Wie weit weg ist weg?
Was du wegspülst, ist nicht unbedingt verschwunden. Beim Festival R.o.R+ in Brda verfolgen Kunst und Wissenschaft den Weg von Mikroplastik – vom Abfluss bis in unsere Umwelt.
Du putzt dir die Zähne, spülst den Mund aus und lässt das Wasser laufen. Schaum, Wasser, Zahnpasta – alles verschwindet im Abfluss. Weg. Aber wie weit weg ist eigentlich weg?
Diese ziemlich einfache Frage führt erstaunlich weit: bis in Kläranlagen, Flüsse und Meere, zu winzigen Kunststoffteilchen, die wir mit bloßem Auge kaum noch erkennen können – und schließlich zu der Frage, was davon wieder bei uns ankommt.
In der slowenischen Region Brda macht das Festival R.o.R+ – Blue Drift: What Flows Through Us genau daraus Kunst und Wissenschaft. Vom 1. bis 4. Oktober geht es in der Vila Vipolže um Wasser, Mikroplastik und eine Grenze, die viel weniger eindeutig ist, als sie zunächst klingt: Wo hört die Umwelt auf – und wo fangen wir an?
Plastik mit Absicht
Mikroplastik entsteht unter anderem, wenn größere Kunststoffteile zerfallen oder Materialien abgerieben werden. Autoreifen gehören zu solchen Quellen, ebenso synthetische Textilien. Es gibt aber auch Mikroplastik, das absichtlich hergestellt und Produkten zugesetzt wurde.
Manche Zahnpasten enthielten früher winzige Kunststoffpartikel, häufig aus Polyethylen. Sie wurden als Schleif- oder Poliermittel eingesetzt. Die kleinen Teilchen erfüllten im Produkt also durchaus einen Zweck – und wurden anschließend beim Zähneputzen einfach ausgespült.
Und genau das ist im Rückblick der merkwürdige Teil der Geschichte: Verschwunden waren sie nur aus dem Waschbecken.
Heute beschränkt die Europäische Union absichtlich zugesetztes Mikroplastik in zahlreichen Produkten. Mikroperlen, die zum Reinigen, Polieren oder Peelen eingesetzt werden, dürfen seit Oktober 2023 nicht mehr neu auf den Markt gebracht werden.
Man kann daraus eine ziemlich unbequeme Frage ableiten: Wann ist eine Erfindung eigentlich eine gute Erfindung? Wenn sie das Problem löst, für das sie entwickelt wurde? Oder erst dann, wenn wir auch darüber nachgedacht haben, was nach ihrer Benutzung mit ihr geschieht?
Der Abfluss ist kein Ende
Eine Kunststoffflasche können wir wiedererkennen. Eine Tüte ebenfalls. Wird Plastik aber immer kleiner, verschwindet irgendwann der Gegenstand aus unserem Blick – nicht jedoch unbedingt das Material.
Mikroplastik kann mit Wasser transportiert werden, sich in Sedimenten ablagern oder von Organismen aufgenommen werden. Genau dieses Wandern steckt im Titel Blue Drift. Das Festival bezieht sich deshalb auf eine ganz reale Wasserlandschaft: auf Soča, Vipava, Tagliamento, kleinere Gewässer der Region und die Adria.
Wasser hält sich nicht an die Linien, die wir auf Landkarten zwischen Ländern und Regionen ziehen. Kleine Teilchen tun es ebenfalls nicht. Was an einem Ort ins Wasser gelangt, kann an einem anderen weitertransportiert werden. „Weg“ bezeichnet dann keinen Ort, sondern zunächst nur den Moment, in dem wir etwas nicht mehr sehen.
Wie sucht man nach etwas, das man kaum sehen kann?
Am Freitag und Samstag wird diese Frage in Vipolže ganz praktisch. GLOBE Italia zeigt am 2. Oktober in einem Pop-up-Labor, wie Wasserproben für die Suche nach Mikroplastik genommen werden und wie winzige Kunststoffteilchen in Gewässern überwacht werden. Am 3. Oktober beteiligt sich zusätzlich das slowenische Institut für Wasser.
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Schritte bei Umweltforschung überhaupt: etwas sichtbar oder messbar machen, das vorher unbemerkt blieb. Denn ein Glas Wasser kann vollkommen sauber aussehen und trotzdem Stoffe enthalten, die wir ohne Hilfsmittel nicht erkennen.
Und genau hier kommt beim Festival die Kunst ins Spiel.
Wenn Plastik plötzlich auf deinem Bild wächst
Bei Plastic Bloom des Duos Lumoskop_lab werden Strukturen aus echten Mikroplastikproben mit dem Bild der Besucher verbunden. Kunststoffpartikel erscheinen plötzlich dort, wo man normalerweise nur sich selbst sieht.
Damijan Šporčić geht einen anderen Weg. Für Fish Food. Back on the Menu arbeitet er mit Plastik, das an Stränden der Kvarner-Region gesammelt wurde. Schon der Titel dreht die Richtung um: Etwas, das wir wegwerfen, kann seinen Weg durch ein Ökosystem fortsetzen.
Das bedeutet nicht, dass jedes Mikroplastikteilchen automatisch vom Abfluss über einen Fisch auf unserem Teller landet. Die Wege sind wesentlich komplizierter. Mikroplastik wurde jedoch in Meeres- und Süßwasser, Lebensmitteln, Trinkwasser und Luft nachgewiesen. Menschen kommen also auf verschiedenen Wegen damit in Kontakt. Welche gesundheitlichen Folgen diese Belastung langfristig hat, ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt.
Gerade deshalb wäre es falsch, daraus eine Gruselgeschichte zu machen. Interessanter ist die andere Erkenntnis: Zwischen „Umwelt“ und „uns“ verläuft offenbar keine wasserdichte Grenze.
Eine Erfindung hat ein Danach
Vielleicht sollten wir deshalb bereits beim Erfinden anders fragen. Nicht nur: Funktioniert es? Nützt es uns? Sondern auch: Was passiert anschließend damit?
Eine gute Erfindung löst nicht nur ein Problem für den Menschen. Sie sollte möglichst vermeiden, dafür an anderer Stelle ein neues zu schaffen.
Bei den Kunststoffpartikeln in Zahnpasta war der unmittelbare Nutzen leicht verständlich: Sie sollten reinigen oder polieren. Das Problem begann dort, wo die Gebrauchsanweisung praktisch endete – am Abfluss.
Heute kennen wir dieses Beispiel. Bei neuen Materialien, neuen Produkten und neuen Technologien wissen wir dagegen häufig noch nicht, welche Frage wir in zwanzig oder fünfzig Jahren rückblickend für selbstverständlich halten werden. Vielleicht ist deshalb nicht nur wichtig, immer neue Lösungen zu erfinden. Vielleicht müssen wir auch besser darin werden, uns den ganzen Weg einer Erfindung vorzustellen.
Was fließt durch uns?
Das R.o.R+ Festival wird am Donnerstag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr in der Vila Vipolže in Brda eröffnet. Die Ausstellung ist vom 2. bis 4. Oktober jeweils am Abend geöffnet. Die angekündigten Mikroplastik-Labore beginnen am Freitag und Samstag jeweils ab 18.30 Uhr.
Der Festivaltitel What Flows Through Us klingt zunächst fast philosophisch. Nach einer Weile wird er erstaunlich konkret: Wasser fließt, Stoffe fließen mit ihm – und manches, das wir längst für verschwunden hielten, setzt seinen Weg einfach fort.
Darum bleibt am Ende eine ziemlich kleine Frage:
Wie weit weg ist weg?