Wo beginnt das Heilige?
24 Künstlerinnen und Künstler, eine reformierte Kirche und sehr unterschiedliche Lebenswege: In Sibiu fragt eine Ausstellung, wie zeitgenössische Kunst dem Heiligen begegnet.
Eine Künstlerin arbeitet mit Fäden und Stoffen. Ein anderer hat nicht nur Malerei, sondern auch Theologie studiert. Ein Bildhauer gehört seit Jahren einem britischen Berufsverband an. Ein aus Sibiu stammender Künstler ging zum Studium nach Düsseldorf. Und einer der Beteiligten ist Ehrenbürger der Stadt.
Am 15. September treffen ihre Arbeiten in der reformiert-calvinistischen Kirche von Sibiu zusammen. Dort eröffnet im Rahmen des Festivals Ars SACRA die Ausstellung „Sacralitate în arta contemporană“ – „Sakralität in der zeitgenössischen Kunst“. 24 Künstlerinnen und Künstler aus neun rumänischen Städten beteiligen sich mit Malerei, Skulptur, Grafik, Textilkunst und Installationen.
Dabei geht es nicht einfach darum, Kreuze, Kirchen oder Heilige darzustellen. Die Ausstellung fragt viel weiter: Können Licht, Erinnerung oder Verletzlichkeit etwas Heiliges bekommen? Kann eine Tür mehr bedeuten als einen Eingang? Wo liegt die Grenze zwischen dem, was wir sehen können, und dem, was wir nur ahnen?
Mit Fäden über das Unsichtbare sprechen
Zoe Vida Porumb gehört zu den bekanntesten Namen der Ausstellung. Das rumänische Nationalmuseum für Kunst widmete ihr 2023 eine große Retrospektive mit mehr als 140 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten. Ihre Kunst entsteht nicht vor allem mit Pinsel und Farbe, sondern aus Textilien: Tapisserien, Stickereien und anderen Arbeiten aus Fasern und Stoff.
Religiöse Themen sind für sie keineswegs neu. Zu ihren Werkgruppen gehören Darstellungen der Verkündigung und von Engeln, daneben aber auch Motive aus der Kultur Maramureșs und sehr alte Formen wie Spiralen oder Sonnensymbole. Bei ihr können sich christliche Bilder, regionale Tradition und jahrhundertealte Zeichen begegnen.
Das ist für die Ausstellung in Sibiu wichtig. Denn das Heilige erscheint hier nicht nur als etwas, das einer bestimmten Religion gehört. Es kann ebenso in einem Material, einer Erinnerung oder einem über Generationen weitergegebenen Zeichen stecken.
Ein Maler auf der Suche nach der vierten Dimension
Bei Xántus Géza wird die Verbindung von Kunst und Religion noch unmittelbarer. Er studierte zunächst Kunst, schloss 1995 ein Theologiestudium an der katholischen Péter-Pázmány-Universität in Budapest ab und studierte später Malerei an der Accademia di Belle Arti in Rom. Das Kunstmuseum in Cluj-Napoca und das Brukenthal-Museum in Sibiu haben ihm bereits eigene Ausstellungen gewidmet.
Xántus spricht davon, mit seinen Bildern nach einer „vierten“, transzendenten Dimension zu suchen – nach etwas, das jenseits der drei räumlichen Dimensionen liegt, die wir unmittelbar wahrnehmen. In seinen Bildern beschäftigt er sich mit Licht, Durchlässigkeit und der Vorstellung, dass die sichtbare Welt nicht alles ist.
Und seine Kunst hat einen ungewöhnlichen Weg genommen: Als Papst Franziskus 2019 das siebenbürgische Șumuleu Ciuc besuchte, erhielt er ein Gemälde von Xántus als Geschenk.
Von Sibiu nach Düsseldorf – und zurück
Ganz anders verlief der Weg von Ion-Ilarion Isăilă. Er wurde in Sibiu geboren, studierte zunächst in Rumänien und kam mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland. An der Kunstakademie Düsseldorf arbeitete er unter anderem bei A. R. Penck und David Rabinowitch und wurde Meisterschüler. Später lebte und arbeitete er zwischen Deutschland und Frankreich; seine Arbeiten gelangten in verschiedene Museums- und Ausstellungssammlungen.
Nun taucht sein Name wieder in seiner Heimatstadt auf – zusammen mit Künstlern, deren Biografien in ganz andere Richtungen führen. Gerade das macht die Ausstellung interessant: Es gibt keinen gemeinsamen Lebensweg und vermutlich auch keine gemeinsame Vorstellung davon, was „heilig“ bedeutet.
Stein, Holz – und sehr große Fragen
Auch Eugen Petri bringt eine andere Sprache mit. Er ist Bildhauer, studierte an der Kunstakademie in Bukarest und gehört seit 2007 der britischen Royal Society of Sculptors an. Seine Arbeiten wurden unter anderem in London, Deutschland, Italien und den USA gezeigt.
Damit treffen in Sibiu Textilien auf Skulpturen, Malerei auf Grafik und Künstler mit theologischer Ausbildung auf solche, deren Wege über Düsseldorf, London oder andere Teile Europas führten. Gleichzeitig bleibt die Ausstellung fest mit der Stadt verbunden. Ștefan Orth, selbst beteiligter Künstler und einer der Kuratoren, ist seit 2010 Ehrenbürger von Sibiu.
Das alles findet nicht in einem neutralen weißen Museumsraum statt, sondern in einer Kirche. Auch der Ort mischt sich deshalb in die Ausstellung ein: Architektur, Licht, Geschichte und religiöse Bedeutung sind bereits vorhanden, bevor das erste Kunstwerk hinzukommt.
Muss man glauben, um etwas heilig zu finden?
Ein religiöser Mensch kann in einem Kreuz etwas Heiliges erkennen. Jemand anderes findet dieses Gefühl vielleicht in einem alten Gegenstand, in Musik, in einem Ort, in der Natur oder in der Erinnerung an einen Menschen. Und ein Künstler kann versuchen, etwas sichtbar zu machen, für das es überhaupt kein eindeutiges Bild gibt.
Die Ausstellung in Sibiu liefert darauf keine einzige Antwort. Sie stellt 24 verschiedene Versuche nebeneinander.
Das Heilige beginnt dort, wo ein Gegenstand für jemanden plötzlich mehr bedeutet als nur das, was man sehen kann.