Wenn Innenhöfe wieder klingen: Zehn Jahre WarszeMuzik in Warschau
WarszeMuzik bringt Kammermusik in erhaltene Warschauer Innenhöfe und an den Umschlagplatz. Dabei treffen die Geschichte jüdischen Lebens, die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und der heutige Alltag der Stadt hörbar aufeinander.
Vom 1. bis 30. August 2026 findet in Warschau die zehnte Ausgabe von WarszeMuzik statt. Das von der Flötistin Ania Karpowicz und dem Pianisten Marek Bracha gegründete Festival bringt Kammermusik nicht nur in Konzertsäle, sondern auch in erhaltene Vorkriegsinnenhöfe, an Erinnerungsorte und mitten in den heutigen Alltag der Stadt.
Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Innenhöfe der Warschauer Mietshäuser dicht genutzte Lebensräume. Wohnungen, Werkstätten und kleine Geschäfte lagen nah beieinander. Kinder spielten, Nachbarn begegneten sich und ein großer Teil des jüdischen Lebens der Stadt spielte sich auch in diesen Häusern und Höfen ab.
Während der deutschen Besatzung wurden viele dieser Orte Teil des Warschauer Ghettos. Überfüllung, Hunger, Verfolgung und das Leben in Verstecken und Bunkern veränderten sie grundlegend. Nach dem Aufstand im Ghetto wurden große Teile des Viertels niedergebrannt und zerstört.
Nach dem Krieg entstand auf und aus den Trümmern ein neues Muranów. Neue Bewohner zogen ein, während die Spuren des früheren jüdischen Lebens vielerorts verschüttet, zerstört oder erst Jahrzehnte später wieder sichtbar gemacht wurden. Die erhaltenen Höfe sind deshalb keine unveränderten Überreste. Ausgebesserter Putz, erneuerte Leitungen und Reparaturen aus verschiedenen Jahrzehnten zeigen, dass sie weiterhin bewohnt, gepflegt und verändert werden.
Ein wiederkehrender Spielort des Festivals ist der Umschlagplatz. Ursprünglich gehörte das Gelände an der Stawki-Straße zu einem Eisenbahn- und Güterbahnhof. Während der deutschen Besatzung wurde es zum Sammelplatz für die Deportationen aus dem Warschauer Ghetto. Seit Juli 1942 wurden von dort Hunderttausende jüdische Menschen vor allem in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt. Das POLIN-Museum erinnert an die sogenannte Große Aussiedlungsaktion.
WarszeMuzik versucht nicht, den Klang der Vorkriegszeit nachzustellen. Die Musik stellt vielmehr Beziehungen zwischen den Orten, den Biografien der Komponisten und der heutigen Stadt her. Dabei bleiben Geräusche aus den Höfen hörbar: Schritte, Stimmen, offene Fenster oder das Spiel von Kindern können Teil des Konzerterlebnisses werden. Auch die beiden Festivalalben verbinden Kammermusik mit Tonaufnahmen aus alten Warschauer Mietshäusern.
Am 9. August spielt die Pianistin Eiby Zieleniec am Umschlagplatz Werke von Mieczysław Wajnberg, Józef Koffler, Joseph Achron und Zvi Avni. Am 15. August folgt in der Chmielna 122 eine Premiere für Klarinette, Stimme und einen ausdrücklich als „lebendiger Innenhof“ bezeichneten Aufführungsort. Das vollständige Programm von WarszeMuzik 2026 zeigt, wie historische Musik, neue Kompositionen, Stadtführungen und Gespräche miteinander verbunden werden.
Das Festival macht Erinnerung nicht zu einer abgeschlossenen Ausstellung. Die Vergangenheit und das heutige Warschau teilen sich denselben Raum – und manchmal auch dieselben Geräusche.