Wie klingt ein Selbstporträt?
Bei Smetana kann Musik einen Fluss vor unserem inneren Auge entstehen lassen. In Tallinn stellt das TubIN Festival eine schwierigere Frage: Kann Musik auch etwas von einem Menschen zeigen?
Bei Smetanas Moldau braucht man keine Landkarte, um auf eine Reise zu gehen. Die Musik lässt einen Fluss entstehen: zunächst klein, dann breiter, in Bewegung, an Landschaften und Menschen vorbei. Natürlich fließt dabei kein echtes Wasser durch den Konzertsaal. Das Bild entsteht im Kopf. Musik kann also etwas zeigen, obwohl es gar nichts zu sehen gibt.
Aber funktioniert das auch mit einem Menschen?
Am Freitag, dem 2. Oktober, trägt ein Konzert beim estnischen TubIN Festival in Tallinn den Titel „Minapilt“ – „Self-Portrait“, Selbstporträt. Das Estnische Nationale Sinfonieorchester spielt unter Mihhail Gerts drei Werke von Eduard Tubin. Zusammen sollen sie verschiedene Seiten des Komponisten hörbar machen. Nur: Wie malt man ein Selbstporträt, wenn man keinen Pinsel hat?
Was zeigt Musik von einem Menschen?
Ein gemaltes Selbstporträt kann sehr viel erzählen. Welche Kleidung trägt jemand? Wohin schaut er? Was steht hinter ihm? Welche Farben benutzt er? Selbst die Entscheidung, was auf dem Bild nicht zu sehen ist, kann etwas über einen Menschen verraten.
Musik hat all diese Möglichkeiten nicht. Sie kann uns Tubins Augenfarbe nicht zeigen und nicht, wie er beim Komponieren dasaß. Dafür kann ein Komponist andere Entscheidungen treffen: Welche Melodien kehren wieder? Welche Klänge gehören für ihn zur Heimat? Wann wird die Musik still, wann unruhig, wann fast ausgelassen? Vielleicht entsteht ein musikalisches Selbstporträt deshalb nicht aus Ähnlichkeit, sondern aus Auswahl.
Das Tallinner Konzert stellt dafür drei sehr unterschiedliche Werke nebeneinander: die Sinfonietta über estnische Motive, das zweite Violinkonzert und die 5. Sinfonie. Das Festival beschreibt die Sinfonietta als helle Klanglandschaft, in der Nachdenklichkeit mit der Ausgelassenheit eines Dorffestes wechselt. Darin zeige sich auch etwas von der jugendlichen, ländlichen Seite, die zu Tubins Selbstbild gehöre.
Das ist schon etwas anderes als ein Passfoto.
Kann man Herkunft hören?
Eduard Tubin wurde 1905 in Estland geboren, studierte in Tartu und arbeitete dort als Dirigent, Chorleiter und Komponist. 1944 verließ er Estland und ging nach Schweden, wo er den Rest seines Lebens verbrachte.
Damit könnte man nun sehr schnell eine Geschichte über Exil und verlorene Heimat erzählen. Aber vielleicht ist für dieses Konzert etwas anderes interessanter: Was bleibt von einem Ort in einem Menschen, wenn der Mensch längst woanders lebt?
In Tubins 5. Sinfonie lässt sich diese Frage tatsächlich hören. Sie war seine erste im Exil geschriebene Sinfonie. Darin tauchen zwei estnische Melodien auf: Meil aiaäärne tänavas und der Choral Öö lõpeb tääl. Nach Angaben des Festivals ist dies das einzige Mal, dass Tubin in seinen Sinfonien so unmittelbar auf solches überliefertes musikalisches Material zurückgriff. Die Veranstalter zählen die Fünfte deshalb zu seinen persönlichsten Werken.
Vielleicht ist Erinnerung in Musik ein wenig anders als Erinnerung in einem Fotoalbum. Ein Foto zeigt, wie ein Ort einmal ausgesehen hat. Eine Melodie kann dagegen noch Jahrzehnte später Teil dessen sein, wie jemand denkt und empfindet. Dann wäre Herkunft im Selbstporträt nicht der Hintergrund hinter der Person, sondern ein Teil der Person.
