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Europäische Kultur entdecken · 11. September 2026

Wenn ein Raketensignal das Wasser freigibt

Am 11. September stürzen sich in La Aldea de San Nicolás auf ein Raketensignal hin Tausende Menschen in einen Küstenteich, um Meeräschen zu fangen. Der Día del Charco verbindet alte Fangmethoden, Inselgeschichte und ein Volksfest, das selbst ein Bischof nicht stoppen konnte.

Illustration des Día del Charco in La Aldea de San Nicolás auf Gran Canaria: Eine große Menschenmenge läuft mit Körben und Handkeschern über eine weiße Kalklinie in einen flachen, schlammigen Küstentümpel. Im Hintergrund ragen die dunklen Berge auf, während eine Feuerwerksrakete das Startsignal gibt.
Auf das Raketensignal hin hinein ins flache Wasser: Beim Día del Charco wird der Küstentümpel von La Aldea für wenige Minuten zum gemeinsamen Fangplatz. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Um fünf Uhr nachmittags steht das Wasser noch still. Rund um einen Küstenteich an der Westseite Gran Canarias warten Menschen hinter einer weißen Linie aus Kalk. Niemand darf sie überschreiten. Manche halten Körbe oder Kescher in den Händen, andere haben gar nichts dabei, und viele tragen ganz normale Kleidung. Dann steigt eine Rakete in den Himmel – und plötzlich rennen alle los.

Am 11. September 2026 wird in La Aldea de San Nicolás wieder der Día del Charco gefeiert. Um 17 Uhr beginnt der ungewöhnlichste Teil des Festes: Tausende Menschen stürzen sich in das flache, schlammige Wasser des Charco und versuchen, Meeräschen zu fangen. Das Startsignal gibt traditionell ein volador, eine Feuerwerksrakete. Erst danach darf die Kalklinie überschritten werden.

Das sieht zunächst nach einem riesigen Wasserspiel aus. Hinter dem Durcheinander steckt jedoch eine Geschichte, die sehr viel älter ist als das heutige Volksfest.

Warum springen alle angezogen ins Wasser?

Der Charco ist weder Schwimmbecken noch künstlich angelegte Festfläche. An der Mündung des Barranco de La Aldea bildet sich unmittelbar an der Küste ein Feuchtgebiet mit flachem Wasser und schlammig-steinigem Grund. Dort leben unter anderem lisas, Meeräschen. Einmal im Jahr wird daraus für kurze Zeit eine gemeinschaftliche Fangstelle.

Nach dem Raketensignal stürmt die wartende Menge gleichzeitig über die Kalklinie. Manche versuchen, Fische mit bloßen Händen zu erwischen, andere benutzen Körbe oder guelderas. Eine gueldera ist ein traditionelles kanarisches Fanggerät: An einer langen Stange sitzt ein Ring mit einem Netzbeutel – für deutsche Leser also am ehesten ein großer Handkescher. Gewöhnliche Fischernetze sind dagegen ausdrücklich nicht erlaubt.

Und ja: Man geht dabei tatsächlich mit Kleidung ins Wasser. Das gehört inzwischen so selbstverständlich zum Fest wie der gemeinsame Start. Rund um den Charco gehört zwar auch das gegenseitige Nassmachen zum Spaß; wer hinter der weißen Linie bleibt, darf nach den heutigen Regeln allerdings nicht gegen seinen Willen ins Wasser geworfen werden.

Fische fangen, ohne ihnen hinterherzuschwimmen

Die Tradition verweist auf wesentlich ältere Fangmethoden der Kanarischen Inseln. Schon die vorspanische Bevölkerung Gran Canarias nutzte eine Technik, die später embarbascado genannt wurde. Dabei gelangte der milchige Saft bestimmter Wolfsmilchgewächse, vor allem von Cardón und Tabaiba, in flache Küstengewässer. Die darin enthaltenen Stoffe beeinträchtigten die Fische so, dass sie sich leichter mit den Händen oder einfachen Fanggeräten aufnehmen ließen. Solche Methoden blieben auf Gran Canaria lange bekannt und wurden in manchen Gegenden noch bis ins 20. Jahrhundert praktiziert.

