Wer spielt hier eigentlich?
Eine Orgel erklingt, aber niemand sitzt am Spieltisch. Im Konzerthaus Berlin kann ein Computer erstmals die große Jehmlich-Orgel direkt ansteuern. Doch warum sollte er das überhaupt tun?
Du sitzt in einem Konzertsaal und hörst eine Orgel. Luft strömt durch die Pfeifen, der ganze Raum beginnt zu klingen. Eigentlich fehlt nur etwas, das man bei einem Orgelkonzert erwarten würde: jemand, der die Orgel spielt.
Am Mittwoch, dem 30. September, beginnt im Konzerthaus Berlin das AGGREGATE Festival für automatisierte und zeitgenössische Orgelmusik. Das Eröffnungskonzert trägt den Titel pipes & circuits. Dafür wurde die große Jehmlich-Orgel im Großen Saal technisch erweitert. Zum ersten Mal lässt sie sich direkt von einem Computer ansteuern.
Das klingt zunächst nach elektronischer Musik. Doch genau das ist der interessante Punkt: Der Computer erzeugt keinen künstlichen Orgelklang, der anschließend aus Lautsprechern kommt. Die wirkliche Orgel spielt.
Ein Computer ohne Finger
Ein Organist drückt Tasten und Pedale und wählt Register. Ein Computer hat weder Hände noch Füße. Er kann der Orgel aber Anweisungen schicken: Dieser Ton soll jetzt erklingen. Dieser soll gehalten werden. Nun kommt der nächste.
Die technische Verbindung dafür heißt MIDI. Den Begriff muss man sich nicht merken. Entscheidend ist, was am anderen Ende geschieht: Die Steuerung der Orgel setzt die digitalen Anweisungen um, Ventile geben den Wind für die entsprechenden Pfeifen frei – und im Konzertsaal entsteht ein ganz normaler akustischer Orgelton.
Das Konzerthaus nennt das umgerüstete Instrument deshalb eine Hyperorgel. Seine Tausenden Pfeifen sind nicht plötzlich zu Lautsprechern geworden. Neu ist die Möglichkeit, ihnen vom Computer aus zu sagen, wann sie erklingen sollen. Beim Eröffnungskonzert wird das besonders deutlich: Zwei Teile aus Laurie Spiegels elektronischem Werk The Expanding Universe werden auf der großen Orgel gespielt – ganz ohne Lautsprecher.
Warum sollte man das tun?
Das ist vielleicht die interessantere Frage. Schließlich gibt es Organistinnen und Organisten. Warum also eine Maschine spielen lassen?
Weil ein Computer keine zehn Finger und zwei Füße hat – und deshalb auch nicht an deren Grenzen gebunden ist. Komponierende können Tonfolgen, Wiederholungen und gleichzeitig ablaufende Vorgänge anders planen, wenn kein menschlicher Körper sie unmittelbar ausführen muss.
Genau solche Möglichkeiten möchte das Festival erkunden. Das Berliner Duo gamut inc, Marion Wörle und Maciej Śledziecki, hat AGGREGATE gegründet und kuratiert das Festival. Beide beschäftigen sich seit Jahren mit automatisierten Musikinstrumenten und sind in dieser Saison Residenzensemble der Orgelreihe des Konzerthauses.
Am Mittwoch treffen dabei unterschiedliche Ideen aufeinander. Seth Horvitz alias Rrose bringt seine studies for automated pipe organ zur Uraufführung. Musik von Phillip Sollmann und Konrad Sprenger wird für die Konzerthausorgel adaptiert. Und gamut inc lässt die große Jehmlich-Orgel mit BLACK SQUARE zusammenspielen – eigens für das Duo entwickelte winddynamische Modularorgeln.
Dann wird aus der Frage „Kann ein Computer Orgel spielen?“ eine musikalische Frage: Was lässt sich damit spielen, was vorher vielleicht gar nicht spielbar war?
Eine alte Maschine bekommt einen neuen Spieler
So völlig fremd sind Maschinen und Orgeln einander ohnehin nicht. Eine Pfeifenorgel ist selbst eine gewaltige technische Konstruktion. Seit Jahrhunderten sorgen Mechanik und Luft dafür, dass aus den Bewegungen eines Menschen Musik entsteht. Jetzt kommt ein neuer Weg hinzu, diese Maschine anzusprechen.
Technische Veränderungen haben Menschen immer wieder gleichzeitig fasziniert und verunsichert. Im 19. Jahrhundert veränderten Dampfmaschine und Eisenbahn nicht nur, was Maschinen leisten konnten, sondern auch das Tempo von Arbeit, Reisen und Alltag. Heute erleben wir bei digitalen Technologien wieder, dass uns nicht allein überrascht, was möglich geworden ist, sondern auch, wie schnell sich die Möglichkeiten verändern.
Im Konzerthaus lässt sich diese Begegnung am Mittwoch tatsächlich hören: auf der einen Seite Pfeifen, Wind und ein Instrument, dessen Grundprinzip Jahrhunderte alt ist; auf der anderen Seite digitale Befehle, die in Sekundenbruchteilen ankommen.
Wer macht die Musik?
Eine Grenze bleibt am Mittwoch allerdings ziemlich klar. Der Computer hat nicht beschlossen, ein Konzert zu geben. Menschen haben die Musik komponiert, adaptiert und programmiert. Der Rechner übermittelt Spielanweisungen. Die Orgel setzt sie in Luft und Klang um. Das Ergebnis hören schließlich wieder Menschen.
Das AGGREGATE-Eröffnungskonzert beginnt am Mittwoch, 30. September, um 20 Uhr im Großen Saal des Konzerthauses Berlin. Auf dem Programm stehen Laurie Spiegel, Rrose, Sollmann/Sprenger und gamut inc; das Konzert dauert mit Pause ungefähr bis 22.30 Uhr.
Aber die neue Verbindung zwischen Computer und Orgel lässt eine Frage offen. Heute entscheiden Menschen, welche Musik der Computer an die Orgel weitergibt. Eine künstliche Intelligenz könnte irgendwann auch diesen ersten Schritt übernehmen und ihre eigene Musik unmittelbar von echten Pfeifen spielen lassen.
Wer komponiert dann? Wer spielt? Und wäre das Ergebnis noch immer Orgelmusik?