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Europäische Kultur entdecken · 23. August 2026

Zwischen Rumänien und der Ukraine: Horești zeigt, wie Moldau seine Traditionen lebendig hält

Die Republik Moldau ist klein, kulturell und sprachlich aber erstaunlich vielschichtig. Beim Festival „Tezaur Național“ treffen an diesem Wochenende Musik, Trachten, Handwerk und Küche aufeinander – und zeigen, wie Tradition weitergegeben wird, wenn sie im Alltag längst nicht mehr selbstverständlich ist.

Beim Festival Tezaur Național in Horești zeigt eine ältere Frau einem Mädchen traditionelle Webarbeit. Daneben wird gestickt, ein Kind hält Garn und ein Musiker spielt Geige.
Tradition wird weitergegeben: In einer frei nachempfundenen Șezătoare-Szene zeigen ältere Menschen einer jüngeren Generation Handarbeit, während Musik zum gemeinsamen Zusammensein gehört. Bildquelle: ISKRA SMOKA, erstellt in Zusammenarbeit mit KI.

Wer auf der Europakarte zwischen Rumänien und der Ukraine sucht, findet ein Land, das leicht übersehen wird. Die Republik Moldau hat rund 2,4 Millionen Einwohner. Ihre Geschichte führte durch unterschiedliche politische und kulturelle Räume – und das ist bis heute hörbar.

Bei der Volkszählung 2024 bezeichneten zusammen knapp 80 Prozent der Bevölkerung Rumänisch oder „Moldauisch“ als ihre Muttersprache. Daneben gehören Russisch, Gagausisch, Ukrainisch und Bulgarisch zum sprachlichen Alltag des Landes. Russisch wird sogar von einem deutlich größeren Teil der Bevölkerung verstanden als allein die Zahl der Muttersprachler vermuten lässt. Moldau ist deshalb kein kulturell einheitlicher Fleck zwischen zwei größeren Nachbarn, sondern ein kleiner europäischer Kreuzungspunkt.

Heute wird ein Teil dieser kulturellen Geschichte im Dorf Horești, etwa 25 Kilometer südlich von Chișinău, sichtbar. Am 22. und 23. August findet dort zum sechsten Mal das Festival „Tezaur Național“ statt. Von 11 Uhr an gehören das Gelände in der Zone Peatihatca und seine Bühnen Musik, Tanz, Handwerk und traditioneller Küche. Der Eintritt ist frei.

Was bleibt, wenn man es nicht mehr braucht?

Eine handgewebte Decke muss heute kein Haus mehr warmhalten. Kleidung wird nicht mehr von Hand bestickt, weil es keine Alternative zur Nadel gäbe. Und Menschen müssen sich im Winter nicht mehr an einem gemeinsamen Ort versammeln, um bei der Arbeit Geschichten und Lieder auszutauschen.

Trotzdem können all diese Dinge weiterleben.

Beim „Tezaur Național“ werden handgewebte Teppiche ausgestellt, Handwerker zeigen ihre Techniken, und Kinder wie Erwachsene können sie in Workshops selbst ausprobieren. Die Parada Portului Popular bringt traditionelle Kleidung wieder in Bewegung: Sie wird nicht nur ausgestellt, sondern getragen, während Musik- und Tanzensembles aus verschiedenen Regionen des Landes auftreten.

Ein Zimmer für die wichtigen Dinge

Zum Festival gehören außerdem die Bereiche Casa Mare und Ograda Țărănească.

Die Casa Mare, das „große Zimmer“, war in traditionellen moldauischen Häusern ein besonderer Raum. Dort wurden Gäste empfangen und wertvolle Textilien, Teppiche und andere Dinge aufbewahrt. Die Ograda Țărănească, der bäuerliche Hof, erweitert diesen Blick auf das Leben außerhalb des Hauses.

Beim Festival werden solche Räume nicht einfach als Kulisse nachgebaut. Sie bilden den Rahmen für Gegenstände und Handwerk, die einmal selbstverständlicher Bestandteil des Alltags waren.

Zusammensitzen, arbeiten – und erzählen

Besonders interessant ist die große Șezătoare Națională. Eine șezătoare war traditionell ein gemeinschaftliches Treffen, häufig während der langen Herbst- und Winterabende. Menschen arbeiteten zusammen, spannen, nähten oder fertigten andere Dinge an – und gleichzeitig wurde erzählt, gesungen und musiziert.

Beim Festival wird aus dieser alten Form des Zusammenseins ein Ort, an dem traditionelle Techniken noch einmal gemeinsam ausgeübt werden. Damit verändert sich ihre Funktion: Was früher aus Notwendigkeit geschah, wird heute bewusst weitergegeben.

Auch die Küche gehört dazu. Kochvorführungen zeigen traditionelle Gerichte, lokale Produzenten bieten ihre Erzeugnisse an. Musik, Kleidung, Handwerk und Essen stehen dadurch nicht als einzelne Museumsstücke nebeneinander. Sie treffen dort wieder aufeinander, wo Kultur ursprünglich entstanden ist: zwischen Menschen.

Vielleicht ist das gerade in einem Land wie Moldau wichtig.

Denn kulturelle Identität muss dort mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen, Sprachen und regionalen Traditionen zusammenleben. Ein Festival kann diese Vielfalt nicht erklären und schon gar nicht alle Teile des Landes abbilden. Aber es kann zeigen, wie Weitergabe funktioniert.

Ein Teppich kann in einem Museum jahrhundertelang erhalten bleiben. Eine Melodie lässt sich aufnehmen. Ein Rezept kann man aufschreiben.

Lebendig wird Kultur erst wieder, wenn jemand sagt: Zeig mir, wie das geht.

Heute, am 23. August, wird in Horești noch einmal gezeigt, wie Kultur weitergegeben wird: indem jemand vormacht – und jemand anderes sagt: Zeig mir, wie das geht.