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Europäische Kultur entdecken · 21. September 2026

Wien: Ein Stadtteil lädt ein

FAVORITE FALL macht Wiens 10. Bezirk zur Bühne. Einwohner, AR-Spaziergänge und Grätzltouren laden dazu ein, Favoriten kennenzulernen – ein Wien jenseits der bekannten Sehenswürdigkeiten.

Menschen erkunden Favoriten mit Smartphone und Kopfhörern; Marktstände, Brotfabrik und Böhmischer Prater deuten die Vielfalt des Wiener Bezirks an.
Favoriten entdecken: Zwischen Markt, Brotfabrik und Böhmischem Prater lädt der 10. Wiener Bezirk dazu ein, genauer hinzusehen. Bildquelle: ISKRA SMOKA unter Verwendung künstlicher Intelligenz

Stephansdom, Hofburg und Rathaus, Schloss Schönbrunn und der Prater mit seinem berühmten Riesenrad stehen Schlange, besichtigt zu werden. Wer ein paar Tage Zeit hat, fährt vielleicht auch hinaus zur Donauinsel, genießt von der Reichsbrücke den Blick über das Wasser und entdeckt dahinter die markanten Türme der UNO-City. Man kann also schon ziemlich viel von Wien gesehen haben – und trotzdem an einem der größten Stadtteile fast vorbeigekommen sein.

Direkt südlich des Hauptbahnhofs beginnt Favoriten, der 10. Wiener Gemeindebezirk. Vom 21. bis 27. September wird er beim Kulturfestival FAVORITE FALL zur Bühne. Mehr als 60 Programmpunkte verteilen sich über den Bezirk: Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Theater, Diskussionen, Spaziergänge und Kunst im öffentlichen Raum. Viele Veranstaltungen sind kostenlos. Das Festival findet 2026 zum dritten Mal statt. Doch eigentlich lässt sich die Idee viel einfacher beschreiben: Einwohner laden dazu ein, ihren Stadtteil kennenzulernen und mit ihren Augen zu sehen.

Ein Wien jenseits der Sehenswürdigkeiten

Favoriten ist kein Viertel, das sich an einem einzigen Wahrzeichen erklären lässt. Da ist der Reumannplatz, auf dem Menschen einkaufen, sich treffen oder einfach vorbeikommen. Nicht weit entfernt liegt der Viktor-Adler-Markt. Die Quellenstraße zieht sich durch einen Teil des Bezirks, und in der Absberggasse steht eine ehemalige Brotfabrik, die heute auch ein Kulturort ist.

Und dann gibt es in Favoriten tatsächlich noch einen zweiten Prater. Der Böhmische Prater liegt am Laaer Berg. Er ist wesentlich kleiner als der weltberühmte Wiener Prater und hat seine eigene Geschichte. Beim Festival erzählen Schausteller, Stammgäste und Zeitzeugen von diesem Ort. Dabei geht es nicht nur um Ringelspiel und Riesenrad, sondern auch um die Geschichte jener Arbeiterinnen und Arbeiter aus Böhmen und Mähren, die in Wien unter schweren Bedingungen in den Ziegeleien arbeiteten. Wer Wien bisher vor allem zwischen Hofburg, Rathaus, Schönbrunn und dem großen Prater kennengelernt hat, könnte sich hier tatsächlich fragen: Warum wusste ich davon nichts?

Drei Spaziergänge – und das Handy kommt mit

Eine Besonderheit von FAVORITE FALL sind die [AR]TWALKs. Dafür braucht man keinen Reiseführer und muss nicht einmal eine App installieren. Smartphone und Kopfhörer genügen. Die Spaziergänge verbinden journalistische Recherche, Kunst und Augmented Reality. Während der Festivalwoche sind erstmals alle drei Touren gleichzeitig verfügbar. Man kann sie kostenlos allein, mit Freunden oder mit der Familie unternehmen; wer die Technik zunächst ausprobieren möchte, bekommt im Kulturort Das LOT eine kurze Einführung.

Eine Route führt durch Innerfavoriten: vom Reumannplatz über den Viktor-Adler-Markt und die Quellenstraße bis zur Brotfabrik. Unterwegs begegnen einem Hip-Hop aus dem Gemeindebau, Operngesang aus einem Bierlokal und Performances in einer Unterführung. Jugendliche sprechen über ihre Umgebung, Anwohner und Arbeiter erzählen von ihrem Alltag.

