Wenn eine Handtasche zum Gewächshaus wird
Beim ersten Helsinki Circus Festival trifft finnischer Gegenwartszirkus auf Kartoffelkronen, Gewächshaus-Handtaschen, Todesräder und Steckenpferde. Was ist aus dem klassischen Zirkus geworden?
Eine Kartoffel wird zur Krone. Eine Handtasche zum Gewächshaus. Zwei Artistinnen balancieren an schwingenden Trapezen, kämpfen mit Hörnern aus Ingwer und geraten dabei auch noch in den Schlamm.
Willkommen im Zirkus.
Wer bei diesem Wort allerdings zuerst an Löwen hinter Gittern, Elefanten in der Manege und einen Dompteur mit Peitsche denkt, dürfte beim Helsinki Circus Festival ziemlich lange danach suchen. Wenn das Festival am 10. September 2026 zum ersten Mal seine Türen und sein Zirkuszelt öffnet, zeigt es eine andere Welt: den finnischen Gegenwartszirkus.
Vier Tage lang stehen 13 Produktionen auf dem Programm. Es gibt Straßenzirkus und Akrobatik, Comedy und Performancekunst, neue Magie und Vorstellungen für Kinder. Gespielt wird in mehreren Kulturzentren Helsinkis, auf Straßen und Plätzen – und ganz klassisch in einem großen Zirkuszelt in Suvilahti, einem ehemaligen Industriegebiet der finnischen Hauptstadt.
Ist das noch Zirkus?
Die Kartoffelkrone und die Gewächshaus-Handtasche gehören zu „Memoirs of Mud“. Die Finnin Inka Pehkonen und die britische Handstandakrobatin Imogen Huzel bewegen sich darin zwischen einer künstlichen, sterilen Welt und einer ziemlich matschigen Natur. Sie benutzen ihre Körper, Trapeze und merkwürdige Gegenstände, um mit dem Gegensatz zwischen Natur und Künstlichkeit zu spielen. Sprache braucht die Vorstellung nicht.
Das ist weit entfernt von der klassischen Abfolge aus Tierdressur, Jongleur, Clown und Hochseilnummer.
Und trotzdem ist vieles erstaunlich vertraut.
Da sind Körperbeherrschung und Risiko. Da ist die Lust an der Überraschung. Menschen fliegen durch die Luft, balancieren, jonglieren und bringen das Publikum zum Lachen. Selbst das Zirkuszelt ist noch da.
Nur die Grenzen zu Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst sind durchlässig geworden.
Das lässt sich am Eröffnungstag besonders gut beobachten. Während Memoirs of Mud im Kulturzentrum Caisa gespielt wird, stehen im Zirkuszelt bei „Ensembled“ neun Akrobaten und ein Jazz-Schlagzeuger auf der Bühne. Die Gruppe Arctic Ensemble arbeitet unter anderem mit der sogenannten Korean Double Cradle, einer selbst im internationalen Zirkus seltenen Form der Luftakrobatik. Später am Abend verbindet Nonstop Paradise wiederum Zirkus mit Performance sowie Klang- und Videokunst.
Zirkus ist hier weniger eine bestimmte Sammlung von Nummern als eine Möglichkeit, Geschichten und Ideen mit Körpern, Gegenständen, Raum und Risiko zu erzählen.
Und wo sind die Pferde?
Ganz verschwunden sind sie nicht.
Eine der bekanntesten finnischen Zirkusgruppen trägt sogar den Namen Race Horse Company.
Wer deshalb Pferde im Stall sucht, wird allerdings enttäuscht. Die 2008 gegründete Compagnie wurde mit ausgesprochen körperlichen, wilden Produktionen bekannt. Chaos, schwarzer Humor und Akrobatik gehören zu ihrem Markenzeichen. Mit Stücken wie Petit Mal und Super Sunday tourte sie international; ihre Gründer erhielten 2016 den finnischen Staatspreis für Zirkuskunst. Beim Festival zeigt die Race Horse Company „Spinsane“ – zwei Artisten, Hannu Abonce und Sylvain Briani-Colin, wirbeln dabei in und auf einem sogenannten Todesrad.
Aber die Sache mit den Pferden wird noch besser.
Kalle Lehto von der Race Horse Company hat tatsächlich einen Pferdezirkus geschaffen: „Chevalier – Hobbyhorse Circus“.
Seine Pferde brauchen allerdings weder Stall noch Heu.
Es sind Steckenpferde.
Lehto greift darin ausdrücklich die Tradition des alten Pferdezirkus auf. Mit seinen Hobby Horses jongliert und balanciert er, baut Akrobatik ein und verbindet das Ganze mit der Ästhetik alter Stummfilme. Die Steckenpferde übernehmen dabei die Rollen, für die früher echte Zirkuspferde in der Manege standen. Die Produktion feierte bereits 2019 Premiere und ist noch 2026 international unterwegs.
Dass eine solche Idee aus Finnland kommt, passt ziemlich gut. Hobbyhorsing hat dort längst eine eigene Szene entwickelt. Beim Helsinki Circus Festival selbst steht Chevalier zwar nicht auf dem Spielplan – aber es zeigt besonders schön, wie spielerisch der finnische Gegenwartszirkus mit seinen eigenen Traditionen umgehen kann.
Die alten Hasen drehen weiter am Rad
Denn neu ist diese Art von Zirkus längst nicht mehr.
Die Race Horse Company arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten daran. Andere Gruppen des Festivals sind jünger, haben aber ebenfalls internationale Erfahrung. Das Arctic Ensemble wurde 2018 gegründet; seine Mitglieder waren inzwischen auf Tournee in Japan und wirkten auch in Produktionen des Cirque du Soleil mit.
Damit erzählt das erste Helsinki Circus Festival nicht von einer Kunstform, die gerade erst erfunden wird. Es zeigt vielmehr, wie weit sie sich bereits entwickelt hat.
Das klassische Zirkusbild ist dabei nicht vollständig verschwunden. Es steckt noch im Zelt, in der Akrobatik, im Risiko, im Humor und in dem Augenblick, in dem jemand etwas tut, bei dem das Publikum unwillkürlich den Atem anhält.
Nur womit man Menschen zum Staunen bringt, hat sich verändert.
Manchmal genügt dafür heute eine Kartoffel als Krone, eine Handtasche als Gewächshaus – oder ein Zirkuspferd am Holzstab.