn ein Stück bemalter Mauer in einem Museum liegt, ist das Graffiti dann gerettet?

Oder fehlt gerade das Entscheidende: die Straße, das Haus, die Menschen, die daran vorbeigingen, andere Bilder daneben – und die Möglichkeit, dass morgen alles wieder anders aussieht?

Die Ausstellung liefert darauf keine einfache Antwort. Sie will auch keine vollständige Geschichte des Graffiti erzählen. Stattdessen stehen Fotografien, Gegenstände, Veröffentlichungen, Kunstwerke und Fragmente des Stadtbildes nebeneinander. MOMus beschreibt sie als unterschiedliche Formen von Erinnerung. Aus ihnen entsteht eine neue, menschliche Geografie Thessalonikis.

Wem gehört die Erinnerung einer Stadt?

Vielleicht erzählt die Ausstellung deshalb am Ende von mehr als Graffiti.

Städte verändern sich ständig. Geschäfte verschwinden, Häuser werden umgebaut, Plätze sehen plötzlich anders aus. Vieles davon erscheint im ersten Moment nicht wichtig genug, um bewahrt zu werden.

Erst Jahre später merken wir, dass damit auch ein Stück Erinnerung verschwunden ist.

Pangalos hat einen Teil solcher Erinnerungen gesammelt, bevor sie verloren gingen. Nicht aus der Distanz eines Forschers, der Jahrzehnte später versucht, eine vergangene Jugendkultur zu rekonstruieren. Sondern als jemand, der selbst dabei war.

Das macht seinen Blick besonders.

Und es führt zurück zu der Frage, mit der die Ausstellung beginnt:

Was bleibt von Graffiti, wenn die Wand verschwindet?

Vielleicht ein Foto. Vielleicht ein Stück Beton. Vielleicht die Erinnerung an einen Ort.

Und vielleicht genügt manchmal schon jemand, der rechtzeitig hinschaut.