Beim heutigen Día del Charco wird natürlich kein Pflanzensaft ins Wasser gegeben. Geblieben ist vielmehr die Idee des gemeinschaftlichen Fischfangs in einem begrenzten flachen Gewässer. Das Fest ist daher keine exakte Nachstellung einer vorspanischen Technik, sondern eine lebendige Tradition, in der sich Erinnerungen an ältere Formen des Fischfangs erhalten haben.

Gerade das macht den Unterschied zu einer historischen Vorführung aus. Hier stehen keine kostümierten Darsteller hinter einer Absperrung. Tausende Menschen machen selbst mit.

Ein Bischof bekommt ein Problem

Dass es dabei schon vor Jahrhunderten ziemlich ausgelassen zuging, wissen wir ausgerechnet von jemandem, dem das überhaupt nicht gefiel. 1766 besuchte Bischof Delgado y Venegas die Gegend. Seine Aufzeichnungen gehören zu den frühen schriftlichen Belegen für das Fest, und offenbar sah er dort Dinge, die mit seinen Vorstellungen von Anstand nur schwer vereinbar waren.

Frauen und Männer gingen gemeinsam ins Wasser, und einige Männer waren dabei offenbar deutlich weniger bekleidet, als der Bischof für angemessen hielt. Er drohte deshalb mit Geldstrafe und sogar Exkommunikation. Frauen sollten nicht gemeinsam mit den Männern in den Charco steigen, und Männer sollten sich vor ihnen keinesfalls vollständig ausziehen.

Das Verbot hatte allerdings einen entscheidenden Schönheitsfehler: Das Fest verschwand nicht. Mehr als 250 Jahre später gehen Frauen und Männer immer noch gemeinsam ins Wasser – heute eben angezogen.

Ein Fest zwischen mehreren Zeiten

Der Día del Charco ist heute Teil der Fiestas de San Nicolás de Tolentino. Die großen Festtage folgen aufeinander: Am 9. September findet die Bajada de la Rama statt, am 10. September wird San Nicolás gefeiert, und am 11. September zieht es die Menschen zum Charco. Musik, Tanz und Begegnungen gehören ebenso dazu wie die eigentliche Fischfangaktion um 17 Uhr.

Damit treffen in La Aldea unterschiedliche historische Schichten aufeinander. Der Name San Nicolás und die kirchlichen Feierlichkeiten gehören zur christlichen Geschichte der Insel. Der gemeinschaftliche Fischfang erinnert dagegen an wesentlich ältere Formen des Lebens an der kanarischen Küste. Direkt neben dem Charco liegt zudem Los Caserones, eine bedeutende archäologische Fundstätte mit Spuren vorspanischer Besiedlung.

Der Ort verbindet also auf engstem Raum Landschaft, Archäologie und eine Tradition, die noch immer von den Bewohnern selbst gelebt wird. Der Charco ist deshalb heute auch als Kulturgut von besonderem ethnologischem Interesse geschützt.

Und wer fängt den größten Fisch?

Ganz ohne Wettbewerb kommt selbst eine jahrhundertealte Tradition nicht aus. In vergangenen Jahren wurden Preise dafür vergeben, wer besonders viele Meeräschen fing oder den größten beziehungsweise schwersten Fisch aus dem Wasser holte. Doch vermutlich ist das nicht der eigentliche Grund, warum jedes Jahr Tausende Menschen nach La Aldea kommen.

Die meisten werden ohne Rekordfisch nach Hause gehen. Dafür erleben sie einen Moment, den es nur einmal im Jahr gibt: Menschen stehen dicht gedrängt hinter einer weißen Linie, warten gemeinsam auf einen Knall und laufen dann in dasselbe schlammige Wasser, in dem schon Generationen vor ihnen Fische gefangen haben.

Beim Día del Charco wird Geschichte nicht vorgeführt. Um fünf Uhr nachmittags läuft man einfach mitten hinein.