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Europäische Kultur entdecken · 12. September 2026

Wenn Musik Grenzen einfach überspielt

61 Quadratkilometer Staat, drei Türme auf einem Berg – und am Samstag ziemlich viel Musik. Beim Musikfest Adriatica treffen in San Marino Ensembles aus Österreich, der Schweiz und Italien auf eine Republik, die selbst seit Jahrhunderten zwischen Eigenständigkeit und enger Verbindung mit ihren Nachbarn lebt.

Illustration des Musikfest Adriatica in San Marino: Eine Gruppe junger Musikerinnen und Musiker spielt mit Klarinetten, Trompeten, Hörnern, Saxofon, Tuba und Trommel in der historischen Altstadt. Im Hintergrund erhebt sich der Monte Titano mit den Festungstürmen über der Landschaft.
Musik vor historischer Kulisse: Beim Musikfest Adriatica treffen Ensembles aus mehreren Ländern in der Altstadt von San Marino zusammen. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

61 Quadratkilometer Staat, drei Türme auf einem Berg – und am Samstag ziemlich viel Musik. Beim Musikfest Adriatica treffen in San Marino Ensembles aus Österreich, der Schweiz und Italien auf eine Republik, die selbst seit Jahrhunderten zwischen Eigenständigkeit und enger Verbindung mit ihren Nachbarn lebt.

San Marino ist klein genug, dass die Zahl zunächst fast wie ein Druckfehler wirkt: 61,19 Quadratkilometer misst die gesamte Republik. Über ihr erhebt sich der 755 Meter hohe Monte Titano mit der historischen Hauptstadt, ihren Mauern und den berühmten Festungstürmen. Der Staat ist vollständig von Italien umgeben, grenzt an die Emilia-Romagna und die Marken und gehört trotzdem nicht zu Italien. Das historische Zentrum und der Monte Titano stehen als Zeugnis einer seit dem Mittelalter fortbestehenden freien Republik auf der UNESCO-Welterbeliste. Am 12. September 2026 bekommt diese alte Stadtkulisse allerdings einen ziemlich modernen Soundtrack.

Vier Kapellen und eine ziemlich kleine Republik

Von 11.30 bis 13.30 Uhr zieht das Musikfest Adriatica durch die Altstadt. Die Route beginnt an der Piazza Sant’Agata, führt unter anderem durch die Cava dei Balestrieri und über die Piazza della Libertà und endet wieder am Ausgangspunkt. Angekündigt sind die Jugendkapelle Hartberg und die Jugendkapelle Staatz aus Österreich, die Musikgesellschaft Müswangen aus der Schweiz und die Banda Giovanile Città di Rimini aus Italien. Das Festival selbst beschreibt sein Ziel nicht als Wettbewerb, sondern als Gelegenheit, Menschen kennenzulernen und Musik und Kultur in einer freundschaftlichen, grenzenlosen Atmosphäre auszutauschen.

Wer bei „Blaskapelle“ allerdings sofort nur an Marsch und Polka denkt, unterschätzt die Sache. Die Jugendkapelle Hartberg gehört zur städtischen Musikschule, die bereits 1892 gegründet wurde und heute Hunderte junge Musikerinnen und Musiker in zahlreichen Ensembles ausbildet. Wie weit ihr musikalischer Horizont reicht, zeigte 2026 etwa die Brass-Big-Band der Jugendkapelle mit Musik von Tina Turner, Pink Floyd und Coldplay. Die Musikgesellschaft Müswangen wiederum wurde 1931 in einem kleinen Schweizer Ort gegründet und zählt heute 46 Mitglieder. Hier treffen also nicht einfach vier austauschbare Formationen aufeinander, sondern sehr unterschiedliche Musikkulturen – vom Jugendblasorchester einer österreichischen Musikschule bis zu einem Schweizer Verein, der seit fast einem Jahrhundert zum Dorfleben gehört.

Tradition ist nicht dasselbe wie Stillstand

Besonders schön lässt sich das bei den beiden anderen Ensembles beobachten. Die Jugendkapelle Staatz entstand 1962 noch als „Knabenkapelle“; seit 1970 spielen dort auch Mädchen mit, und über die Jahrzehnte führten Konzertreisen das Orchester immer wieder ins Ausland. Die Banda Giovanile Città di Rimini besteht dagegen erst seit 2012. In ihr spielen ungefähr 25 bis 35 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren. Sie üben nicht nur Konzertstücke, sondern auch choreografierte Märsche und werden dabei darauf vorbereitet, später in die historische Banda Città di Rimini hineinzuwachsen – eine musikalische Institution, deren Geschichte bis 1828 zurückreicht. Tradition bedeutet hier also gerade nicht, immer dasselbe zu spielen. Sie funktioniert nur, wenn eine neue Generation Lust bekommt, selbst ein Instrument in die Hand zu nehmen.

Und dafür bietet San Marino eine passende Bühne. Wer aus Italien hinauffährt, überquert zwar eine Staatsgrenze, hält aber nicht an einem klassischen Grenzposten: San Marino kennt keine regulären Grenzformalitäten für Reisende, die ordnungsgemäß nach Italien eingereist sind. Man kann also beinahe unbemerkt aus der Europäischen Union in einen souveränen Staat fahren, der eigene Gesetze und Institutionen besitzt, aber den Euro verwendet und im Alltag eng mit seinem italienischen Umland verflochten ist. Spätestens das Mobiltelefon kann einen allerdings daran erinnern, dass hier tatsächlich eine Grenze verläuft. San Marino gehört nicht zum EU-/EWR-Raum des „Roam like at home“. Ob Daten und Telefonate trotzdem wie zu Hause abgerechnet werden, hängt deshalb vom jeweiligen Mobilfunkanbieter und Tarif ab. Am Samstag kommen zu dieser ohnehin kaum sichtbaren Grenze noch Musiker aus Österreich und der Schweiz hinzu. Die einen kommen aus EU-Staaten, die anderen nicht – auf der Piazza muss darüber niemand nachdenken.

Und was machen dann die Verträge?

Ganz ohne Regeln funktioniert Europa natürlich trotzdem nicht. Gerade jetzt verhandelt San Marino seine Beziehung zur Europäischen Union neu. Im Juli 2026 hat der Rat der EU die Unterzeichnung und vorläufige Anwendung eines umfassenden Assoziierungsabkommens mit San Marino und Andorra genehmigt. Es soll San Marino weitgehend an einem erweiterten europäischen Binnenmarkt beteiligen und zugleich gemeinsame Regeln etwa für Dienstleistungen, Finanzmärkte, Verbraucherschutz, Bildung, Forschung, Umwelt und Kultur schaffen. Für September ist ein weiterer Schritt im Unterzeichnungsverfahren vorgesehen. San Marino wird dadurch nicht zum EU-Mitglied; der kleine Staat soll aber rechtlich noch enger mit dem Raum verbunden werden, mit dem sein Alltag längst verflochten ist.

Das Musikfest braucht für diese Annäherung weder Verhandlungen noch Vertragsartikel. Zwei Stunden lang reichen Trompeten, Hörner, Klarinetten, Schlagzeug und Menschen, die gelernt haben, aufeinander zu hören. In einer Republik, die seit Jahrhunderten darauf besteht, eigenständig zu bleiben und zugleich mitten in Italien lebt, ist das ein ziemlich passendes Bild: Kultur verbindet über Grenzen hinweg. Die Verträge regeln den Rest.