Der zweite Weg führt zum Böhmischen Prater, der dritte beschäftigt sich mit der Brotfabrik. Das Gebäude erzählt dabei keine harmlose Industriegeschichte. Die ehemalige Ankerbrotfabrik ist mehr als 130 Jahre alt. Zeitzeugen und ehemalige Beschäftigte berichten über Erinnerungen an den Ort; zugleich geht es um Arisierung, Enteignung und Verdrängung während der NS-Zeit. Musik, Theater und andere künstlerische Formen machen diese Vergangenheit auf dem Rundgang erfahrbar.

Das Smartphone dient dabei nicht dazu, die Umgebung auszublenden. Es soll helfen, genauer hinzusehen.

Und dann geht man einfach mit

Neben den digitalen Spaziergängen gibt es klassische Grätzltouren. „Grätzl“ ist in Wien die Bezeichnung für ein überschaubares Viertel oder eine Nachbarschaft.

Bei einer der Touren führt Tamara die Besucher von der Gebietsbetreuung in der Quellenstraße zu verschiedenen Kulturorten und schließlich über den Reumannplatz. Dabei gibt es Einblicke in Projekte des Bezirks – und zum Abschluss gehört sogar ein Eis beim berühmten Tichy dazu. Die Führung wird auf Deutsch, Englisch und BKS, also Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, angeboten.

Eine andere Tour startet an der Central European University und führt über den Gellertplatz und den Viktor-Adler-Markt bis zu einem Atelierhaus. Dort stehen nicht die klassischen Sehenswürdigkeiten im Mittelpunkt, sondern Orte, Geschichten und persönliche Perspektiven von Menschen, die Favoriten heute prägen. So entsteht nach und nach ein anderes Bild von Wien: nicht das einer Stadt, deren wichtigste Gebäude schon im Reiseführer markiert sind, sondern das eines Stadtteils, in dem Menschen leben, arbeiten, streiten, Musik machen, Erinnerungen bewahren und neue Orte schaffen.

Wer bestimmt, wie ein Stadtteil gesehen wird?

Diese Frage steckt auch im diesjährigen Festivalmotto: „How to unite in dividing times“ – Wie kommen wir in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung zusammen? Schon am Eröffnungstag, dem 21. September, wird darüber auf dem Reumannplatz gesprochen. Beim Public Polis Process beginnt die Diskussion mit einer kurzen Theaterszene über eine Alltagssituation. Dabei kann das Publikum eingreifen, die Handlung verändern und sogar selbst auf die Bühne gehen.

Anschließend stehen fünf Stühle an einem runden Tisch. Zwei davon sind für Menschen aus dem Publikum bestimmt. Beim ersten Gespräch geht es um Vielfalt, Rassismus und Stereotype im öffentlichen Raum. Gesprochen wird hauptsächlich Deutsch, Beiträge in anderen Sprachen sind ausdrücklich willkommen.

Auch an anderer Stelle experimentiert das Festival damit, wie Menschen einander wahrnehmen. Im Musiktheaterlabor „Dialoge über Weltsysteme“ arbeiten hörende und gehörlose Künstler gemeinsam. Sound, Gebärdensprache, Bilder und Bewegung sollen dabei gleichberechtigt Teil der Performance werden.

Eine Karte voller Kultur

2026 kommt noch etwas Neues hinzu: die FAVORITE_MAP. Zum ersten Mal kartiert das Festival damit die Kulturlandschaft Favoritens. Auch die drei digitalen Spaziergänge sind darin enthalten.

Vielleicht ist gerade diese Karte ein passendes Bild für das ganze Festival. Auf einem klassischen Wien-Stadtplan sind Stephansdom, Hofburg und Schloss Schönbrunn kaum zu übersehen. FAVORITE FALL setzt andere Punkte daneben: eine alte Brotfabrik, einen Markt, einen kleinen Vergnügungspark, ein Atelier, ein Jugendzentrum, eine Bühne auf einem Platz. Keiner dieser Punkte muss wichtiger sein als die berühmten Sehenswürdigkeiten, aber zusammen erzählen sie von einem Wien, das man bei einem ersten Besuch leicht verpassen kann. Und dafür muss man nicht einmal weit fahren: Wer am Wiener Hauptbahnhof ankommt, steht praktisch schon vor der Tür.