Wer erzählt, was passiert ist?
Am 26. April 1937 wurde Gernika bombardiert. Kurz darauf begann bereits der Kampf darum, was angeblich geschehen war. Fast neunzig Jahre später suchen Jugendliche aus vier europäischen Ländern mit Rap, Stimme und Bewegung nach ihrer eigenen Antwort.
Eine Stadt liegt in Trümmern. Menschen sind tot, verletzt oder auf der Flucht. Und noch bevor überhaupt alle Opfer geborgen sind, gibt es zwei Geschichten darüber, was geschehen ist.
Am 26. April 1937 bombardierten deutsche und italienische Luftstreitkräfte Gernika zur Unterstützung der nationalistischen Truppen Francos. Danach bestritt die nationalistische Seite ihre Verantwortung. Stattdessen verbreitete sie die Behauptung, die Stadt sei von den Republikanern beziehungsweise ihren eigenen Bewohnern zerstört worden. Ausländische Journalisten berichteten dagegen über den Luftangriff und trugen dazu bei, dass sich diese Darstellung nicht vollständig durchsetzen konnte. Unter der späteren Franco-Diktatur wurde die Erinnerung an das Bombardement weiter unterdrückt.
Es war also nicht nur ein Angriff auf eine Stadt. Es begann zugleich ein Kampf darum, wer ihre Geschichte erzählen durfte.
Ein Bild ohne Flugzeuge
Ein Mann in Paris verfolgte diese Nachrichten besonders aufmerksam.
Pablo Picasso hatte von der Regierung der Spanischen Republik bereits den Auftrag erhalten, ein großes Werk für den spanischen Pavillon der Pariser Weltausstellung zu schaffen. Zunächst beschäftigte er sich jedoch mit einem anderen Motiv. Dann erreichten ihn Nachrichten und Fotografien aus Gernika. Am 1. Mai 1937 begann Picasso mit der Arbeit an „Guernica“.
Das Merkwürdige daran: Wer auf dem fast acht Meter breiten Gemälde nach einer Erklärung des Angriffs sucht, findet sie nicht. Da steht nicht, welche Armee verantwortlich war. Es gibt keine Landkarte und keinen Zeitstrahl. Picasso zeigt nicht einmal die Flugzeuge, die Gernika bombardierten.
Stattdessen sehen wir eine Mutter mit ihrem toten Kind, ein verwundetes Pferd, einen Stier, verzerrte Gesichter, einen zerstückelten Körper und Menschen voller Angst.
Für jemanden, der 1937 mit moderner Kunst wenig anfangen konnte, war das nicht gerade die einfachste Art, etwas über Gernika zu erfahren. Die Lüge war viel leichter zu verstehen: Die anderen hätten die Stadt selbst zerstört.
Picassos Bild funktionierte anders. Es konnte nicht beweisen, welche Flugzeuge über Gernika geflogen waren. Dafür gab es Augenzeugen, Journalisten, Fotografien und andere Quellen. Aber es gab dem Schrecken ein Bild, das sich weitertragen ließ. „Guernica“ wurde weit über den konkreten Angriff hinaus zu einem Symbol gegen die Gewalt des Krieges.
Heute hängt das Original im Museo Reina Sofía in Madrid. Sein Name führt aber weiterhin zurück in eine kleine baskische Stadt.
Und dort entsteht gerade eine neue Antwort.
Vier Schulen, fast 200 Bewerbungen
Seit dem 3. Oktober arbeiten Jugendliche aus Estland, Griechenland, Italien und Spanien gemeinsam in Gernika. Sie sind zwischen 16 und 19 Jahre alt und gehören zu vier Schulen, die für „Sound in the Silence 2026“ ausgewählt wurden: dem Põlva Gymnasium in Estland, dem Gymnasio me Lykeiakes Takseis Xirokampiou Lakonias in Griechenland, dem Liceo Carlo Tenca in Italien und der Sarriguren Secondary School in Spanien.
Die Auswahl war ziemlich groß: Fast 200 Schulen aus Europa hatten sich beworben.
Eine Woche lang beschäftigen sich die Jugendlichen mit dem Bombardement, mit den Erfahrungen der Zivilbevölkerung, mit Vertreibung, Erinnerung und mit der Desinformation, die den Angriff von Anfang an begleitete. Sie arbeiten dabei nicht nur mit Geschichtsbüchern. Historische Quellen, persönliche Zeugnisse und die Stadt selbst sind Ausgangspunkte ihrer Arbeit.
Auch die begleitenden Workshops für Lehrkräfte beschäftigen sich ausdrücklich mit „Gernika and Fake News“ und mit der Frage, wie historische Erzählungen konstruiert und manipuliert werden können.
Das passt erstaunlich gut zu einer Geschichte, in der schon 1937 zwei völlig unterschiedliche Erzählungen darum kämpften, für wahr gehalten zu werden.
Was macht man daraus?
Jetzt könnte man die Jugendlichen einen Vortrag vorbereiten lassen.
Genau das geschieht nicht.
Der amerikanische Hip-Hop-Künstler Dan Wolf arbeitet als künstlerischer Leiter mit ihnen an kreativem Schreiben und Rap. Die Choreografin und Tänzerin Kat Rampackova übernimmt Bewegung und Tanz. Sean Palmer, Performer, Musiker und Komponist, arbeitet mit Stimme, Sound und Musikalität. Aus diesen unterschiedlichen Ausdrucksformen entwickeln die Jugendlichen gemeinsam Texte, Klang und Choreografie.
Als die Projektwoche am 3. Oktober begann, gab es diese Performance noch nicht. Erst in den vergangenen Tagen sind aus den Begegnungen mit dem Ort, den Quellen und den Geschichten eigene Texte, Bewegungen und Klänge entstanden.
Das macht die Sache ziemlich spannend. Denn die Jugendlichen sollen nicht Picassos „Guernica“ nachspielen. Sie müssen ihre eigene Form finden.
Picasso hatte Farbe, Leinwand und Formen, die 1937 viele Menschen erst entschlüsseln mussten. Diese Jugendlichen haben Sprache, Körper, Rhythmus und Stimme.
Beide stehen allerdings vor einer ähnlichen Frage:
Wie erzählt man von etwas, wenn andere bereits versucht haben, die Geschichte darüber zu verändern?
Heute Abend
Heute, am 10. Oktober, werden die Ergebnisse dieser Woche öffentlich. Um 18 Uhr beginnt die Abschlussperformance in Gernika. Sie führt durch die Straßen der Stadt und ins Friedensmuseum. Anschließend können Publikum, Jugendliche, Künstler, Lehrkräfte und Organisatoren miteinander diskutieren. Der Eintritt ist frei.
Während wir diesen Artikel vorbereiten, kennen wir die einzelnen Texte und Szenen noch nicht. Wir wissen nicht, ob jemand rappen wird, während andere schweigen. Ob eine Bewegung einen zerstörten Ort darstellen wird. Ob eine Zeile aus einem historischen Zeugnis auftaucht. Oder ob die Jugendlichen etwas entwickelt haben, auf das wir überhaupt nicht gekommen wären.
Das sollten wir ihnen überlassen.
Denn „Sound in the Silence“ stellt den Jugendlichen nicht nur die Frage, was 1937 in Gernika geschah. Es gibt ihnen etwas Schwierigeres zu tun: Sie müssen entscheiden, wie sie davon erzählen wollen.
Picasso brauchte dafür 1937 eine riesige Leinwand.
Heute Abend werden wir sehen und hören, was vier Gruppen junger Europäer dafür brauchen.