Wenn Kasper Verwandte in ganz Europa hat
Auf dem Rynek Nowego Miasta in Warschau treffen alte europäische Handpuppentraditionen aufeinander. Dabei zeigt sich: Kasper, Gašparko und Punch haben mehr gemeinsam, als ihre Namen vermuten lassen.
Auf dem Rynek Nowego Miasta in Warschau tauchen an diesem Sonntag Gestalten auf, die vielen Besuchern merkwürdig vertraut vorkommen könnten. Da ist ein kleiner Kerl mit auffälliger Nase und großer Klappe. Ein Polizist versucht, für Ordnung zu sorgen. Und irgendwann erscheint sogar ein Krokodil.
Wer als Kind Kasperletheater gesehen hat, kennt dieses Personal vielleicht. Nur heißen die Figuren hier teilweise anders.
Beim internationalen Festival „Lalka na Scenie“ treffen Puppenspieler aus mehreren europäischen Ländern aufeinander. Einer der prägenden Künstler ist der Slowake Ivan Gontko, zugleich künstlerischer Leiter des Festivals. Aus Großbritannien kommt Gary Wilson mit Professor Gary’s Punch & Judy Show. Und plötzlich lässt sich auf einem Warschauer Platz etwas beobachten, das weit über eine einzelne Vorstellung hinausführt:
Wie ähnlich sich Europas alte Handpuppentheater manchmal sind.
Kasper, Gašparko und Punch
Schon die Hauptfiguren scheinen miteinander verwandt. In Deutschland kennen wir Kasper oder Kasperle, in der Slowakei begegnet uns Gašparko, in Tschechien Kašpárek, und in Großbritannien schlägt sich Mr Punch seit Jahrhunderten durch seine Geschichten.
Sie sind nicht einfach dieselbe Figur mit unterschiedlichen Namen. Jede dieser Theatertraditionen hat ihre eigene Geschichte entwickelt. Aber ihre Hauptfiguren übernehmen auffällig ähnliche Rollen: Sie sind frech, lassen sich von Autoritäten wenig gefallen, geraten ständig in Schwierigkeiten und sprechen häufig direkter mit ihrem Publikum als die vernünftigeren Gestalten um sie herum.
Noch erstaunlicher wird es, wenn man sich ihre Mitspieler anschaut. Wer Aufführungen von Gašparko und von Punch and Judy miteinander vergleicht, entdeckt nicht nur den frechen Helden. Auch der Polizist und das Krokodil gehören zu den vertrauten Gegenspielern.
Da reist offenbar nicht nur eine einzelne Figur durch Europas Kulturgeschichte. Es reist eine ganze Idee davon, wie solche Geschichten funktionieren können.
Eine Puppe, die Generationen überlebt
Zu Gontkos Theaterwelt gehört eine besondere Gašparko-Figur. Die Warschauer Veranstalter berichten von einer mehr als hundert Jahre alten Puppe in seiner Obhut, die inzwischen zu einem Symbol des Festivals geworden ist.
Das verändert den Blick auf das Wort „Tradition“. Eine solche Figur hat nicht hundert Jahre lang denselben Spieler. Menschen übernehmen sie, bewegen sie, geben ihr Stimme und Charakter und reichen sie irgendwann weiter.
Die Puppe bleibt.
Gerade 2026 passt dieser Gedanke besonders gut: Auch Hurvínek, eine der bekanntesten tschechischen Puppenfiguren, wird hundert Jahre alt. Gemeinsam mit seinem älteren Bühnenvater Spejbl war er früher auch in Deutschland ausgesprochen bekannt. Viele Jugendliche dürften die beiden heute kaum noch kennen – doch in Tschechien gehören sie weiterhin zu einer lebendigen Theatertradition.
Eine Puppe kann also mehrere Generationen ihres Publikums überleben und trotzdem beim nächsten Auftritt wieder so tun, als sei gerade alles zum ersten Mal passiert.
Warum lebt dieses Stück Holz plötzlich?
Dabei geschieht beim Puppentheater etwas Seltsames.
Man weiß natürlich, dass die Figur nicht lebt. Man sieht eine bemalte Nase, Stoff, Holz und vielleicht sogar die Hand des Spielers. Trotzdem dauert es oft nur wenige Augenblicke, bis der Zuschauer nicht mehr denkt: Da bewegt jemand eine Puppe.
Stattdessen denkt er: Was macht der denn jetzt?
Plötzlich ist die Figur neugierig, wütend, feige oder übermütig. Sie erschrickt vor dem Krokodil. Sie legt sich mit dem Polizisten an. Und das Publikum reagiert auf sie, als hätte sie tatsächlich einen eigenen Willen.
Diese Vorstellung hat Europa sogar eine seiner berühmtesten Geschichten geschenkt. In Carlo Collodis „Pinocchio“ wird aus einer Holzfigur tatsächlich ein lebendiges Wesen. Was dort durch die Fantasie des Schriftstellers Wirklichkeit wird, versuchen Puppenspieler jeden Tag auf einer Bühne: einem unbelebten Gegenstand für einige Minuten Persönlichkeit einzuhauchen.
Dafür braucht es keine Fee. Bewegung, Rhythmus, Stimme, gutes Timing – und ein Publikum, das bereit ist, sich darauf einzulassen – genügen.
Wenn das Krokodil Grenzen überschreitet
Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung dafür, warum solche Figuren Grenzen so leicht überwinden konnten. Man muss nicht jedes Wort verstehen, um zu erkennen, dass der Polizist Ärger bedeutet oder dass man besser aufpasst, wenn hinter der Hauptfigur plötzlich ein Krokodil auftaucht.
Natürlich haben Kasper, Gašparko, Kašpárek und Punch ihre eigenen Geschichten. Gerade deshalb ist es interessant, ihre Ähnlichkeiten zu entdecken. Aus einer gemeinsamen europäischen Theaterwelt sind regionale Traditionen entstanden, die sich über lange Zeit verändert haben und trotzdem noch Spuren ihrer Verwandtschaft tragen.
Beim Warschauer Festival stehen solche Traditionen nun wieder nebeneinander. Ivan Gontko bringt seine Erfahrung mit dem slowakischen Figurentheater mit, Gary Wilson die britische Welt von Punch and Judy, und weitere Künstler aus Polen und Tschechien zeigen ihre eigenen Formen des Spiels.
Vielleicht ist deshalb ausgerechnet ein Krokodil ein ziemlich gutes Symbol für europäische Kulturgeschichte.
Es braucht keinen Reisepass.
Und wenn irgendwo eine kleine Bühne aufgebaut wird und ein frecher Kerl seinen Kopf herausstreckt, ist es womöglich längst vor ihm da.