Eine einzelne Stimme vor dem Orchester
Zwischen Sinfonietta und Sinfonie steht am Freitag Tubins zweites Violinkonzert von 1945. Hans Christian Aavik spielt den Solopart. Das Festival beschreibt das Werk als dramatisch und verbindet seine Intensität mit jener der kurz darauf entstandenen 5. Sinfonie.
Ein Violinkonzert bietet für unsere Frage noch eine andere Perspektive. Vor einem ganzen Orchester steht plötzlich eine einzelne Stimme. Sie kann sich mit den anderen verbinden, sich gegen sie behaupten, verschwinden und wieder hervortreten.
Natürlich dürfen wir daraus nicht einfach eine Biografie in Tönen erfinden. Eine Solovioline ist nicht automatisch „Tubin“, und eine bestimmte Melodie bedeutet nicht zuverlässig einen bestimmten Gedanken. Aber vielleicht muss ein Selbstporträt auch gar kein Rätsel sein, das wir vollständig entschlüsseln können. Wenn jemand ein Bild von sich malt, wissen wir schließlich ebenfalls nicht bei jedem Pinselstrich, warum er genau dort sitzt.
Drei Werke, ein Mensch?
Genau darin liegt die reizvolle Idee des Programms. Keines der drei Werke muss allein „Eduard Tubin“ erklären. Erst nebeneinander entstehen Unterschiede: hier eine Sinfonietta mit estnischen Motiven und ländlicher Ausgelassenheit, dort die einzelne, dramatische Stimme der Violine und schließlich eine Sinfonie, in der Melodien aus Estland Jahre und Grenzen überqueren und in einer neuen Komposition wieder auftauchen.
Vielleicht ähnelt das einem Selbstporträt sogar mehr als ein einzelnes Bild. Denn auch ein Mensch ist nicht immer gleich. Er kann gleichzeitig von seiner Kindheit geprägt sein, an einem anderen Ort leben, etwas Neues beginnen und trotzdem alte Melodien mit sich tragen.
Das TubIN Festival stellt 2026 deshalb insgesamt die Frage „Who am I?“. Künstlerischer Leiter Mihhail Gerts lädt die Besucher dazu ein, in Tubins Musik nach Bestandteilen seines Selbstbildes – und zugleich nach Bestandteilen des eigenen – zu suchen. Damit verlässt die Frage irgendwann Eduard Tubin und richtet sich an jeden, der zuhört.
Wie würdest du klingen?
Stell dir vor, du dürftest ein Selbstporträt von dir machen. Aber du darfst kein Foto benutzen, nichts zeichnen und kein einziges Wort schreiben. Du bekommst nur Klänge.
Welche drei müssten hinein? Vielleicht ein Geräusch von einem Ort, an dem du aufgewachsen bist. Ein Lied, das jemand in deiner Familie immer gehört hat. Der Klang eines Instruments. Eine Sprache. Ein Bahnhof. Regen am Fenster. Stimmen auf einem Schulhof. Oder etwas, das für Außenstehende vollkommen unbedeutend klingt und trotzdem sofort zu dir gehört.
Vielleicht würde niemand daraus dein Gesicht erkennen. Aber möglicherweise etwas anderes: nicht, wie du aussiehst – sondern etwas davon, wer du bist.
Am Freitag, 2. Oktober, um 19 Uhr spielen das Estnische Nationale Sinfonieorchester, der Geiger Hans Christian Aavik und Dirigent Mihhail Gerts im Estonia Concert Hall in Tallinn Tubins Sinfonietta über estnische Motive, sein zweites Violinkonzert und seine 5. Sinfonie. Das Konzert dauert mit Pause bis etwa 21.15 Uhr.
Bei Smetana kann Musik einen Fluss vor unserem inneren Auge entstehen lassen. Am Freitag in Tallinn kann man ausprobieren, ob sie noch etwas anderes vermag:
etwas von der Seele eines Menschen hörbar zu machen.