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Europäische Kultur entdecken · 22. August 2026

Wenn Geschichten über das Meer reisen: Wie Island seinen Büchern neue Sprachen gibt

In Island heißt das Kinderbuch „Tjörnin“. In Deutschland wurde daraus „Ein Teich für uns“, in den Niederlanden „De vijver“ und in Litauen „KŪDRA“. Der Teich bleibt derselbe – aber Übersetzer sorgen dafür, dass seine Geschichte immer neue Leser erreicht.

Gezeichnete Gartenlandschaft mit einem kleinen Teich, an dem zwei Kinder Tiere und Pflanzen beobachten. Im Vordergrund liegt ein geöffnetes Kinderbuch; daneben deuten mehrere Bücher und lose Sprachzettel an, dass dieselbe Geschichte in unterschiedlichen Sprachen gelesen wird.
Ein Teich, mehrere Sprachen: Die Illustration greift den Weg von Rán Flygenrings „Tjörnin“ zu Lesern in anderen Ländern auf, ohne ein vorhandenes Buchcover nachzubilden. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Ein Teich reist los

Ein Teich kann eigentlich nicht besonders weit reisen.

Dieser hier schafft es trotzdem.

In Island heißt das Kinderbuch von Rán Flygenring „Tjörnin“. Zwei Kinder entdecken eine merkwürdige Mulde im Garten und beschließen schließlich, daraus einen Teich zu machen. Bald kommen Pflanzen und Tiere, aber auch andere Menschen hinzu. Aus einer kleinen Idee entstehen Fragen nach Natur, Freiheit, Zusammenleben und der Kunst, miteinander Kompromisse zu finden.

Die Geschichte blieb nicht in Island.

In den Niederlanden erschien sie als „De vijver“. Seit Februar 2026 können deutsche Kinder sie unter dem Titel „Ein Teich für uns“ lesen, übersetzt von Anika Wolff. Im Juni kam in Litauen „KŪDRA“ hinzu.

Der Garten bleibt derselbe. Der Teich auch.

Nur die Wörter verändern sich.

Ein Buch wird noch einmal geschrieben

Genau darin steckt die Arbeit eines Übersetzers.

Ein isländischer Satz lässt sich nicht einfach Wort für Wort in eine andere Sprache verschieben. Ein Witz soll weiterhin witzig sein. Ein Kind muss auch in der Übersetzung wie ein Kind sprechen. Ein ungewöhnlicher Satz darf nicht plötzlich gewöhnlich klingen, nur weil es dafür keine exakt entsprechende Formulierung gibt.

Wer ein Buch übersetzt, muss deshalb immer wieder entscheiden: Was sagt dieser Satz – und was macht er mit dem Leser?

Die Geschichte soll am Ende vertraut klingen, obwohl sie aus einer anderen Sprache kommt. Gleichzeitig soll sie nicht so angepasst werden, dass von ihrem Ursprung kaum noch etwas übrig bleibt.

Das ist eine stille Arbeit. Auf dem Buchcover steht meistens zuerst der Name des Autors. Doch zwischen dem isländischen Original und einem Kind, das die Geschichte auf Deutsch, Niederländisch oder Litauisch liest, steht ein Mensch, der für jedes Kapitel neue sprachliche Entscheidungen treffen musste.

Island baut Brücken für seine Bücher

2026 rückt das Icelandic Literature Center Kinder- und Jugendliteratur besonders in den Mittelpunkt seiner internationalen Arbeit. Ausländische Verlage können Unterstützung erhalten, wenn sie isländische Bücher übersetzen und veröffentlichen wollen.

Für Kinder- und Jugendbücher können in diesem Jahr bis zu 70 Prozent der Übersetzungskosten gefördert werden, höchstens 500.000 isländische Kronen. Bei illustrierten Kinderbüchern ist unter bestimmten Voraussetzungen auch eine Beteiligung an Druckkosten möglich. Die nächste Bewerbungsfrist endet am 15. September.

Dabei reicht es nicht, einfach ein interessantes Buch vorzuschlagen. Der ausländische Verlag muss bereits die Rechte erworben und einen Vertrag mit einem Übersetzer geschlossen haben. Auch dessen Erfahrung spielt bei der Entscheidung über die Förderung eine Rolle. Üblicherweise soll in die eigene Muttersprache übersetzt werden.

Das zeigt, dass zwischen einem isländischen Buch und seiner Ausgabe in einem anderen Land eine ganze Kette von Menschen steht: Autor und Illustrator, Verlag, Rechteinhaber, Übersetzer und schließlich ein neuer Verlag, der überzeugt genug von der Geschichte ist, sie seinen Lesern vorzustellen.

Eine kleine Sprache, viele Leser

Für Literatur aus Island ist diese Arbeit besonders wichtig. Ein Buch, das nur auf Isländisch erscheint, erreicht außerhalb des Landes zunächst nur einen kleinen Teil der Menschen, die seine Geschichte vielleicht interessieren könnte.

Eine Übersetzung verändert das.

Sie macht die isländische Sprache selbst nicht größer. Aber sie verkleinert die Entfernung zwischen einer Geschichte und ihren möglichen Lesern.

Plötzlich können Kinder in Hamburg, Amsterdam oder Vilnius an demselben Teich stehen. Sie können über dieselben Figuren lachen, sich über dieselben Erwachsenen ärgern oder darüber streiten, wem dieser Teich eigentlich gehört.

Und vielleicht vergessen sie beim Lesen sogar für eine Weile, dass das Buch einmal in einer Sprache geschrieben wurde, die sie selbst nicht verstehen.

Der Teich bleibt

Am Ende ist das vielleicht das Merkwürdige am Übersetzen.

Fast alle Wörter werden ausgetauscht – und trotzdem soll möglichst wenig verloren gehen.

„Tjörnin“, „De vijver“, „Ein Teich für uns“ und „KŪDRA“ sehen auf dem Buchdeckel unterschiedlich aus. Dahinter wartet jedoch dieselbe Geschichte.

Ein Teich reist also von Island in andere Länder, ohne seinen Garten verlassen zu müssen.

Die Geschichte bleibt.

Die Wörter machen die Reise.